05.08.2006 · Sie kommt, wenn es brennt. Wenn Auftragsrückstände Alarmstufe rot zeigen und die Kundenzufriedenheit im Keller liegt. Ist alles im grünen Bereich, geht die Managerin auf Zeit wieder. Der Beruf fordert zuzeiten vollen Einsatz, dann wieder sind Durststrecken zu überstehen.
Von Herta PaulusSie kommt, wenn es brennt. Wenn die Auftragsrückstände Alarmstufe rot zeigen und die Kundenzufriedenheit im Keller liegt. Ist alles im grünen Bereich, geht sie wieder. Rund sechs Jahre macht Birgit Ehrl-Gruber, Expertin für Auftragsmanagement und Logistik, das schon so. Ihre Berufsbezeichnung: Interimsmanagerin - und als solche ist sie durchaus keine Exotin mehr.
Untypisch sind höchstens das Spezialgebiet der 45jährigen Betriebswirtschaftlerin und die Tatsache, daß zwei schulpflichtige Kinder auf sie warten, wenn sie am Freitagabend nach Hause kommt. Denn Kinder, feste familiäre Verpflichtungen gelten als K.O.-Kriterium in der Branche auf Abruf.
Überfällige Korrektur
„Die Branche ist jünger, breiter, vielfältiger und weiblicher geworden“, bestätigt Anselm Görres, geschäftsführender Gesellschafter der ZMM Zeitmanager München GmbH in München. So sind derzeit rund 11 Prozent der im ZMM-Managerpool registrierten Businessprofis weiblichen Geschlechts, gegenüber dem Jahr 2000 hat sich ihr Anteil damit verdoppelt. Bei der Zahl der Vermittlungen liegt ihr Anteil mit derzeit 20 Prozent sogar noch höher. Als „überfällige Korrektur eines Anachronismus “ sieht Görres diese Entwicklung, die auch von anderen Agenturen - Provider genannt - bestätigt wird.
„Wir haben schon vielfach Frauen eingesetzt“, sagt Matthias Cropp, Partner der Ludwig Heuse GmbH Interim-Management.de im hessischen Kronberg. Einen besonderen Trend will er darin nicht erkennen. „Der Anstieg verläuft parallel zu der Entwicklung in der Wirtschaft. Frauen haben ihre Führungsqualitäten längst bewiesen.“
Ohne Netzwerke geht nichts
Zupaß kommt ihnen dabei ein weiterer Trend: Interimsmanager werden zunehmend nicht nur auf erster Führungsebene gesucht. „Das Projektmanagement ist ein großer Teil unserer Zukunft“, so Görres. Und die sieht rosig aus. Meldeten die Interimsmanager bereits im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von 25 Prozent, geht es auch in 2006 weiter aufwärts. „Wir wachsen mit über 100 Prozent“, vermeldet Görres.
An Profis mangelt es im wachsenden Markt dennoch nicht. Schätzungen zufolge bieten derzeit rund 10.000 Interimsmanager Firmen ihre Dienste an, Experten halten diese Zahl allerdings für deutlich zu hoch gegriffen. Fakt ist dennoch: Der Markt ist stark umkämpft, vor allem der Anfang hart. „Als Außenstehende rein zu kommen ist sehr schwer. Sie müssen ganz schön rühren, um ein Projekt zu ergattern“, berichtet Ingeborg Mack, die sich vor rund zehn Jahren als Interimsmanagerin im Bereich Rechnungswesen und Controlling selbstständig gemacht hat. Als Kernkriterium gilt zwar die nachgewiesene Kompetenz in einem Bereich, aber ohne gefülltes Kontakte-Konto geht wenig. „Netzwerke sind absolut wichtig, wenn nicht das Wichtigste“, bestätigt Eva Werther-Halfar.
Grundoptimismus gehört dazu
Sales Director, Country Manager, Leiterin Vertrieb lauteten die Karrierestationen der promovierten Juristin und Betriebswirtschaftlerin, die vor zwei Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit tat. Und hier auf oberster Ebene weiterarbeitet. Drei Monate dauerte das letzte Projekt, ein Sanierungsfall, der in der Presse für reichlich Schlagzeilen sorgte. Der Alteigentümer war insolvent, das Unternehmen mußte restrukturiert und fit für die Übernahme durch einen neuen Eigentümer gemacht werden. Ihre Zielvorgabe: Reaktivierung und Organisation des Vertriebs inklusive Backoffice und Außendienst.
„Es mußte ein Team gebildet werden, das in die Zukunft geht“, beschreibt sie die Aufgabe. Ein geregeltes Privatleben ist während eines solchen Einsatzes nicht drin.„Solange Sie im Projekt sind, haben Sie für nichts anderes mehr Zeit. Ein Kind - wohin damit?“, lautet ihre rein rhetorische Frage. Denn auch danach heißt es ständig auf Abruf sein, gehören Unwägbarkeiten zum Alltag. „Wenn was kommt, kommt's. Dann muß man Zeit haben,“ betont Werther-Halfar. „Langfristig einen Urlaub buchen, können Sie vergessen“, bestätigt Mack. „Man ist nie Herrin seiner Zeit, muß sich super organisieren und immer wieder selbst motivieren können.“ Nicht zuletzt, um auch trotz längerer Leerzeiten zwischen den Projekten weiter dranzubleiben. Ohne Gelassenheit, einen gewissen Grundoptimismus und ein finanzielles Polster lassen sich die Durststrecken schwer überstehen.
Hierarchiekämpfe fallen weg
In der Gesamtbilanz überwiegt für beide dennoch der Reiz der immer wieder neuen Herausforderung mit klaren Zielvorgaben und Aufgabenstellungen. Wer kommt, um zu gehen, muß keine Seilschaften bedienen, muß niemandem gefallen. „Man kann sehr Aufgabenbezogen arbeiten. Und man hat mit den internen Hierarchiekämpfen nichts zu tun,“ lauten für Werther-Halfar die klaren Vorteile. Das Standing als Chefin auf Zeit will dennoch erst einmal gesichert sein. Mit offenen Armen werden die Feuerwehrfrauen nicht immer empfangen. Die Stimmung sondieren, sich schnell ein Bild machen - wer blockiert, wer unterstützt - ist eine der Hauptaufgaben der ersten Tage im Job. „Ich muß die Leute, die ich als Schlüsselpersonen identifiziert habe, schnell hinter mich bringen“, sagt Einzelkämpferin Ehrl-Gruber.
Anders als ihre meisten Kolleginnen akquiriert sie ihre Aufträge und Projekte ausschließlich im Alleingang. Ihr Vorteil: „Ich wurde und werde von meinen ehemaligen Chefs weiterempfohlen.“ Das persönliche Netzwerk ist Gold wert. Denn ihre Vermittlungstätigkeit lassen sich die Provider gut bezahlen. Bis zu 35 Prozent des Tageshonorars - bei guten Deals liegt dies im vierstelligen Bereich - bleiben in ihrer Kasse. Nach nicht nur positiven Erfahrungen ist Werther-Halfar hier vorsichtig geworden. „Wenn mit Partnern, dann nur mit seriösen.“