19.11.2006 · Wer mit Mitte 40 seine beruflichen Ziele nicht erreicht hat, sich persönlich weiterentwickeln oder anders orientieren möchte, hat ein Problem: Wegen des Alters scheint der Zug abgefahren. Dabei sind die Chancen mitnichten so düster, sagen Experten.
Von Herta PaulusHurtig spurt' ich. Wer mit Mitte 40 seine beruflichen Ziele nicht erreicht hat, sich persönlich weiterentwickeln oder anders orientieren möchte, hat ein Problem. Nur sehr wenige Firmen bieten gezielt Perspektiven-Workshops an, verbinden diese vielleicht sogar mit dem Aufzeigen von qualifizierten Möglichkeiten innerhalb des Unternehmens. Ansonsten gilt: Ende Gelände.
Weitere Entwicklungsmöglichkeiten im alten Unternehmen, neue Herausforderungen und Alternativen auch jenseits des hierarchischen Karrieremodells - Fehlanzeige. „Das Top-Management ausgenommen, ist für die Gruppe der 40- bis 50jährigen in vielen Bereich eine Veränderung ihrer Position kaum mehr realisierbar“, bekräftigt Erika Regnet, Professorin für Personalmanagement an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. „Unsere Studien zeigen, daß in Führungs- und Spezialistenpositionen für Mitarbeiter mit über 40 Jahren, spätestens mit 45 Jahren ein Wechsel von einem Unternehmen zu einem anderen, aber auch innerhalb der Unternehmen, sehr schwierig wird.“
Mit 40 noch punkten
Von Zuversicht oder Optimismus ist denn auch bei den Beschäftigten keine Spur. Nur 21 Prozent der von Regnet im Rahmen einer Studie befragten 40- bis 45jährigen Fach- und Führungskräfte aus dem mittleren Management und gerade einmal 14 Prozent der 46- bis 50jährigen halten einen weiteren Aufstieg für wahrscheinlich. Den Wechsel zu einem anderen Unternehmen fassen nur noch die wenigsten ins Auge, bei den 40- bis 45jährigen sind es gerade einmal 11,5 Prozent. Dagegen halten 40 Prozent der unter 40jährigen eine berufliche Veränderung für wahrscheinlich.
Game over also, für die Mehrzahl der vor 1961 geborenen Erwerbstätigen, die bei der Bundesanstalt für Arbeit in der Risikokategorie „ältere Arbeitnehmer“ geführt werden? Zwischen Pessimismus und schwarzem Humor schwanken die Leser-Beiträge in den Foren der Jobbörsen. Und auch der Jobcoach einer überregionalen Tageszeitung bescheinigte jüngst einer 42jährigen „düstere Aussichten bei der Suche nach einer neuen Stelle“. Statt „Erfahrung ist Zukunft“ der Nix-geht-mehr-Blues.
Auf den Einzelfall kommt es an
Dabei sind die Chancen mitnichten so düster, meint Lutz Bellmann, Leiter des Forschungsbereichs Betriebe und Beschäftigung beim Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Zwar würden Ältere von manchen Unternehmen nicht gerade mit offenen Armen empfangen, die „gefühlte“ Lage sei jedoch negativer als die Realität es hergebe. „Da sehen manche ihre Chancen viel zu schlecht“, so Bellmann. „Viele Firmen setzen zwar eine Altersgrenze, aber sagen gleichzeitig, wir sehen uns den Einzelfall an.“
Nur: viele Wechselwillige und Jobsuchende passen bereits im Vorfeld. Die Mappen älterer Bewerber liegen immer seltener auf den Schreibtischen der Personalverantwortlichen. Auf knapp drei Viertel aller Stellenausschreibungen gehen gar keine Bewerbungen von über 50jährigen mehr ein, ergab eine IAB-Studie. Dabei kamen sie, wo sie tatsächlich aktiv wurden, auch in der Hälfte der Fälle zum Zug. „Besonders gute Chancen haben ältere Bewerber dabei vor allem in kleineren und mittleren Betrieben“, sagt Bellmann.
„Einstellungsbremse Alter“ greift zu kurz
Eine deutliche Besserung sieht auch Personalberaterin Ursula Thieme: „Ich kann die vorherrschende Mutlosigkeit nicht nachvollziehen. Bewerber über 40 Jahren haben heute wieder bessere Chancen“, stellt die Autorin des Fachbuchs „Bewerbung mit 40plus“ fest. Ein langer Atem - ein gutes Jahr müsse man rechnen - seien für den Bewerbungsprozeß allerdings ebenso unabdingbar wie eine nüchterne Eigenprofilanalyse und das Abwerfen von Ballast. „Viele machen den Fehler, in ihre Bewerbungen all ihrer Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten reinzupacken. Das geht in die Hose“, warnt Thieme.
Ganz wichtig auch: Netzwerken und die Werbetrommel für sich rühren. Hüten sollte man sich allerdings davor, ein zu breites Spektrum von Einsatzfeldern zu definieren, vom radikalen Kurswechsel a la „was ich immer schon gerne machen wollte“ ganz zu schweigen. „Man muß sich bewußt sein, wo man steht, dann stehen einem die Türen offen“, erklärt Personalberater Dwight Cribb, dessen gleichnamige Firma auf die Branchen Interaktive Medien, IT und Telekommunikation fokussiert ist. Spezialisten aus diesen Bereichen brauchen sich dabei im Moment dank stark gestiegener Nachfrage um ihre berufliche Zukunft weniger Sorgen zu machen. „Seit einem Jahr ist hier wieder ein Kandidatenmarkt“, bestätigt Cribb, für den das Argument „Einstellungsbremse Alter“ zu kurz greift. „Alter per se ist nicht das Thema, sondern die Fragen: Bin ich bereit zu ähnlichen Konditionen wie jüngere Bewerber zu arbeiten, oder habe ich eine ganz klare Differenzierung. Wenn beides nicht der Fall ist, dann habe ich ein Problem.“
Abschied nehmen vom Senioritätsprinzip
Bei Status und Einkommen Abstriche hinzunehmen, auch dahinter muß man erst einmal stehen können. Bislang gilt beides noch als Gesichtsverlust und als Inbegriff des beruflichen Scheiterns. Doch ein Karriereplateau auch wieder in die andere Richtung zu verlassen, dieser Realität werden sich in Zeiten leistungsgerechter Entlohnung und der Abkehr vom Senioritätsprinzip zunehmend mehr Berufstätige stellen müssen.
„Ich kann nicht davon ausgehen, den Status, den ich in Hinblick auf Karriere und Entlohnung einmal erreicht habe, zu behalten, unabhängig davon wie meine Performance aussieht“, erklärt FH-Professorin Regnet. Heute also Bereichsleiter, beim nächsten Job wieder wissenschaftlicher Mitarbeiter - „das Leben ist vielseitig“ kommentiert IAB-Forscher Bellmann gelassen. „Ältere haben den Vorteil, sie lassen sich nicht mehr so leicht verrückt machen.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,53 | +1,29% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2539 | −0,02% |
| Rohöl Brent Crude | 107,61 $ | +0,33% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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