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Karrieresprung Der Doktorhut muß einem stehen

10.03.2006 ·  Nach dem Studium stellt sich für viele die Frage: erst noch promovieren oder direkt ins Arbeitsleben. Wer sich für die höheren akademischen Weihen entscheidet, dem stehen verschiedene Weg offen - alle mit Vor- und Nachteilen.

Von Sörge Drosten
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Geschafft: Das Diplom in der Tasche und der Arbeitsmarkt öffnet seine Toren. Endlich heißt es rein in die Praxis und Geld verdienen. Die graue Theorie und das schmale Studentensalär gehören der Vergangenheit an. Doch ist dafür nicht auch noch später Zeit? Sollte man der akademischen Welt jetzt wirklich schon den Rücken kehren.

Wäre es nicht viel sinnvoller den Elfenbeinturm noch etwas höher zu klettern, um dann ausgestattet mit einem Doktortitel auf der Karriereleiter gleich ein paar Sprossen zu überspringen? Schließlich steht ein Doktortitel für eine schnellere Karriere, höheres Einkommen und gesellschaftliches Renommee.

Eine Promotion hat ihre Kosten

Doch auch die andere Seite der Waagschale fällt ins Gewicht: Eine Promotion kostet einen im Durchschnitt drei bis vier zusätzliche Jahre. Zeit, in der die ehemaligen Kommilitonen bereits voll im Berufsleben stehen und richtiges Geld verdienen. Hochschulabsolventen sollten Kosten und Nutzen einer Promotion genau abwägen.

Ob man seine berufliche Laufbahn mit einem erfolgreich abgeschlossenen Studium oder einer Promotion beginnt, ist zunächst mal eine Frage des angestrebten beruflichen Profils. So steht beispielsweise Ingenieuren und Naturwissenschaftlern heute ein sehr viel breiteres Berufsfeld offen als noch vor circa zehn Jahren. Neben ihrem angestammten Platz in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen kommen sie auch im Vertrieb, Marketing und Produktmanagement sowie der Produktion verstärkt zum Einsatz.

Der Hut als Schmuck oder Eintrittskarte

Ist der Doktorhut in den traditionellen Berufsfeldern oftmals Eintrittskarte für einen erfolgreichen Karrierestart, so dient er in den produkt- und kundennahen Bereichen lediglich als schmückendes Beiwerk. In Zeiten von internationalen Projektteams und Teamarbeit ist immer seltener der Tüftler gefragt, der als Solist an einem Projekt arbeitet. Zwar setzen Unternehmen aller Branchen eine gute Ausbildung und somit hohe fachliche Kompetenz voraus, doch in den Mittelpunkt des Anforderungsprofils rücken andere Schwerpunkte. Gefragt sind Teamfähigkeit und interkulturelle Kompetenz, um sich in eine Projektgruppe integrieren und in einem international zusammengesetzten Team präsentieren zu können. Gefordert werden Methoden- und Problemlösungskompetenz zur Organisation und Umsetzung von Projekten. Darüber hinaus gewinnen Management- und kaufmännische Kompetenz an Bedeutung.

Unternehmen sind eher bereit Defizite im Fachwissen als in den Persönlichkeitsmerkmalen zu akzeptieren. Dahinter verbirgt sich die Einsicht, daß unternehmensspezifisches fachliches Know-how sehr viel leichter aufgebaut werden kann als persönliche Defizite abgebaut werden können. Der Erwerb und Ausbau dieser sogenannten soft skills braucht Zeit. Absolventen mit Promotionsambitionen müssen sich bevor sie den Ausbau ihrer fachlichen Kompetenz vorantreiben fragen, ob sie bereits ausreichend in ihre persönliche Kompetenz, ihren Erwerb von Zusatzqualifikationen, investiert haben.

Schlüsselqualifikationen sind wichtig

Neben Auslanderfahrung und Praktika sind es stabile Verhaltensmuster und Persönlichkeitseigenschaften, die beruflichen Erfolg in einer schnellebigen Umwelt determinieren. Stabile Persönlichkeitsmerkmale und Kompetenzen wie Gewissenhaftigkeit, Verhandlungsgeschick, Leistungsmotivation, Lern- und Veränderungsbereitschaft oder Belastbarkeit werden an Bedeutung gewinnen. Hinzu kommen Persönlichkeitseigenschaften, die auf zukünftige Führungsqualitäten hinweisen. Das Maß an Überzeugungskraft, mit dem ein Bewerber potentielle Kollegen für Inhalte und Ideen begeistern kann, seine Durchsetzungsfähigkeit und Teamfähigkeit werden in Auswahlverfahren detailliert geprüft und evaluiert. Wer diese Schlüsselkompetenzen nicht besitzt, wird auch mit dem zusätzlichen akademischen Grad auf dem Arbeitsmarkt nicht punkten können.

Der ideale Kandidat bringt natürlich beides mit: Fach- und Sozialkompetenz. Doch zumeist ist dies ein vorprogrammierter Widerstreit. Wer sich vier Jahre oder mehr im wissenschaftlichen Elfenbeinturm verschanzt, dem bleibt kaum Zeit für einen Blick auf die Anforderungen der Praxis. Um so wichtiger ist es, daß Promotionswillige im Vorfeld sämtliche Optionen prüfen.

1. Promotion an der Uni

Zeit ist bekanntlich Geld und dies gilt insbesondere für die Promotion an der Universität ohne finanzielle Unterstützung durch zum Beispiel Stipendien. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte dies bei der Wahl seines Promotionsthemas und seines Doktorvaters von vornherein mit einkalkulieren. Konkret heißt dies: Dissertationen mit einem statistischen Fokus sind in der Regel wesentlich schneller und einfacher zu realisieren als Promotionsthemen mit experimentellem Charakter. Dissertationen, die eine Vielzahl von aufwendigen Versuchen mit unsicherem Ausgang - womöglich noch an einem schlecht ausgestatteten Institut - voraussetzen, mutieren schnell zur Lebensaufgabe.

Auch die Vorteile der universitären Anbindung wie eine schnelle und umfassende Literaturauswahl und eine enge Bindung an den Doktorvater können sich schnell als Nachteil entpuppen. Viele Promotionskandidaten verdingen sich an der Universität zugleich als wissenschaftliche Mitarbeiter. Dabei korrelieren die eigenen Forschungsinteressen nicht selten mit denen des Doktorvaters. Oftmals werden die angehenden Doktoren über das vereinbarte Soll hinaus für die Betreuung von Studenten, Recherchen und Veröffentlichungen des Lehrstuhls eingespannt. Vielen Promotionskandidaten fällt hier ein „nein“ schwer, sind sie doch zugleich auf ein gutes Verhältnis zum Lehrstuhl angewiesen.

2. Promotion am Graduiertenkolleg

Graduate Schools und PHD-Programme, die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und der Deutschen Forschungsgemeinschaft gesponsert werden verfolgen vor allen Dingen ein Ziel: Sie bieten jungen Forschungskräften die Möglichkeit, unter erstklassigen Arbeitsbedingungen ihre Promotionsvorhaben schnell zu realisieren. Zumeist werden die Doktoranden finanziell über Stipendien abgesichert und haben so die Chance, sich voll und ganz ihrem Forschungsinteresse zu widmen. Entsprechend heiß begehrt sind die Programme, was sich auch in einem anspruchsvollen Auswahlverfahren niederschlägt. Durchschnitt reicht nicht, hier sind Bestnoten gefragt, um zu reüssieren.

3. Promotion im Ausland

Wer sich für eine internationale Karriere interessiert, muß damit nicht bis zu seinem Eintritt in den Arbeitsmarkt warten. Viele ausländische Universitäten locken Promovierende mit erstklassigen Bedingungen wie gut ausgestatteten Forschungslabors und einer umfassenden Betreuung. Der Vorteil nach einem erfolgreichen Abschluß hat man nicht nur den Doktor, sondern auch den vom Arbeitmarkt verstärkt geforderten Auslandsaufenthalt in der Tasche.

4. Promotion in der Industrie

Wer keine wissenschaftliche Karriere anstrebt, der sollte bereits bei der Promotion auf eine Kombination aus Praxis und Wissenschaft setzen. Viele Großunternehmen schreiben Forschungsprojekte für Jungwissenschaftler aus. Hochschulabsolventen lernen so bereits während ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit die unternehmerische Praxis kennen und können erste Kontakte zu ihrem potentiellen Arbeitgeber knüpfen. Dabei ist das Thema der Dissertation in der Regel vom Unternehmen vorgegeben und der Doktorand muß sich nur seinen Doktorvater selber suchen. Auch für die notwendige finanzielle und wissenschaftliche Unterstützung kommt das Unternehmen zumeist auf. Sicher frei von Eigeninteressen ist das Engagement der Unternehmen nicht. Als Gegenleistung müssen die Promotions-Aspiranten häufig tageweise in den entsprechenden Fachabteilungen arbeiten. Auch hier empfiehlt es sich, bereits im Vorfeld klare Regelungen zu treffen, damit das Maß an „Fremdarbeit“ nicht mit den Forschungsinteressen kolidiert.

5. MBA statt Promotion

Für Natur- und Geisteswissenschaftler, aber auch Ingenieure mit Managementambitionen sind MBA-Programme eine sinnvolle Alternative zur Promotion. MBA-Programme haben den Vorteil, daß sie der beruflichen Praxis näher stehen. Teamarbeit, Auslandserfahrungen, Kommunikativität, interkulturelle Kompetenz und eine starke Praxisorientierung sprechen für den MBA. Hinzu kommt, daß der zeitliche Aufwand in der Regel ungleich geringer ist als bei einer Promotion und die Programme oftmals als Fernstudium mit monatlichen Präsenzphasen angelegt sind. Der MBA läßt sich so wesentlich einfacher in den Joballtag integrieren.

Unterschätzen sollte man den MBA dennoch nicht. Einerseits erfordert auch er ein hohes Maß an Selbstdisziplin und andererseits schlägt er mit 30.000 bis 50.000 Euro zu Buche. Kosten, die sich jedoch zumeist auszahlen, denn Träger des Titels können mit durchschnittlich 5.000 Euro mehr Jahresgehalt rechnen. Unternehmen stehen dem MBA zur Erlangung von Managementqualifikationen positiv gegenüber. So schätzen 85 Prozent der Unternehmen einen MBA gleichwertig mit einer Promotion ein (Kienbaum-Studie „High-Potentials 2004“). Dies gilt insbesondere für Absolventen mit einer technischen oder naturwissenschaftlichen Ausrichtung, die durch den MBA auch die notwendigen wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnisse vermittelt bekommen. Vor allen Großunternehmen bezuschussen den MBA bei ihren Nachwuchs-Führungskräften oftmals auch finanziell. Wer sich für einen MBA entscheidet, sollte sich vorab genau über die Voraussetzungen, Kosten, Programminhalte aber auch das Renommee der Schule informieren. Denn anders als bei der Promotion ist MBA nicht gleich MBA. Hier zählt nicht der Titel, sondern die Schule bei der er erworben wurde. (siehe auch: Schritte zum richtigen MBA)

5.000 Euro mehr für einen Doktor

Der Doktortitel zahlt sich nach wie vor aus: High Potential verdienen im Durchschnitt 46.000 Euro im Jahr. Mit Promotion steigen sie jedoch weitaus höher mit 51.500 Euro ein. Eine qualifizierte Ausbildung erhöht zugleich die Chance, in der Unternehmenshierarchie in höhere Führungsetagen aufzusteigen und dort die besser dotierten Positionen zu besetzen. Der Gehaltsdifferenzierung aufgrund des akademischen Grads relativiert sich jedoch im Lauf der Karriere. In vergleichbaren Positionen lassen sich keine Vergütungsunterschiede allein aufgrund unterschiedlicher Ausbildungsabschlüsse feststellen. Eine Differenzierung der Gehälter nach den verschiedenen Ausbildungsabschlüssen wäre in diesem Fällen kaum zu rechtfertigen. Die gleichartige Aufgabenstellung und -verantwortung der Positionsinhaber steht dem entgegen.

Zusammenfassend läßt sich feststellen: Was zählt ist der Anstoß. Von einer Promotion aus Verlegenheit mangels fehlender Alternativen ist abzuraten, eine Promotion als sinnvoller Bestandteil einer strategischen Karriereplanung hingegen zu befürworten.

Dr. Sörge Drosten ist Partner bei Kienbaum Executive Consultants

Quelle: rwi
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