14.12.2007 · Und ewig lockt das Ausland - China, Singapur, Kanada. Doch wie lebt und arbeitet es sich dort wirklich? Was läuft besser, schlechter, anders als hierzulande? FAZ.NET berichtet in den kommenden Wochen über Menschen, die einen beruflichen Neuanfang im Ausland gewagt haben.
Wie führt man eine Abteilung im nordchinesischen Shenyan, ohne ein Wort Mandarin zu sprechen? Wie lassen sich in Singapur Kind und Karriere auf einen Nenner bringen? Welche Erfahrungen macht ein Mittdreißiger, der der Liebe wegen seine lukrative Festanstellung aufgibt und sich in Toronto in die Selbständigkeit wagt? FAZ.NET lässt in den kommenden Wochen Menschen zu Wort kommen, die den Sprung ins ferne Ausland gewagt haben. Sie schildern, wie sich die globalisierte Arbeitswelt konkret anfühlt.
Markus Kastner* (38), Toronto
„Es gibt viele Gründe, zu kündigen: 'Mal was anderes' machen, 'sich verbessern' oder weil man - wie es heißt - in den ersten Berufsjahren sowieso alle zwei Jahre wechseln sollte, sonst wird das nichts mit der Karriere. Andere haben einen doofen Chef, Burn-out, Bore-out, oder alles zusammen. Ich habe gekündigt, weil meine Freundin versetzt worden ist.
Nach Toronto in Kanada. Bevor ich mich Familie, Freunden und dem Chef gegenüber offenbarte und ihren nahe liegenden Fragen nach der eigenen beruflichen Zukunft stellte, hatte ich mich selbst gefragt, ob der Plan aufgehen kann: Freundin macht Karriere, ich schmeiß' hin. Natürlich kann das aufgehen, aber ich bin anders erzogen worden: Finanzielle Sicherheit kommt vor Abenteuerlust und Risikofreude.
Erfahrungen sammeln, jeden Tag
Mittlerweile bin ich sechs Monate in Kanada, meine Freundin fast ein Jahr. Die Entscheidung haben wir gemeinsam getroffen, in einem längeren Prozeß und anhand einer sich ständig verfeinernden Pro/Contra-Matrix. Bereut haben wir den Schritt bislang kein einziges Mal. Was im Umkehrschluß nicht heißt, dass wir hier ein völlig sorgenfreies Leben führen. Aber unsere guten Gründe haben nichts von ihrer Argumentationskraft verloren: Wir wollten Arbeits- und Lebenserfahrung im Ausland sammeln - und das tun wir jeden Tag.
Meine Freundin in ihrem Job mit extrem steiler Lernkurve, ich mit meiner Ein-Mann-Unternehmung („Sole Proprietorship“ heißt das hier). Und beide gemeinsam in unserem sich stetig vergrößernden sozialen Netz. Ein begrüßenswerter Nebeneffekt unseres zunächst auf drei Jahre begrenzten Ausflugs könnte sein, dass wir beide unsere Position auf dem internationalen Arbeitsmarkt verbessern. Interkulturelle Versiertheit und Mehrsprachigkeit sind schließlich die Schlüßel zur globalen Wirtschaft, oder?
Toronto ist der ideale Ort, um Globalisierung zu üben. Nirgendwo sonst habe ich mich bislang so zu Hause und gleichzeitig auf Reisen gefühlt. Mit ihren fünfeinhalb Millionen Einwohnern ist die Greater Toronto Area eine der größten nordamerikanischen Megastädte. Dabei aber um ein Vielfaches sicherer, die sozialen Unterschiede sind weniger stark ausgeprägt. Die Region (vielleicht auch ganz Kanada) hat einen Weg gefunden, Menschen eine neue Heimat zu bieten, ohne ihnen ihre alte zu nehmen. Die Einwanderer sind jung, kommen aus der ganzen Welt und prägen das gesamte Stadtleben. Selbst der Supermarkt bietet eine Vielfalt an Gemüse- und Reissorten, die mich anfangs überfordert hat. Restaurants auszuprobieren und sich darüber auszutauschen gehört fast zu jedem Gespräch mit Bekannten. Mein hiesiges Leben hat mehr Würze.
Zugegeben: Ich habe leicht reden. Nach acht Jahren Vollzeitarbeit im deutschen Medien- und PR-Bereich genieße ich jetzt wieder mehr Autonomie. In meinem Kopf ist Platz für neue Eindrücke - auch für die Wiederentdeckung des Geschmackssinns.
Selbständig ohne Druck
Da meine Freundin und ich nicht gleichermaßen Arbeitgeber, Karrierestufe und Gehalt ins Ausland mitnehmen konnten, bin ich es, der beruflich hier zunächst kleinere Brötchen backt. Ich hatte großes Glück und kann noch einige Aufgaben für meinen alten Arbeitgeber in Deutschland erledigen. Über Kontakte in der Firma meiner Freundin kam ich zudem an einen Auftrag, aus dem gerade eine interessante Perspektive entsteht.
Damit alles seine Ordnung hat, habe ich vor einigen Monaten eine Firma gegründet. Dabei war die Selbständigkeit nie mein besonderes Ziel. Lernen kann man besser in einem Umfeld mit klugen Köpfen, das ist nach wie vor meine Vorstellung. Und das ist es auch, was ich am meisten vermisse. Doch erstens macht es Kanada einem Neuankömmling wirklich sehr leicht, Unternehmer zu werden: zwei Stunden auf dem Amt, 80 kanadische Dollar bezahlen, das war's. Und zweitens lohnt sich die Firmengründung steuerlich.
Der persönliche Auftritt zählt
Zwei Aufträge habe ich mittlerweile abgeschlossen, die Erfahrungen sind ungeheuer wertvoll. Ich weiß jetzt wesentlich besser, was ich kann (Erfahrung, ein klarer Kopf und schnelles Internet sind ein guter Anfang) und was nicht (PowerPoint-Arbeiten kaufe ich lieber ein, das geht schneller). In den ersten Meetings mit Kunden und Zulieferern bekam ich Einblick in die kanadische Art, Geschäfte zu machen. Auch wenn pauschale Urteile schwierig sind: Meiner Erfahrung nach hängt hier mehr vom persönlichen Auftritt ab als in Deutschland.
Und: Viele Dinge funktionieren kanadisch-spontaner. Wer sich's schön reden will, nennt es „entrepreneurial culture“, ich nenne es „under-managed“. In der Regionalorganisation des Konzerns, für den meine Freundin arbeitet, wachsen Organisation und Personal nicht im gleichen Tempo wie von der deutschen Unternehmensführung geplant. Eine gewisse Atemlosigkeit im Tagesgeschäft läßt anscheinend wenig Zeit für strategische Aufgaben
Wenig Zeit zu zweit
Die Zeit zu zweit ist hier knapper bemessen als es in Deutschland der Fall war. Wenn wir es während der Woche schaffen, in den frühen Abendstunden eine Runde Tennis zu spielen, spazieren oder Essen zu gehen, ist das ein guter Tag. Die letzten Stunden des Tages gehören dann wieder Laptop und Mailbox. Allerdings hat das bisher unserem Gemeinschaftsgefühl noch keinen Abbruch getan, wage ich zu behaupten. Gemeinsam ins Ausland zu ziehen, schweißt zusammen.
Auch in Kanada geht die ewige Suche nach der perfekten „Work-Life-Balance“ natürlich weiter. Meine Freundin könnte mich engagieren und ich nehme ihr Arbeit ab, denn davon hat sie reichlich. Vielleicht finde ich wieder eine Festanstellung. Oder: Ich nutze die gewonnene Freiheit und mache noch einen kanadischen Abschluß, vielleicht einen Executive MBA. Das würde mir gefallen. So könnte ich in einigen Jahren, unabhängig vom Ort, wieder in einer spannenden Position einsteigen. Das ist vielleicht nicht das perfekte Modell, aber ein nahezu perfektes: das gemeinsame Lebensarbeitszeitkonto.
* Name geändert
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
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| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
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| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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