12.12.2008 · Gewalt am Arbeitsplatz ist ein Phänomen, das Psychologen und Unfallkassen schon lange beschäftigt. In der derzeitigen Finanzkrise wird es besonders drastisch. Wissenschaftler sagen: Wann immer Jobs bedroht sind, steigt das Aggressionspotential. Bis hin zum Mord.
Von Nadine BösEs war ein Freitagvormittag Ende November, als der amerikanische High-Tech-Ingenieur Jing W. seine Kündigung auf den Tisch bekam. Schon am Nachmittag tauchte W. wieder an seinem Arbeitsplatz auf - bewaffnet mit einer 9-Millimeter-Pistole. W. erschoss den Vorstandsvorsitzenden seiner Firma, die Personalchefin und einen weiteren Manager. Amerikanische Zeitungen berichten, dass W. zuvor sein Vermögen verloren hatte, da er in mehr als ein Dutzend Immobilien investiert war. Deren Wert schmolz in der amerikanischen Immobilienkrise dramatisch zusammen. Als der Ingenieur dann auch noch seinen Job verlor, drehte er durch und lief Amok.
Nicht der erste und nicht der einzige Fall, in dem die derzeitige Finanzkrise zu Gewalttaten am Arbeitsplatz führt, glauben Fachleute. „Dass die Taten derartig dramatisch sind, ist zwar ein Ausnahmefall“, sagt Jens Hoffmann von der Unternehmensberatung Team Psychologie und Sicherheit, der zusammen mit der Technischen Universität Darmstadt zum Thema Gewalt am Arbeitsplatz forscht. Aber: „In der Finanzkrise werden massenhaft Jobs unsicher, die Unsicherheit führt zu Stress und der Stress wiederum zu möglichen Gewalttaten.“ In Amerika seien schon mehrere Fälle bekannt, in Deutschland bestehe ebenfalls Gefahr. Hoffmann, der seit 2001 auch praktische Beratung für betroffene Unternehmen anbietet, berichtet, allein in den letzten anderthalb Wochen habe er „eine Fallsteigerung und Dichte beobachtet, die mir in diesem Ausmaß in sieben Jahren Aktivität noch nicht begegnet ist“. Sogar zwei Dax-30-Konzerne zählen inzwischen schon zu seinem Kundenkreis.
Die Zahlen sind gestiegen
Gewalt am Arbeitsplatz, also physische Gewalt oder deren Androhung durch Kunden oder Kollegen ist kein bloßes Phänomen der Finanzkrise. In der Krise allerdings spricht viel dafür, dass das Problem deutlich virulenter wird. Anne Gehrke, Referentin am Institut Arbeit und Gesundheit in Dresden, forscht seit vier Jahren für die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung zum Thema Gewalt am Arbeitsplatz. Sie glaubt: „Ein Zusammenhang von Ressourcenknappheit und Gewaltbereitschaft am Arbeitsplatz ist denkbar, obgleich die Angst vor Arbeitsplatzverlust sicherlich nicht die einzige Ursache ist.“ Gehrke erklärt diesen möglichen Zusammenhang mit einer klassischen Stressreaktion. „In Bedrohungssituationen bleibt dem Menschen letztlich die Möglichkeit zu kämpfen oder zu flüchten“, erklärt sie. „Wenn flüchten nicht möglich ist, greift so mancher zur Gewalt.“
Nach den Statistiken der Unfallkassen sind die Gewaltfälle am Arbeitsplatz in Deutschland zwischen 2006 und 2007 im gewerblichen Bereich um rund zehn Prozent angestiegen. Waren im Jahr 2006 noch 6556 Fälle in Deutschland registriert, waren es 2007 schon 7246. Ein Teil des Anstiegs erkläre sich daraus, dass mehr Fälle zur Anzeige gebracht würden, seit das Phänomen stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sei, sagt Gehrke. Dazu komme, dass das Aggressionspotential auch durch mehr befristete Anstellungen, mehr Leiharbeit und unsicherere Arbeitsverhältnisse steige. „Und deshalb ist es durchaus möglich, dass die Finanzkrise einen abermaligen Anstieg nach sich ziehen wird“, glaubt die Psychologin.
Besonders betroffen: Arbeitsvermittler
Vor allem Arbeitsvermittler dürften das zu spüren bekommen. Schon vor Beginn der Finanzkrise gab es in Arbeitsagenturen, Argen und Jobcentern quer durch Deutschland Gewaltakte der Kunden gegen Mitarbeiter - von Schlägen bis hin zu Morddrohungen. Die Arbeitsagenturen versichern: Die Zahl solcher Fälle bewegt sich im Promillebereich. Sie sind die absolute Ausnahme. Doch Forscher Hoffmann ist überzeugt: „Dass die Gewalt durch Kunden in Arbeitsagenturen ansteigt, wenn sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt wieder verschärft, liegt auf der Hand.“
Gabriele Werner*, Teamleiterin in einem Jobcenter im Raum Hannover, gehört zu den Opfern. Drei Jahre ist es inzwischen her, dass sie während einer Beratung attackiert worden ist. Doch wenn sie heute die Geschichte erzählt, steigen ihr die Tränen in die Augen, ist der Vorfall so lebendig, als sei er erst gestern geschehen. „Der Kunde wollte einen Antrag auf Wohngeld stellen“, erzählt Werner. Aber die Zahlung habe dem jungen Mann nicht zugestanden. „Ich habe ihm mehrfach die Gründe erklärt, doch er begann immer aggressiver zu werden, er wurde laut, schrie mich an, ich bekam es mit der Angst.“ Sie habe gemerkt, dass die Situation eskalierte, doch da ging alles schon ganz schnell: Der Mann sprang die Beraterin über den Schreibtisch hinweg an und versuchte, sie zusammenzuschlagen. In letzter Sekunde konnte sie einen Notrufknopf drücken.
Die herbeieilenden Kollegen retteten Gabriele Werner vor Schlimmerem. Der Angreifer rief Werner allerdings hinterher, er werde ihr auflauern und sich rächen. Wochen und Monate lang verrammelte Gabriele Werner Fenster und Türen. Sie brach zu unterschiedlichen Zeiten zur Arbeit auf. Ihre Wohnung versuchte sie so selten wie möglich zu verlassen. Ihren Job machte sie weiter, gleich am nächsten Tag. „Das ist wie vom Pferd fallen“, sagt sie. „Wer nicht sofort wieder aufsteigt, reitet womöglich nie wieder.“
Ein Projekt soll Mitarbeiter trainieren
Anders lief es bei einem Arbeitsagentur-Mitarbeiter im Raum Nordrhein-Westfalen. Nachdem Stefan Reiber* vor der Eingangstür seiner Agentur von einem Kunden zusammengeschlagen worden war, war für ihn nichts mehr wie vorher. „Erst dachte ich, kein Problem, morgen sieht die Welt wieder anders aus - aber das war dann nicht so.“ Reiber ließ sich krankschreiben: „Ich konnte am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen, ich dachte die ganze Zeit nur daran, was ich machen würde, wenn der Kerl wiederkommt.“ Die Krankheit zog sich. Erst vier Wochen, dann elf Wochen. Schließlich gelang Reiber die Versetzung an einen anderen Dienstort. Seitdem kann er wieder arbeiten. Der Schock sitzt dennoch tief. Bis heute hat er es nicht fertig gebracht, seinen neuen Kollegen von dem Vorfall zu erzählen.
Einige Arbeitsvermittlungen haben das Problem erkannt und rüsten sich. Der Bundesverband der Unfallkassen und mehrere Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand haben eigens ein Projekt namens „Abba“ (Arbeitsbelastungen und Bedrohungen in Arbeitsgemeinschaften) angeschoben. Dabei werden Mitarbeiter trainiert, auf gewalttätige Kunden angemessen zu reagieren und Eskalationen zu vermeiden. „Schon seit 2005 beobachten wir, dass sich die Qualität der Gewalttaten verschärft hat“, sagt Rolf Manz, Leiter des Referats Psychische Gesundheit bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. „Es gab Angriffe mit Waffen, eine schwangere Angestellte, die mit einem Messer niedergestochen wurde, ja sogar eine Selbstverbrennung“, berichtet er. „Da war klar: Jetzt müssen wir handeln.“
Wie erkennt man gefährdete Personen?
Eine Studie der Technischen Universität Darmstadt von Jens Hoffmann und Claudia Dölitzsch ergab einige besondere Kennzeichen, die mögliche Täter im Vorfeld schwerer Gewalt am Arbeitsplatz häufig aufweisen. Risikofaktoren sind demnach:
- Erkennbarer Konflikt mit dem späteren Opfer
- Das Opfer hat Entscheidungsbefugnis über den Täter
- Berufliche Diskontinuität, z.B. ein häufiger Arbeitsplatzwechsel
- Zusammentreffen mehrerer beruflicher und privater Krisen
- Psychische Labilität
- Paranoide oder querulatorische Persönlichkeitszüge
- Gewaltdrohungen und Tatankündigungen
- Vorbereitungshandlungen des Täters, wie z.B. Abschiedsbriefe oder das Beschaffen einer Waffe