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Karrieresprung Lätzchen statt Krawatte binden

18.08.2006 ·  Allen Gleichberechtigungsphantasien zum Trotz: Kaum ein Vater nimmt Elternzeit. Die finanziellen Einbußen puffert das neue Elterngeld ab. Bleiben Rollenstereotype und die Angst vor dem Karriereknick.

Von Birgit Obermeier
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Montag und Donnerstag bleibt der Computer aus. Statt statistische Modelle zu berechnen und Vorlesungen zu halten, erkundet der Wissenschaftler Philipp Buchner an diesen Tagen den Alltag des Vaterseins: Windeln wechseln, Kürbisbrei löffeln und mit seiner neunmonatigen Tochter durch die Wohnung krabbeln.

Er war dabei, als sie sich das erste Mal am Sofa hochzog - und wußte sie zu trösten, als sie prompt umfiel. Um diese „unwiederbringliche Zeit bewußt zu erleben“, hat Buchner sein Arbeitspensum für ein halbes Jahr lang auf 50 Prozent reduziert. Und seiner Lebensgefährtin damit gleichzeitig die Rückkehr in den Beruf ermöglicht.

Statt weniger, arbeiten Männer mehr

Im Freundeskreis finden das alle toll. Nur: „Bei uns im Unternehmen würde das nicht gehen“, glauben die (angehenden) Väter zu wissen. Was für ein Glück, an der Universität - also im Öffentlichen Dienst - zu arbeiten. Tatsächlich mußte sich Buchner nicht lange erklären, als er seinen Antrag auf Elternzeit stellte. Obwohl auch er der erste Mann in seiner Abteilung war.

Bis zu drei Jahre Elternzeit stehen berufstätigen Vätern und Müttern zu. Beschäftigt der Arbeitgeber mehr als 15 Personen und sprechen keine betrieblichen Gründe dagegen, können sie während dieser Zeit bis zu 30 Stunden wöchentlich arbeiten. Optimale gesetzliche Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Elternschaft. Statt weniger arbeiten viele Männer nach der Geburt ihres Sprößlings jedoch mehr, zeigen Studien. Ihren Anspruch auf Elternzeit nutzen nur rund fünf Prozent der Väter.

Finanzieller Spielraum durch Elterngeld

Stellt sich die Frage: Warum? Glaubt man Umfragen, würden viele Väter die ersten spannenden Monate gern intensiver mit ihren Kindern verbringen. Wer oder was hindert sie daran?

Da ist zuvorderst das ökonomische Kalkül: Trotz gleicher Qualifikation verdienen Männer in der Regel mehr als Frauen. Die Frage, wer zur Betreuung des Kindes beruflich kürzer tritt, beantwortet sich für viele dadurch von selbst. In einer repräsentativen Umfrage des Allensbach-Instituts nennen 89 Prozent der befragten Väter Einkommensverluste als Grund, weiterhin Vollzeit zu arbeiten. Mit dem neuen Elterngeld verliert dieses Argument an Bedeutung. Ab Januar 2007 trägt auch der Elternteil zum Familieneinkommen bei, der im ersten Jahr nach der Geburt zuhause bleibt. Ist dies für mindestens zwei Monate der Vater, gibt's statt zwölf insgesamt 14 Monate Geld vom Staat.

Bleiben die tradierten Rollenvorstellungen. Noch fehlt in weiten Teilen der Gesellschaft das Verständnis dafür, daß Familie für einen Mann in einem bestimmten Lebensabschnitt wichtiger sein kann als der Job. So vermuteten auch die Medien bei Jürgen Klinsmann andere als die von ihm genannten familiären Gründe hinter seinem Rücktritt als Bundestrainer. Welcher Mann verbaut sich schon selbst die Karriere?

Angst vor dem Karriereknick

Laut Allensbach-Umfrage befürchten vier von fünf Vätern berufliche Nachteile durch eine Elternzeit. „Man wird bei Entscheidungen schon mal übergangen, wenn man nicht permanent im Büro ist“, hat auch Buchner erfahren. Ob Männer Elternzeit wagen, hängt entscheidend von der Kultur eines Unternehmens ab - und vom unmittelbaren Vorgesetzten, sagt Annemarie Gerzer-Sass vom Deutschen Jugendinstitut in München. Hatte der Chef stets nur die Karriere im Blick, den Rücken frei und die Kinder fern gehalten durch seine Frau, ist auf wenig Verständnis zu hoffen.

Dabei können Unternehmen von aktiven Vätern profitieren. „Bisher fehlt die Wahrnehmung, daß Familienarbeit auch qualifiziert“, kritisiert Gerzer-Sass. Wer mit dem Baby auf dem Arm das Fläschchen wärmen und gleichzeitig dem 3jährigen das Freßverhalten von Dinosauriern erklären muß, schult die persönlichen Multitasking-Fähigkeiten. Wer Nachwuchs plus Einkäufe täglich vier Stockwerke hoch schleppt, überlegt vorher, was unterwegs zu erledigen ist. Nicht zu vergessen: „Es motiviert, die Prioritäten zwischen Job und Kind für eine gewisse Zeit selbst setzen zu können“, sagt Buchner. Ein gewisser Zwiespalt bleibe freilich, gesteht der Wissenschaftler. Abends sitzt er oft noch am Rechner, unbezahlt.

Teilzeitmodelle allein kein Anreiz

Fest steht: Damit die politischen Anreize für aktive Vaterschaft in der Praxis auch genutzt werden, muß ein Umdenken stattfinden. Konkret wünschen sich die von Allensbach befragten Männer von ihrem Arbeitgeber flexiblere Arbeitszeiten, betriebliche Kinderbetreuung und mehr Teilzeitarbeitsplätze. Allerdings: Selbst in Firmen, die aufgrund derartiger Angebote als besonders familienfreundlich gelten, arbeiten die meisten Männer wie gehabt: Vollzeit.

So etwa bei der Versicherungsgesellschaft Continentale. Dort gibt es rund 300, größtenteils persönlich ausgehandelte Arbeitszeitmodelle, aber nur fünf Prozent Männer unter den Teilzeitkräften. Väter in Elternzeit sind „Einzelfälle“, so Firmensprecher Bernd Goletz. Ähnlich verhält es sich in der Commerzbank. „Wir haben alle Instrumente im Haus, von den Männern werden sie aber vielfach nicht genutzt“, sagt Diversity-Beauftragte Barbara David.

„Die Rolle deines Lebens“

Um jahrhundertealte Rollenstereotype aufzulösen, braucht es offenbar auch aktive Anstöße. DJI-Expertin Gerzer-Sass fordert Unternehmen auf, väterspezifische Angebote zu machen. Erste Ansätze finden sich etwa bei Ford. Mit dem Workshop „Neue Väter - Verpasse nicht die Rolle Deines Lebens“ ermuntert der Autohersteller Männer zur Elternzeit. Bei der Commerzbank tauschen sich derzeit knapp 30 Kollegen im Arbeitskreis „Fokus Väter“ aus. Innerhalb der Bank wollen sie für ein neues Rollenverständnis werben.

Schnelle Erfolge erwartet niemand. „Das ist ein ähnlicher Prozeß wie bei Frauen in Führungspositionen“, glaubt David. Sprich: „Eine Sisyphos-Arbeit.“ Um in den Köpfen etwas zu verändern, müsse man immer wieder für das Thema sensibilisieren und - ganz wichtig - Vorbilder präsentieren. Männer sollen erfahren: Wie hat der Kollege mit seinem Chef über die Elternzeit geredet? Wie hat die Rückkehr in die Vollzeitstelle geklappt?

Väter zu einer aktiven Rolle zu ermutigen ist aber auch Sache der Frauen. Auch sie sind längst nicht immer frei von Rollenstereotypen. So manche Mutter beschleicht ein komisches Gefühl bei dem Gedanken, im Büro zu sitzen, während der Vater mit dem Filius schwimmen geht. Tatsächlich: Man sieht es viel zu selten.

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