13.02.2009 · Psychische Störungen sind hierzulande stark auf dem Vormarsch. Durch Krisentelefone und interne Sozialarbeiter leisten manche Firmen ihren belasteten Mitarbeitern Erste Hilfe. Auf dass sie schnell wieder leistungsfähig werden.
Von Birgit ObermeierDie Welt ist grau, der Antrieb dahin. Fühlen sich Mitarbeiter des Düsseldorfer Universitätsklinikums ausgelaugt, gehen sie möglicherweise irgendwann „zum Riemer“. Jürgen Riemer, Sozialpädagoge und ausgebildeter Konfliktberater, ist interne Anlaufstelle für menschliche Probleme aller Art: von Schwierigkeiten mit Kollegen und Vorgesetzten über persönliche Krisen bis hin zu psychischen Belastungen.
Ratsuchenden Mitarbeitern leistet Riemer „gründliche Erste Hilfe“: Durch Gespräche, in denen er die Situation zu entwirren versucht und gemeinsam mit ihm Lösungen entwickelt. Das kann ein moderiertes Konfliktgespräch sein oder eine Schuldnerberatung. Scheint eine Therapie angezeigt, etwa bei Alkoholabhängigkeit oder Depression, vermittelt er einen Platz in einer spezialisierten Einrichtung. Geschaffen wurde Riemers Stelle vor gut zehn Jahren. Damals wurde deutlich, dass das Führungspersonal überfordert war, psychische Probleme der Mitarbeiter abzufangen. Die hatten zugenommen, nachdem in der Klinik ein kälterer, wirtschaftsorientierter Wind einzogen war und die Arbeit von Ärzten und Pflegepersonal stark verdichtete.
Psychische Störungen nehmen zu
Betriebliche Sozialarbeit hat in Deutschland eine über hundertjährige Tradition, ist aber eine freiwillige Leistung. Zu den Vorreitern zählen Firmen wie Siemens oder Merck, vorherrschendes Thema war lange Zeit Sucht. Die heutige Arbeitswelt birgt weitere Risiken: Permanenter Stress, Angst vor Arbeitslosigkeit, Entgrenzung von Beruf und Privatleben und daraus resultierende familiäre Probleme führen dazu, dass psychische Störungen wie Depressionen oder Angstzustände seit einigen Jahren stark zunehmen.
Die Techniker Krankenkasse registrierte, dass 2006 bei über einem Fünftel ihrer erwerbstätigen Mitglieder mindestens einmal eine entsprechende Diagnose gestellt wurde. Diese Beschäftigten fehlten an durchschnittlich 22,7 Tagen krankheitsbedingt am Arbeitsplatz und damit dreimal so oft wie psychisch gesunde Mitarbeiter (7,6 Tage). Grund: Psychische Störungen schlagen sich meist auch auf den Körper nieder. Überdurchschnittlich stark betroffen sind Frauen und Mitarbeiter in sozialen Berufen. „Die aktuellen Herausforderungen lauten: Die Gesundheit der Mitarbeiter erhalten und ihre Leistungs- und Erholungsfähigkeit sichern“, sagt Susanne Klein, Vorstandssprecherin des Bundesfachverband Betriebliche Sozialarbeit e.V. (BBS) in Tübingen (www.bbs-ev.de). Und stellt klar: „Betriebliche Sozialarbeit ist kein Liebesdienst, sondern eine Investition in die Mitarbeiter und das Unternehmen.“
Kriselnde Beziehungen
In ihrer Arbeit sind die internen Krisenhelfer indes meist recht frei. Neben einem offenen Ohr und fachkundiger Beratung bieten sie meist auch Informationsveranstaltungen, Entspannungskurse und Seminare für Führungskräfte an. Letztere sind häufig nicht sensibel für die Signale ihrer psychisch angegriffenen Mitarbeiter - oder aber unsicher, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Von sich aus oder auf Bitte eines Vorgesetzten geht Silvana Schwedas, Sozialberaterin bei der Lufthansa Technik AG in Hamburg, nur in seltenen Ausnahmefällen auf Mitarbeiter zu - etwa wenn erkennbare Gefahr im Verzug ist. „Das ist und bleibt ansonsten Führungsaufgabe“, sagt Schwedas.
Rund 15 Mitarbeiter klopfen pro Woche an ihrer Tür, die Hälfte aus eigenem Antrieb. Anlass seien meist Beziehungskonflikte - berufliche wie private, sagt Schwedas: „Oft tut sich hinter einem kleinen Thema ein größeres auf.“ Etwa: Nach der Scheidung lässt sich das gemeinsame Haus nicht mehr finanzieren, die Sorge darüber wird in Alkohol ertränkt. Manche Mitarbeiter kommen nur einmal zum Gespräch, andere begleitet Schwedas über mehrere Jahre. Therapien werden in der betrieblichen Sozialarbeit grundsätzlich nach außen vermittelt. Dank der guten Kontakte und Versiertheit der Berater bekommt der Mitarbeiter dort deutlich schneller einen Platz, als wenn er selbst aktiv wird.
Hilfe per Hotline
Als Alternative zum eigenen Sozialarbeiter kaufen insbesondere internationale Firmen psychosoziale Beratung oftmals als externe Dienstleistung ein. So genannte „Employee Assistance Programme“ (EAP) bieten den Mitarbeitern über eine Hotline Kontakt zu Sozialarbeitern oder Psychologen. Diese helfen meist auch in ganz praktischen Fragen, etwa der Suche nach einer passenden Schule für den Filius. Man wolle den Mitarbeitern keine Lebensaufgaben abnehmen, sagt Hansjörg Becker, geschäftsführender Gesellschafter des Frankfurter EAP-Anbieters Insite-Interventions: „Wir helfen ihnen, schnell wieder handlungsfähig zu werden.“
Damit sie sich nicht allzu stark darauf verlassen, sind die Beratungseinheiten pro Mitarbeiter - anders als bei internen Anlaufstellen - meist vertraglich begrenzt. Beruhigend für die Unternehmen auch: „Wir haben stets auch ihre Interessen im Blick“, sagt Juliane Barth, Beratungsleiterin beim Kieler EAP-Dienstleister Corrente AG. Sie vermittelt ausschließlich Experten, „die auch Erfahrungen in der Arbeitswelt haben und lösungsorientiert handeln.“ Und nicht etwa den Mitarbeiter darin bestätigen, daß ihn seit Arbeitgeber ausnutzt.
Vertrauen muss entstehen
Für interne wie externe Sozialberater gilt: Psychosoziale Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist für die Mitarbeiter mit Überwindung verbunden. EAP-Dienstleister werben, daß ihr niederschwelliges Angebot von allen Standorten aus rund um die Uhr genutzt werden kann. Wichtig für das Vertrauen der Mitarbeiter sei allerdings die Unterstützung von Betriebsrat und Personalleitung, räumt Barth ein. Entscheidend sei die Präsenz vor Ort, versichern indes die internen Sozialarbeiter. Jürgen Riemer geht durch die Klinik „wie ein Pfarrer durchs Dorf“. Christiane Surres, Sozialarbeiterin bei Kraft Foods in Bremen, bewirbt ihr Beratungsangebot offensiv über Flyer, Aushänge am Schwarzen Brett und in Veranstaltungen. Ihren anonymisierten Jahresbericht stellt sie den Geschäftsleitern und der Belegschaft vor.
Dass die Probleme der Mitarbeiter - unter Wahrung der Schweigepflicht - an das Unternehmen zurückgespielt werden und dieses darauf reagieren kann, ist freilich nicht überall Usus. In manchen Firmen führt die Sozialberatung ein eher isoliertes Dasein, gewissermaßen als Problemabladeplatz.
„Mehr als nur ein Pflaster“
Stellt sich die Frage: Wie sozial ist es von Unternehmen, psychisch angegriffene Mitarbeiter zu unterstützen, wenn sie gleichzeitig unter enormen Leistungsdruck gestellt werden? „Unsere Kunden stehen als Tochtergesellschaften selbst oft unter einem ungeheuren Druck“, sagt Barth. „Da fühlt es sich gut an, wenn man von den Mitarbeitern an anderer Stelle Druck wegnehmen kann.“ BBS-Vorstandsprecherin Klein bestätigt: „Die technologische Entwicklung läßt sich nun mal nicht zurückdrehen.“ Betriebliche Sozialarbeit sei „mehr als nur ein Pflaster“ und werde in Zukunft immer wichtiger.
Die aktuelle Wirtschaftskrise macht sich bei den Sozialberatern noch nicht bemerkbar. Allerdings, so Insite-Geschäftsführer Becker: „Erfahrungsgemäß steigt die Nachfrage, wenn Restrukturierungen abgeschlossen sind.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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