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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Karrieresprung Grüne Aufstiegswege

 ·  Der Klimawandel macht's möglich - Jobs im Bereich Umwelt und Energie sind stark im Aufwind. Einst eher belächelt wird die Öko-Branche nun zum Silberstreif am Jobhorizont. Wir haben uns umgehört, was junge Menschen bewegt, ihre Weichen für Umweltberufe zu stellen.

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Energie und Klimaschutz haben ihn schon immer brennend interessiert. Tobias Schulze will die Menschen erreichen und sie für die Energieproblematik sensibilisieren. Er studiert im 4. Semester Energiesystemtechnik und ist voll des Lobes über sein praxisnahes Studium an der FH Giessen-Friedberg. In den Seminaren und Vorlesungen lernt er alles über Energiewandlung, Stromerzeugung, technische Infrastruktur, Kohlendioxidausstoß in Kraftwerksanlagen bis hin zur Fahrzeugtechnik - ein weites Spektrum, bei dem er sich jederzeit spezialisieren kann. Der gebürtige Kieler geht im Studium ganz seinen Neigungen nach. „Ich will die Dinge verstehen und erkennen wie sie funktionieren.“ Und je mehr er versteht, umso mehr kann er künftig in seinem Beruf praktisch umsetzen, sei es durch neue Forschungsergebnisse oder durch neue Verfahren im Bereich der Erneuerbaren Energien.

Und damit hat er die besten Voraussetzungen. Denn wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger nachweist, entwickeln sich Energie- und Ökoberufe zum Jobmotor Nummer eins in Deutschland. „Allein bis 2020 wird die Branche mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie“, sagt Torsten Henzelmann von der Unternehmensberatung Roland Berger. Er spricht von „der Boombranche des 21. Jahrhunderts schlechthin“. Im Auftrag der Bundesregierung befragten die Berater von Roland Berger knapp 1500 deutsche Firmen der Umwelttechnologie, werteten Studien aus und erstellten so einen Ökoatlas für Deutschland.

Das Zugpferd: erneuerbare Energien

Zugpferd bei den neuen Jobs ist die Branche der erneuerbaren Energien. Begünstigt durch den Beschluss des Bundestages, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 40 Prozent zu verringern, falls ein neues internationales Klimaschutzabkommen zustande kommt, sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Bis 2010 erwartet der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) allein im Bereich der Solarenergie einen Umsatz von rund fünf Milliarden Euro, 2004 lag das Volumen noch bei zwei Milliarden Euro. Gleichzeitig soll in Deutschland bis 2010 die Zahl der Beschäftigen in der Solarbranche auf 93.000 anwachsen, im Jahr 2004 lag die Zahl noch bei 30.000.

Hochgerechnet bis zum Jahr 2020 werden rund 150.000 neue Arbeitsplätze entstehen, so belegt eine Studie des Bundesumweltministeriums. Der Hintergrund: Deutsche Unternehmen sind Weltmarktführer und profitierten von der weltweit steigenden Nachfrage nach sauberer und innovativer Energietechnik. So stellt Deutschland weltweit bereits heute jede dritte Solarzelle her und produziert fast jedes zweite Windrad.

An der Erwartung, dass der Arbeitsmarkt in der Branche boomt, wird die Finanzkrise nur wenig ändern, so die Einschätzung von Branchenverbänden und Unternehmen. Zwar, räumt Daniel Kluge, Referent für Medien und Politik beim BEE ein, könne sich das Tempo etwa durch schlechtere Kreditkonditionen „etwas verlangsamen“, aber insgesamt gehe man davon aus, „dass es mittelfristig bei den positiven Entwicklungen für den Arbeitsmarkt bleiben wird.“ Drei entscheidende Vorteile gegenüber anderen Branchen werden nach Ansicht des BEE wirksam: die innovative Ausrichtung, die internationale Verflechtung der Klimafrage sowie die Rohstoffpreisentwicklung.

Allein im Sektor Windenergie sprießen die Jobs förmlich aus dem Boden - schon jetzt sind rund 70.000 Menschen mit Planung und Bau von Windkraftanlagen und ihrem Betrieb beschäftigt - mehr als im Kohlebergbau. Bis 2020, so die Prognose, soll die Branche sogar 112.000 Arbeitsplätze geschaffen haben.

Ausbildung und Berufsprofile passen schlecht zusammen

Doch was auf den ersten Blick wie ein Silberstreif am Arbeitsmarkt erscheint, birgt auch gewisse Engpässe - für Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen. „Bereits in den nächsten Jahren können einzelne Branchen große Probleme haben, entsprechend gut qualifizierte Arbeitskräfte zu finden“, erklärt Theo Bühler, Arbeitsmarktexperte des Wissenschaftsladens Bonn. Bisher, so Bühler, passten Ausbildung und Berufsprofile in Deutschland häufig nicht richtig zusammen.

„Das ändert sich“, erklärt Reinhold Altensen von der Fachhochschule Giessen-Friedberg. Zahlreiche Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland hätten sich auf die Entwicklung im Bereich der Regenerativen Energiewirtschaft eingestellt und bieten mittlerweile in ihren Studiengängen Schwerpunkte oder Vertiefungsrichtungen an. So splittet sich etwa der Studiengang Maschinenbau vielerorts in die Schwerpunkte Regenerative Energie- und Stofftechnik, Energieversorgung und Erneuerbare Energien zur Elektrizitätserzeugung auf. Auch der klassische Studiengang der Elektro- und Informationstechnik differenziert sich häufig in die Bereiche Regenerative Energien und Elektrische Energiesysteme. Weitere Untergliederungen wie etwa technische Gebäudeausrüstung, Energieanlagentechnik, Versorgungs- und Umwelttechnik sowie Windenergietechnik führen die Hoch- und Fachhochschulen im Lehrangebot. Des weiteren finden zahlreiche Weiterbildungslehrgänge etwa zum Solarfachberater oder zum Energiefachberater statt.

Die Studiengänge sind modular aufgebaut, haben eine Regelstudienzeit von sieben Semestern und sind stark praxisorientiert - im Hauptstudium lockt meist ein berufspraktisches Semester in einem Unternehmen. „Diese Phase ist oft richtungweisend für die Studenten“, sagt Reinhold Altensen. Hier hinterlasse der Student seine Visitenkarte. Die meisten nutzen ihre Chance und knüpfen wichtige Kontakte für die Zukunft.

Energiesystemtechnik statt Politikwissenschaft

Die Karrierewege derjenigen, die schon heute in Umweltberufen tätig sind, hören sich bislang noch durchaus vielfältig an. Wenig geradlinig, aber dennoch zielführend verlief zum Beispiel die Geschichte von Gerald Kunz. Nach dem Abitur schrieb er sich an der Uni Giessen für Politikwissenschaft ein. Schnell merkte er, wie sehr das Thema Energie in die gesamte Gesellschaft hineinwirkt. „Das war der Dreh“, sagt der 30-jährige. Er verließ die Universität und absolvierte eine Ausbildung zum Heizungsinstallateur mit Schwerpunkt Solar. Gut zehn Jahre liegt das zurück und bereut hat er es nie. „Das Interesse an der Energiefrage hat mich nicht mehr losgelassen“, bekräftigt Kunz. Heute studiert er Energiesystemtechnik an der TU Giessen. Sein Ziel: Ingenieur für technische Gebäudeausrüstung. Er wird künftig die Energieeffizienz von Gebäuden prüfen und Einsparpotenziale von Gebäudekomplexen testen.

Oliver Freitag hat seine Umweltideale zum gut dotierten Job gemacht. Er ist Leiter der Business Unit Brennstoffzellen bei Smart Fuel Cell (SFC), dem Marktführer für mobile und netzferne Energieversorgung auf der Basis der Brennstoffzellentechnologie. Noch vor zehn Jahren hatte ihn sein Professor gewarnt, weil er seine Diplomarbeit über Solarchemie schreiben wollte. „Da gibt es keine Jobs“, so die damalige Annahme. Heute arbeitet er mit Brennstoffzellen für den Freizeitbereich etwa beim Betrieb von Reisemobilen, Ferienhütten und Segelbooten. „Ein großer Zukunftsmarkt“, schwärmt der 38 Jahre alte Ingenieur. Eine Technologie, die flüssige Energieträger in Strom umwandelt und damit 30 bis 50 mal so effektiv sei wie Batterien, zudem leise und sauber funktioniert.

Und weitere spannende Märkte warten bereits: Elektrofahrzeuge, Sensoren aller Art, Sicherheitstechnik, Pipelines, Wetterstationen. Freitag hat begriffen, dass bei allen Idealen auch die Wirtschaftlichkeit stimmen muss - diese Balance hat er nun in seinem Job gefunden. Und noch mehr: Seine Neigung galt stets dem strukturell-kreativen, ihn reizte seit jeher die Kombination aus Technik, Wissen und Betriebswirtschaft. „Ich stelle nun meine Dienste in die Wertschöpfungskette“, bringt es der diplomierte Maschinenbauer auf den Punkt.

Energieeffiziente Häuser

Thomas Schilling wollte eigentlich Physik studieren, schließlich erschien ihm das doch zu speziell. Also studierte er Architektur in München. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung - hat er doch erkannt, dass fachübergreifende Qualifikationen besser ankommen als reines Spezialistentum. So verfeinerte er im Studium seine Zeichenkenntnisse, erweiterte sein technisches know-how und lernte viel über Energieoptimierung und Thermodynamik. Einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt der Architekt ohnehin. „Ein Haus zu planen ist eine integrierende Denkarbeit.“ Diese Denkweise kam ihm auch bei seiner Arbeit als selbständiger Energieberater zugute. In seinem Münchner Büro berechnet er seit 2002 die Energieeffizienz von Häusern und prognostiziert deren Sanierungsbedarf. Dabei orientiert er sich vor allem an den Parametern Dämmqualität und Primärenergieverbrauch. Seine Erfahrungen als Architekt sind ihm bei der Arbeit sehr nützlich. „Es ist gut, wenn ein Grundstock vorhanden ist.“ Besonders wegen der stark wachsenden Konkurrenz könne das Erfahrungsplus den entscheidenden Ausschlag geben, ist er sicher.

Trotz des Öko-Booms beurteilt er die Erfolgsaussichten seiner Arbeit eher kritisch: Die einen lassen sich beraten, finden eine Sanierung dann aber doch zu teuer, die anderen hingegen sanieren, weil sie dann Zuschüsse vom Staat erhalten, so seine Erfahrung. Er würde sich mehr Bewusstsein für den Klimaschutz wünschen und einen anderen Ansatz: Ein Blockheizkraftwerk pro Siedlung statt in jedem Haus einen eigenen Heizungskeller. „Das spart enorm viel Energie und ist umweltfreundlich“. Die Resonanz tendiere jedoch zur Zeit nahezu gen null , berichtet der Energieberater. Bis auf ein paar Ausnahmen, eine davon liegt am idyllischen Wörthsee in Oberbayern. Hier baute er ein Holzhaus, das mit Holzpellets und Solar beheizt wird.

Umweltplanung als Studiengang

Mit Holz beschäftigt sich auch Deborah Hoheisel, jedoch in seiner ursprünglichen und lebendigen Form. Sie möchte Wildnis- und Naturschutzgebiete so belassen wie sie sind - ohne Eingriffe des Menschen. Deshalb und weil sie sich schon als Kind für die Umwelt interessierte, studiert sie Umweltplanung an der TU München. Die Ausbildung der 26-jährigen ist vielfältig - sie reicht von naturwissenschaftlichen Grundlagen wie Biologie über Landschaftsmanagement bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Sie will mit ihrer künftigen Arbeit Menschen davon überzeugen, dass die Natur für sie keine Bedrohung darstellt. Dabei setzt sie auf Dialog und Kompromiss und sie weiß, wenn sie ihre Arbeit gut macht, wird sie auch erfolgreich sein. Sie schätzt die familiäre Atmosphäre an ihrer Fakultät und lobt das gute Verhältnis zu den Professoren. Ihren Bachelor hat die gebürtige Kasselerin bereits in der Tasche, jetzt bleibt sie noch für den Masterabschluss.

Genau wie Julie Gassmann - den Bachelor hat sie in England abgeschlossen, den Master für Umweltplanung und Ingenieurökologie will sie lieber an der TU München machen. „Deutschland hat mehr Tradition in ökologischen Fachbereichen“, begründet die 25-jährige ihren Wechsel - auch wenn sie deshalb ein Jahr länger auf den Campus muss.

Ehrgeizige Klimaziele

Um das Klimaziel der Bundesregierung zu erreichen, soll Deutschland bis zum Jahr 2020 rund 270 Millionen Tonnen CO2 weniger ausstoßen. Die wichtigsten Punkte: Der Ausbau erneuerbarer Energie soll 55 Millionen Tonnen einsparen. Hinzu kommen 40 Millionen Tonnen durch die Steigerung der Energieeffizienz, 30 Millionen durch neue Kraftwerke sowie 41 Millionen Tonnen mittels Gebäudesanierung und effizienten Heizungen. Weitere zehn Millionen sollen mit mehr Effizienz im Verkehr und mehr Biosprit erreicht werden.

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