23.11.2007 · Einen Blick in die Karriere-Zukunft werfen - wer würde das nicht gerne? Wie verändert sicht die Arbeit? Was werde ich verdienen? Zukunftsforscher Pero Micic versucht den Blick nach vorn. Aber funktionieren Voraussagen überhaupt? Ein Interview.
Mal kurz einen Blick in die Karriere-Zukunft werfen - wer würde das nicht gerne? Wie wird in zehn Jahren die Arbeitswelt aussehen? Wer verdient wieviel? Zukunftsforscher Pero Mićić versucht den Blick nach vorn. Er ist Vorstand der Future Management Group und berät die Führungsteams und Strategen großer Konzerne und führender Mittelständler. Zu seinen Klienten zählten schon beispielsweise Siemens, die Deutsche Bank oder die Lufthansa. Aber funktioniert der Blick in die Zukunft überhaupt? Und was nützt er dem einfachen Arbeitnehmer? Ein Interview.
Herr Mićić, unter einem Zukunftsforscher stellen sich viele Menschen so etwas wie einen professionellen Wahrsager vor. Arbeiten Sie mit Glaskugeln?
Sicherlich nicht. Die Aufgabe eines Zukunftsmanagers, so nennen wir uns hier, ist auch gar nicht, möglichst genau und weit in die Zukunft zu sehen. Vielmehr wollen wir die Menschen überhaupt dazu anregen, strategisch vorauszudenken und die richtigen Fragen zu stellen, um mehr von der Zukunft zu sehen und zu verstehen.
Wenn ich Sie jetzt frage, wie viel ich in zehn Jahren verdienen werde, ist das dann die falsche Frage?
Im Prinzip ja. Was Sie verdienen werden, hängt weitgehend von Ihnen selbst ab. Wenn es aber um das eigene zukünftige Handeln geht, ist Wahrscheinlichkeit die falsche Kategorie. Es geht vielmehr um Möglichkeiten. Der Schlüssel zum besseren Verständnis für Zukunftsmanagement liegt darin, unterschiedlichen Blickwinkel zu kennen, aus denen man die Zukünfte betrachten sollte.
Schade. Solche konkreten Voraussagen wären ja schon spannend gewesen.
Im Gegenteil. Würde man zuverlässig Ihr Einkommen voraussagen können, wäre jegliche Spannung perdu.
Welche Blickwinkel muss man denn betrachten, beim richtigen Blick in die Zukunft?
Es gibt genau fünf Sichtweisen Ich nenne sie die „fünf Zukunftsbrillen“. Man sollte jede einmal aufsetzen und kommt dann zu einem recht umfassenden Bild.
Können Sie das näher erläutern?
Am besten stellt man sich vor, man sei ein Kapitän auf einem Segelschiff. Da muss man sich zunächst fragen, wie sich die Verhältnisse auf See, also der Seegang und das Wetter verändern. Weil das Meer blau ist und diese Sichtweise eher nüchtern und analytisch ist, nenne ich das die blaue Zukunftsbrille. Auf die Karriereplanung bezogen sollte man sich mit dieser Zukunftsbrille fragen, wie sich unser Markt-, Arbeits- und Lebensumfeld in der nächsten Zeit verändern wird. Für diese „Wettervorhersage“ muss man natürlich die richtigen Annahmen treffen und anhand derer ein Bild der zukünftigen Situation entwerfen.
Also blickt man gar nicht wirklich in die Zukunft, sondern macht nur eine vage Wettervorhersage?
Mit der Klärung von Zukunftsannahmen schafft man das Unmögliche. Man sagt nicht die Zukunft voraus, aber man ist sicherer, auf dem richtigen Weg zu sein, weil man die Zukunftsannahmen permanent mit aktuellen Beobachtungen vergleichen kann und sofort merkt, wenn die Zukunft anders zu werden scheint. Wie gesagt: Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass Zukunftsarbeit reine Prognostik ist. Vernünftiges Zukunftsmanagement ist anders.
Wie?
Durch die Zukunftsbrillen umfassender. Es fehlen noch vier. Auf See muss man auch mit Überraschungen rechnen. Wie mit einem Piratenüberfall auf das Segelschiff. Dann fließt Blut und in Anlehnung daran nenne ich die zweite Zukunftsbrille die rote Brille. Schon vor 2.500 Jahren sprach Aristoteles „es ist wahrscheinlich, dass etwas Unwahrscheinliches passiert“. Deshalb muss man sich bei der Zukunftsanalyse fragen, wie man mit möglichen überraschenden Ereignissen und Entwicklungen umgehen würde. Und am besten immer einen Plan B und C auf Lager haben. Wo gehe ich hin, wenn mir überraschend gekündigt wird? Was tue ich, wenn ich mich mit meinem Chef verkrache, etc... Wie könnte ich mit meinem drittliebsten Hobby eine selbstständige Existenz aufbauen? Antworten auf solche Fragen geben ein gutes Gefühl, auf die Überraschungen der Zukunft vorbereitet zu sein.
Es können doch nicht nur negative Dinge in der Zukunft passieren.
Richtig, daher gibt es die Zukunftsbrille der Chancen. Für den Kapitän sind das die potentiellen Destinationen, die fruchtbaren Inseln und Ländern, die man ansegeln könnte. Das ist wegen der Farbe fruchtbarer Inseln und Länder die grüne Zukunftsbrille. Da fragt man sich welche Chancen für neue Karriereschritte aus den zukünftigen Entwicklungen erwachsen könnten. Was kann meine Rolle in den neu entstehenden Branchen und Märkten sein, die ich mit der blauen Zukunftsbrille gesehen habe? Welche Chancen stecken in den sich verändernden Produkten, Prozessen und Strategien? Man sollte sich aber auch fragen, welche Bedrohungen sich daraus für den eigenen Arbeitsplatz ergeben könnten, um daraus gleich wieder Chancen zu entwickeln. Die Bedrohung ist bekanntlich eine Chance in Arbeitskleidung.
Lassen Sie mich raten: Es gibt auch noch eine gelbe Brille?
Exakt. Der Kapitän muss sich entscheiden, wohin er segeln möchte. Bildlich gesprochen segelt der Kapitän der Sonne entgegen. Deshalb nenne ich das die gelbe Zukunftsbrille. Genauso kann und muss man sich bei der Karrierestrategie eine persönliche strategische Vision entwickeln. Wo möchte ich in fünf Jahren stehen? Was möchte ich bis dahin erreicht haben? Um diese Fragen wirklich solide zu beantworten; muss man nicht nur eine Vision, sondern drei bis acht Visionskandidaten entwickelt haben. Erst dann hat man so etwas wie Gewissheit, die beste Vision und Ausrichtung gewählt zu haben.
Jetzt sind wir die Grundfarben durch.
Fehlt noch die violette Brille. Wer auf einem Schiff den Weg zur gemeinsamen Vision plant und dann kräftig zupackt, der erleidet auch den einen oder anderen Bluterguss. Die sind violett. Die violette Zukunftsbrille ist dem Planen und Schaffen der Zukunft gewidmet.
Und diese Technik taugt wirklich nicht dazu, mir vorauszusagen, wie mein Einkommen in zehn Jahren aussieht?
Klares Nein. Weil ich nicht weiß, welche Entscheidungen Sie unterwegs treffen. Noch nicht einmal Sie selbst kennen Ihre zukünftigen Entscheidungen, oder? Man kann aber für einzelne Personen einigermaßen realistische Annahmen treffen und Projektionen über die Einkommensentwicklung wagen. Aber das bringt nichts, weil es zwei Zukunftsbrillen miteinander vermischt und drei andere außer Acht lässt. Das ist der Fehler, den selbst Management-Profis immer wieder machen. Mit allen fünf Zukunftsbrillen gleichzeitig auf der Nase kann man nur Verwirrung stiften.
Über die Arbeitswelt im Jahr 2020 kann man also auch nichts vorhersagen?
Vorhersagen nicht, aber man kann Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten sehen und verstehen. In einem aktuellen Projekt haben wir einige recht realistische, aber nicht überraschende Annahmen getroffen. Zum Beispiel wird etwa ein Drittel der Arbeitnehmer über das Rentenalter hinaus arbeiten. Für etwa die Hälfte der Arbeitnehmer wird die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben so gut wie verschwunden sein. Mehr als 70 Prozent der Arbeitenden haben keine Standard-Arbeitszeit mehr. Aber, es sind Annahmen, keine Prognosen.
Das hört sich unbequem an, aus Sicht der Arbeitnehmer. Wird es da keine Gegenbewegungen geben?
Doch, das mag schon sein. Das wäre dann eine der Überraschungen, die die Zukunft mit Sicherheit für uns bereit hält. Zum Beispiel könnte es passieren, dass die Gewerkschaften wieder extrem erstarken, weil sich die Arbeitnehmer dagegen auflehnen, dass sie immer produktiver werden sollen. Es könnte auch sein, dass Gewerkschaften zu richtigen Karrierenetzwerken werden. Ich persönlich halte es allerdings für wahrscheinlicher, dass sehr viel mehr Arbeitnehmer zu „Arbeitschaffern“ und damit in vielfältiger Form selbstständig sein werden. Viele gerne und freiwillig, aber auch viele gezwungenermaßen. So wie das vor der Industrialisierung normal war.
Eigentlich sagt doch die gängige Forschung eher, dass die Gewerkschaften in Zukunft an Bedeutung verlieren. Der Mitgliederschwund ist doch auch schon voll im Gange.
Deshalb ist das Erstarkungs-Szenario ja das Überraschungs-Szenario - die rote Zukunftsbrille eben. Unwahrscheinlich, aber möglich. Auch Gewerkschaftsführer managen ihre Zukunft. Ein kleiner Teil von ihnen wird die Rolle der Gewerkschaft neu erfinden und ihnen so neues Leben einhauchen. Und schon wird die Unwahrscheinlichkeit plötzlich zur Wahrscheinlichkeit. Sie sehen, wie herausfordernd es ist, über Zukünfte zu sprechen und nachzudenken.
Kann sich das Zukunftsmanagement auch negativ auf Karrieren auswirken?
Definitiv. Jeder managt seine Zukunft, wir haben gar nicht die Wahl. Man kann sich eine perfekte Zukunftsstrategie überlegen - und sein Unternehmen oder sich selbst damit trotzdem gehörig gegen die Wand fahren. Sie können durch Zukunftsmanagement Ihre Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen, aber natürlich nicht den Misserfolg ausschließen. Warum sonst verschwinden selbst bei den weltbesten Unternehmen rund neunzig Prozent der Konsumprodukte nach kurzer Zeit wieder vom Markt?
Wie weit lohnt es sich überhaupt in die Zukunft zu blicken?
Da gibt es eine einfache Daumenregel. Verwirklichungszeitraum größerer Ideen mal zwei. Wenn es also drei Jahre dauert, bis man mit einem neuen Produkt Erträge erzielt, sollte der Denkhorizont sechs Jahre betragen. Dauert es zehn Jahre, wie etwa häufig in der Autoindustrie, muss der Zeithorizont bis zu zwanzig Jahre umfassen. Als Mensch muss man im Prinzip sein gesamtes Leben überblicken. Die persönliche Vision, die gelbe Zukunftsbrille, sollte aber nicht mehr als zehn Jahre umfassen, damit es konkret genug bleibt und damit man nicht sein gesamtes Leben auf eine einzige Vision setzt. Zehn Jahre sind auch für die blaue, grüne und rote Zukunftsbrille ein guter Mittelwert. Für die Strategie und Planung, also die violette Zukunftsbrille, sollte man maximal ein bis drei Jahre vorausdenken. Die Prinzipien des Zukunftsmanagements sind aber für Großunternehmen und den einzelnen Menschen im Wesentlichen gleich. Wir sind ja alle in gewisser Weise Lebensunternehmer und Zukunftsmanager.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2372 | +0,02% |
| Rohöl Brent Crude | 103,25 $ | −3,37% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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