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Karrieresprung : Der Club der guten Redner

  • -Aktualisiert am

Vorträge, Präsentationen, Ansprachen: Ein gewisses Redetalent ist im Job häufig gefragt. Bei den „Toastmasters“ können Mitglieder in der Freizeit ihre rhetorischen Fähigkeiten verbessern. Und die Englischkenntnisse dazu.

          Marion steht in der Mitte einer U-förmig angeordneten Tischreihe. Sie räuspert sich noch einmal, dann beginnt sie zu reden. Über ihre erste Liebe, einen jungen Chinesen, der ihr seine Heimat zeigte und sie bis heute dafür begeisterte. Über den Alltag in China, die Schwierigkeit der Sprache mit ihren ähnlich klingenden Lauten und den daraus resultierenden Mißverständnissen im Alltag. Marion spricht frei und weitgehend flüssig. Es ist ihre erste große Rede in dieser Runde, der so genannte „Icebreaker“. Die Runde, das sind die „Munich Toastmasters“.

          Dabei handelt es sich um einen englischsprachigen Club, dessen rund 35 Mitglieder - Deutsche wie „Native Speaker“ - sich zwei Mal im Monat treffen, um ihre Rede- und Moderationsfähigkeiten zu verbessern. Sei es aus Spaß an der Rhetorik oder zur beruflichen Weiterbildung.

          Die gebürtige Amerikanerin Carol, nach eigenen Aussagen „eher ein Forschertyp“, baute bei den Toastmasters ihre Scheu vor Publikum ab - und schaffte somit die Voraussetzung für ihren aktuellen Job als Fremdsprachenlehrerin. Thomas, Claims Manager bei einer britischen Versicherungsgesellschaft, macht sich hier fit für die englischsprachigen Präsentationen, die er regelmäßig halten muß. Ähnlich motiviert ist Neumitglied Marion, Consultant in einer amerikanischen Unternehmensberatung: „Für den freien Vortrag fehlt mir oft der nötige Wortschatz.“

          Reden ohne Hemmungen

          Einen Trainer gibt es bei den Toastmasters nicht. „Jeder hilft jedem dabei, sich zu verbessern“, erklärt Club-Präsident Ralph Schleer. Dazu übernehmen die Mitglieder wechselnde Parts. Als „Toastmaster of the Evening“ führt heute Elke durch den Abend. Der Ablauf ist stark formalisiert, ebenso die Begrüßung aller Redner mit Handschlag und Applaus. Erster Programmpunkt: Stegreifreden. Zu welchem Thema, vor welchem imaginären Publikum und an welchem Ort der Redner spricht, wird ihm vorgegeben. Ebenso die Zeit: Zwischen einer und zwei Minuten. Kenan erzählt Kindern im Hyde Park von gefährlichen Katzen, Robin hält auf einer Hochzeit eine Rede über Formel Eins.

          Eine gelbe Lampe signalisiert das nahende Zeitlimit, eine rote dessen Überschreitung. Grammatik-Fehler und die Zahl der stockenden „Ähs“ werden mitprotokolliert. So streng die Bewertung scheinen mag: Die offene und freundliche Atmosphäre im Club läßt die Hemmschwelle, sich auszuprobieren, gering erscheinen. „Das fällt hier leichter als vor Kollegen“, sagt Ralph.

          9.000 Rede-Clubs weltweit

          Entstanden sind die Toastmasters 1924 in Kalifornien. Der amerikanische Ursprung macht sich in vielen Details bemerkbar - von der gelben Clubfahne über Rede-Contests und Auszeichnungen bis hin zur Herzlichkeit, mit der Gäste und neue Mitglieder aufgenommen werden. Die Toastmasters zählen heute weltweit rund 9.000 Clubs, darunter 28 in Deutschland. Eine Mitgliedschaft kostet etwa 30 Euro pro Halbjahr. Eine günstige Weiterbildung, keine Frage.

          Die Moderatorin leitet über zu den vorbereiteten Reden. Jedes Club-Mitglied arbeitet sich durch ein Handbuch mit verschiedenen Redeprojekten. Die Anforderungen steigen dabei sukzessive an: Frei reden, klar, und dabei Augenkontakt mit dem Publikum halten, ein möglichst abwechslungsreiches Vokabular verwenden, Körper, Mimik und Stimme einsetzen, die Zuhörer amüsieren und sie schließlich - bei Rede Nummer zehn - von einer Idee begeistern. Wer dieses Programm absolviert hat, gilt, wie Carol mittlerweile, als „Competent Toastmaster“. Und kann sich das nächste Handbuch mit den fortgeschrittenen Projekten vorknöpfen.

          Jede Rede wird im letzten Teil des Abends von einem ausgewählten Mitglied beurteilt. Kriterien für die kompetente Bewertung liefert ebenfalls das Handbuch. Thomas urteilt über die „inspiring speech“ des Club-Präsidenten - keine leichte Aufgabe. Er findet lobende Worte, brillant war die Rede seiner Ansicht nach aber nicht: Zu wenig Beispiele und nicht genug Enthusiasmus, um die Zuhörer vollends für sich einzunehmen, bemängelt Thomas. „Durch die Evaluation lernt man, die eigene Kritikfähigkeit zu schulen.“ Der Redner wiederum bekommt ein konstruktives Feedback.

          Ralph erwirbt sich an diesem Abend zudem den Titel des „Competent Toastmaster“, Marion eine Anstecknadel für ihren gelungenen Rede-Einstand.

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