04.01.2008 · Fünf Arten, ja zu sagen gibt es China - zu diesem Schluss ist jedenfalls Ulrike Peters gekommen. Als sie ihre neue Arbeit in der chinesischen Industriemetropole Shenyang antrat, musste sie einiges lernen - nicht nur über Kommunikation. Vierter Teil unserer Serie über berufliche Neuanfänge im Ausland.
Von Herta PaulusEin paar Wände einziehen und verputzen, Boden verlegen, Möbel einbauen - es kann so schwierig nicht sein, dachte sie. Doch Chinaneuling Ulrike Peters*, frischgebackene Laborleiterin eines deutsch-chinesischen Unternehmens in der nordchinesischen Industriemetropole Shenyang wurde prompt eines Besseren belehrt.
Blauäugig sei die Entscheidung gewesen, die Verantwortung für den Bau des Labors „blind“ den zuständigen Abteilungen und Mitarbeitern zu übertragen, sagt sie heute. Der Schreiner war fast fertig, als sie gegen Ende der ohnehin schon überzogenen Bauzeit die Baustelle besichtigte, nur leider lag in den Räumen noch immer kein Boden. Die Lösung der chinesischen Mitarbeiter nach einstündiger Diskussion: Man beschloss, den Boden einfach um die Möbel herumzulegen. Schlussendlich wurden auf Peters Anweisung die Möbel wieder herausgerissen, der Möbelbauer machte sich ohne mit der Wimper zu zucken auf die 2000 km lange Heimreise, um zwei Wochen später wieder anzureisen und sein Werk zu vollenden. Denn Zeit, auch das hat die 38jährige, ledige Niederbayerin mittlerweile gelernt, „davon gibt es in China genug. Es ist alles möglich, aber es braucht seine Zeit, und die muss man sich halt nehmen. Geduld üben ist eine der Tugenden, die man sich hier als Erstes aneignet. “
Kultur der Eigenverantwortung existiert nicht
Sämtliche Arbeitsschritte en detail vorgeben, nichts als logisch und selbstverständlich voraussetzen - wer als Führungskraft bestehen will, muss diese Lektion schnell verinnerlichen. Eine selbständige Entscheidung treffen, Stellung beziehen, nachhaken, wenn etwas nicht verstanden wurde, entspricht nicht chinesischer Mentalität, so Peters Erfahrung nach fast drei Jahren in China. „Ganz typisch ist, dass Aufgaben dann einfach liegengelassen werden, wenn die Mitarbeiter nicht mehr weiter wissen“, sagt sie. In einer Mappe für jeden Mitarbeiter ist daher jede ihm übertragene Aufgabe dokumentiert. In regelmäßigen Abständen fragt sie den Stand des Projekts ab, bietet ihre Unterstützung an, mischt sich - was bei ihren chinesischen Mitarbeitern „dankbar“ angenommen wird - haarklein in deren täglichen Aufgaben ein.
Sind die notwendigen Prozesse aber einmal eingespielt „geht es in einem rasenden Tempo voran. Da kommen wir mit unserer „deutschen Gründlichkeit“ gar nicht mehr nach“ relativiert sie zugleich. Eine weitere Eigenheit besteht im „Geschichten erzählen“, wie sie die Fertigkeit bezeichnet, die auch jeder Taxifahrer selbst dann noch meisterhaft beherrscht, wenn längst schon klar ist, dass er nicht weiß, wo die Fahrt eigentlich hingehen soll. „Man bekommt auf jede Frage eine Antwort. Ob es die richtige ist, sei dahin gestellt“, beschreibt sie ein Verhaltensmuster, das sie „anfangs oft in den Wahnsinn getrieben hat.“
Fünf Arten, ja zu sagen
Mittlerweile weiß sie damit umzugehen. „In heiklen Dingen mache ich eine repräsentative Umfrage. Wenn Antworten identisch ausfallen, bin ich zumindest etwas sicherer, dass es sich auch um die richtige Antwort handeln könnte.“ Dabei ist gerade in Meetings Geduld gefragt, befördert doch allein eine einfache Frage ausgiebige, dann oft ins Chinesische abdriftende Diskussionen. Ursächlich für deren Dauer ist ein wesentliches, auch im Alltagsleben gültiges Kommunikationsritual. „Es muss alles immer wieder bestätigt werden. Was nicht mindestens dreimal bestätigt wurde, ist nicht wichtig.“
Dabei sind allein durch die fünf verschiedenen Arten von Ja, die es gibt (Ja, ich habe gehört; ja ich habe zur Kenntnis genommen; ja, ich habe verstanden; ja, ich bin einverstanden; ja ich werde das auch so tun) Missverständnisse programmiert. „Das macht die Verständigung nicht einfacher. Ein Chinese würde die Dinge nie so beim Namen nennen, wie wir es tun,“ weiß Peters.
Horrorerlebnis Wochenendeinkauf
Klar hatte sie sich anfangs fest vorgenommen, die Landessprache zu lernen. Noch zu Hause in Niederbayern hatte sie sich jeden Abend hingesetzt und zwei, drei Stunden Chinesisch gelernt. Mittlerweile hat sie es aufgegeben. Im Job braucht sie es nicht, da die Firmensprache Englisch ist und bei Behördengängen oder Besorgungen springen Kollegen bereitwillig in die Bresche. Und beim gelegentlichen abendlichen Essengehen mit ihren chinesischen Mitarbeitern einschließlich anschließenden Karaoke-Singen ist sie ab und an sogar froh ob ihrer Sprachunkundigkeit. „Manchmal haben wir Glück und das Karaoke-Programm hat keine englischen Songs im Repertoire“, lacht sie.
Doch während sie dem chinesischen Hang zum Gesang noch einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen kann, ist beim Wochenendeinkauf definitiv Schluss mit lustig. „Das ist wie am Samstag vor Heiligabend in einer deutschen Großstadt zu versuchen, noch die letzten Einkäufe zu erledigen“, beschreibt Peters den Mix aus kreuz und quer, millimeterdicht aufeinander stehenden Autoschlangen, aus Hektik, Gedränge und aufdringlicher Neugierde, die auch vor der genauen Inspektion der in ihrem Einkaufswagen liegenden, nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip zusammengesuchten Artikel nicht halt macht. Der schlimmste Augenblick sei jedoch die unausweichliche Schlacht an der Obst- und Gemüsetheke „Ich bin da inzwischen selbst schon ziemlich gnadenlos geworden: Den Weg vor der Obstwaage blockiere ich rechts mit dem Einkaufswagen und links mit meinem Körper“, gesteht sie.
Von wildfremden Menschen auf offener Straße angesprochen und um ein gemeinsames Foto gebeten zu werden - auch daran hat sie sich inzwischen gewöhnt. Denn anders als in Peking oder Shanghai besitzen Westler hier im chinesischen Norden noch immer Exotenstatus. Witzig findet sie es allerdings immer seltener „wie ein Tier im Zoo“ bestaunt zu werden. „An solchen Tagen bleibe ich erfahrungsgemäß besser zu Hause“, sagt sie nüchtern.
Zuhause auf Zeit
Alte, weise Menschen, die im Park ihre Tai Chi Übungen ausführen und danach in Meditation versinken, ihr ursprüngliches Bild von China eben, das musste sie gründlich revidieren. „Die Realität ist viel, viel lauter und chaotischer, nicht zuletzt durch die Massen an Menschen, die sich für unsere westlichen Vorstellungen doch ziemlich rücksichtslos im öffentlichen Leben bewegen“, sagt sie.
Bereut hat sie die spontane Entscheidung nach China zu gehen jedoch nie. „Die Arbeit hier macht unendlich viel Spaß, da hier alles im Aufbruch und im Aufbau ist, und ich hier mittendrin sein, mitgestalten und entscheiden kann.“ Ein „paar Jahre“ will sie noch bleiben, aber ein ganzes Leben in Shenyang zu verbringen, das kann sie sich nicht vorstellen. Wohin es sie dann verschlägt? „Mal schauen.“
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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