28.05.2006 · Nicht nur für Investitionen bietet die Region östlich der Oder ein gutes Klima - personell gibt es mittlerweile interessante Aufstiegschancen. Verschiedenen Wege führen auf die attraktiven Posten in Osteuropa.
Von Jens KemleWer vom ungarischen Flughafen Ferihegy vor den Toren Budapests in die ungarische Hauptstadt fährt, traut seinen Augen kaum: Was rechts und links die Straßen säumt, sieht nicht unbedingt aus wie ein ehemaliges Ostblockland. Die großformatigen Werbetafeln von Deutsche Telekom, Adidas, Audi, SAP, Eon und anderen deutschen Großkonzernen erinnern eher an die eigene Heimat.
Am Stadteingang befindet sich ein großes Depot von DHL mit den charakteristischen gelben Kleinlastern davor. Großflächige Filialen von Baumarktketten erheben sich auf der grünen Wiese zu eigenen kleinen Stadtteilen und nicht zu vergessen die umtriebigen Discounter und geschäftstüchtigen Drogeristen, die mit ihren günstigen Angeboten an vielen Straßenecken der quirligen Hauptstadt locken.
Gute Marktbedingungen in Osteuropa
Ungarn ist kein Einzelfall: In den letzten zwei Jahren sind überall in Osteuropa die Ableger ausländischer Firmen wie Pilze aus dem Boden geschossen - vor allem deutsche. Nach der EU-Osterweiterung 2004 hat kein anderes Land mehr Geld nach Polen, Tschechien und Ungarn gepumpt wie Unternehmen aus der Bundesrepublik. Die Investitionen scheinen sich zu lohnen: Osteuropa stellt eine gute Wachstumschance für die Unternehmen dar. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum beträgt 4,5 Prozent und ist damit um 2 Prozent höher, als der EU-Durchschnitt. Einer Studie der Sozietät Rödl & Partner zufolge sind die Marktbedingungen für eine Expansion günstig: 64 Prozent der befragten Unternehmen erwarten ein Wachstum. 51 Prozent beurteilen Voraussetzungen in Osteuropa als 'gut' oder sogar 'hervorragend'.
Nicht nur für erfolgreiche Investitionen bietet die Region östlich der Oder ein gutes Klima - personell gibt es mittlerweile interessante Aufstiegschancen. Konnte sich vor einigen Jahren noch kaum jemand vorstellen in Osteuropa Karriere zu machen, sind die Aussichten durch die Expansion attraktiv und chancenreich geworden. Ein Posten in Prag, Warschau oder Budapest hat sich zu einem guten Argument im Curriculum vitae gemausert.
Direktbewerbung ist steiniger Weg
Für den Berufszugang in Osteuropa gibt es zwei Möglichkeiten. Generell kann sicher jeder deutsche Arbeitnehmer direkt bei einem Unternehmen bewerben. Nachteil: Er steht damit in direkter Konkurrenz zu den einheimischen Bewerbern. Schon lange sind Osteuropäer nicht mehr schlechter ausgebildet. Im Gegenteil: Die fachliche Kompetenz kann mit dem deutschen Niveau durchaus mithalten. Stefan Kasperek von der EAST Personalberatung für Osteuropa empfiehlt diesen Schritt, wenn „man eine entsprechende Ausbildung und internationale berufliche Erfahrung hat. Außerdem braucht man ein ausgeprägtes interkulturelles Interesse und muß Sprachkenntnisse nachweisen können.“
Eine Direktbewerbung ist meist ein steiniger Weg. Wer nicht eine deutliche Affinität zu Osteuropa hat oder über einen langen Atem verfügt, könnte schnell enttäuscht werden. Hinzu kommt, daß Unternehmen, die ausschließlich in Osteuropa tätig sind, in der Regel wenig Bedarf an ausländischen Mitarbeitern haben. Falls doch, werden diese dann nach den ortsüblichen Tarifen bezahlt - und die liegen um bis zu 80 Prozent unter den deutschen Gehältern. Wem diese Bedingungen zu unsicher oder zu wenig attraktiv sind, sollte lieber einen anderen Weg wählen.
Ein etwas einfacherer und finanziell lukrativerer Weg führt über international tätige Konzerne, die bereits über ein entsprechendes Kunden- und Filialnetz oder über Joint Ventures in Osteuropa verfügen. Vor allem der Handel, Banken, Versicherungen und die Automobil- beziehungsweise. Automobilzuliefererindustrie wachsen derzeit stark. In der Industrie und im Handel wird meist die mittlere Management-Etage, also Geschäftsführer, Abteilungs- und Bereichsleiter sowie Spezialisten, aus dem Heimatland rekrutiert. „Die meisten deutschen Unternehmen haben sich in Richtung Osteuropa orientiert, um dort zunächst ihre Waren zu verkaufen“, so Kasperek, „dann wollen sie vor Ort produzieren und verkaufen, und schließlich wollen sie auch die produzierten Waren nach Deutschland importieren. Dementsprechend entwickeln sich die Aufgaben und Arbeitsplätze.“ Mit anderen Worten: Jobs entstehen zuerst in den Bereichen Vertrieb und Logistik und später in der Produktion, Entwicklung und Forschung.
Welche Posten Firmen wie besetzen unterscheidet sich von Branche zu Branche und ist von der jeweiligen Unternehmenskultur abhängig. Drei Beispiele:
Praktiker
Die Baumarktkette engagiert sich seit 1996 in Osteuropa. Nach der ersten Tochterfirma in Polen wurden auch Niederlassungen in Ungarn, Rumänien und Bulgarien gegründet, die von „Country Managern“ geleitet werden. Praktiker rekrutiert in der Regel die Geschäftsführer, Vertriebsleiter und Einkaufsleiter aus Deutschland. Grund: „Bei einer starken Expansion kennen sich die deutschen Mitarbeiter am Anfang besser im System, mit der Ware und den Abläufen aus“, so der Country Manager für Ungarn, Karl-Heinz Keth. Zur Zeit betreibt die Baumarktkette 47 Filialen in Osteuropa. Zudem soll in der Ukraine Ende dieses Jahres eine erste Filiale eröffnet werden.
Michael Trapp war in Polen und Bulgarien tätig und ist nun für den Markteintritt in der Ukraine zuständig. Seiner Ansicht nach besteht Osteuropa aus „einzelnen Ländern, die sich zum Teil gravierend voneinander unterscheiden.“ „Das Anderssein akzeptieren und respektieren, erfolgreich voneinander lernen, Vertrauen aufbauen ohne Barrieren, die aus einer anderen Nationalität resultieren“, bezeichnet Trapp als wichtige Voraussetzungen für eine Tätigkeit in Osteuropa.
Bei Praktiker werden die Auslandsstellen zuerst intern ausgeschrieben. Wenn die Ressourcen im eigenen Haus nicht ausreichen, findet zusätzlich eine öffentliche Ausschreibung statt. Vorteil der internen Bewerbung: „Wenn man Glück hat, kann man selbst auswählen, in welchem Land man arbeiten möchte. Meistens wird man gefragt, ob man für ein bestimmtes Land oder Angebot Interesse hat“, so der Geschäftsführer der Praktiker Hungary Kft.
SAP
Das Walldorfer Unternehmen nutzt das technische Know-How in Osteuropa für die Weiterentwicklung seiner Produkte. Über Vertriebsgesellschaften verfügt SAP bereits in fast allen osteuropäischen Ländern. Neben Prag wurde 2005 auch in Budaörs bei Budapest ein Entwicklungslabor eröffnet. Schon bei der Eröffnung lag der Plan mit 100 Entwicklern über dem Soll. SAP setzt in Osteuropa hauptsächlich auf einheimische Fachkräfte. Deutsche Bewerber sehen sich mit harter Konkurrenz konfrontiert: „Da sind wir sicher selektiver“, sagt SAP-Sprecher Frank Hartmann. Als börsennotiertes Unternehmen wird auch die Effizienz berücksichtigt: „Wir wägen auch Kosten und Nutzen ab.“ Genaue Angaben, welche und wie viele Stellen mit Deutschen besetzt sind, gibt der Konzern nicht bekannt.
Alle Auslandsposten werden sowohl intern wie öffentlich ausgeschrieben. „Bei einer Bewerbung muß das Qualifikationsprofil stimmen“, erklärt Hartmann. Es komme vor allem auf die fachliche Kompetenz an, aber auch auf soziale Fähigkeiten und die Bereitschaft eine Tätigkeit auszuüben. „Wenn jemand dort mehrere Jahre leben möchte, dann sollte er schon die Sprache des Landes beherrschen, um sozialen Anschluß zu finden.“ Die Verträge bei der Softwareschmiede sind auf 2 bis 3 Jahre befristet, meist mit einer Option auf Verlängerung.
Siemens
Der Industriekonzern zählt nicht nur in Deutschland zu den größten Arbeitgebern, sondern auch in Osteuropa. Gut 15.000 Mitarbeiter beschäftigt Siemens alleine in den EU-Beitrittsländern. Siemens ist in Osteuropa bereits fest etabliert, „wir sind nicht erst seit gestern hier“, bekräftigt der Unternehmenssprecher Michael Scheuer. Die ersten Schritte eine Repräsentanz aufzubauen hat der Konzern schon längst hinter sich. Auslandsaufenthalte werden generell gefördert. Jährlich werden etwa 3.500 bis 4.000 Mitarbeiter ins Ausland geschickt, Osteuropa ist dabei aber eher unterrepräsentiert. Mitarbeiter können sich über einen internen Stellenmarkt bewerben. Für bestimmte Länder werden interkulturelle Trainingseinheiten und Sprachkurse angeboten. „Wir sprechen in diesem Fall von einer Förderversetzung, das heißt, der Mitarbeiter soll sich dadurch auf ein höheres Niveau weiterentwickeln“, so Scheuer.
Jeder Absolvent und Interessierte kann sich auch extern bei einer der Regionalgesellschaften im Ausland bewerben. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen läuft die Bewerbung bei Siemens nicht über die Konzernzentrale, sondern dezentral. Neben einer Affinität für Technik spielen auch Fremdsprachenkenntnisse eine große Rolle: „Englisch ist bei uns Konzernsprache, deshalb sind gute Kenntnisse eine Grundvoraussetzung. Ansonsten wäre es schon gut, wenn die Landessprache auch beherrscht wird“, erklärt der Sprecher.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,53 | +1,29% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2539 | −0,02% |
| Rohöl Brent Crude | 107,61 $ | +0,33% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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