Home
http://www.faz.net/-gqe-3xo6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Karrieresprung Arbeitszeugnis: Wahr, gut und schön

Bei Schulzeugnissen sprechen Noten eine klare Sprache. Anders im Job. Um aus einem grundsätzlich wohlwollend verfassten Arbeitszeugnis Informationen über das Können, Wollen und Verhalten des Mitarbeiters herauslesen zu können, muss man die verbalen und non-verbalen Codes kennen.

© Vergrößern Karrieresprung - bei FAZ.NET

Egal, ob ein Mitarbeiter das Unternehmen freiwillig oder unfreiwillig, im Guten oder Bösen verlässt: Er hat in jedem Fall Anspruch auf ein Arbeitszeugnis - auf ein wohlwollendes obendrein. Der Arbeitgeber darf ihm keine Steine in den beruflichen Weg legen, so will es das Gesetz. Gleichzeitig, so heißt es weiter im Text, müssen die schönen Worte aussagekräftige Informationen über Leistung und Verhalten des Mitarbeiters liefern und der Wahrheit entsprechen. Ein sprachlicher Spagat, keine Frage.

Doch zunächst die Formalitäten. Der scheidende Mitarbeiter erhält sein Zeugnis nicht automatisch, sondern muss es einfordern. Er hat die Wahl zwischen einem „einfachen“ und einem „qualifizierten“ Zeugnis. Ersteres ist lediglich ein schriftlicher Nachweis darüber, wie lange und in welcher Funktion er im Unternehmen beschäftigt war. Werden zudem Leistung und Verhalten des Mitarbeiters beurteilt, handelt es sich um ein qualifiziertes Zeugnis. Verwehren kann ihm der Arbeitgeber das nicht, selbst wenn das Beschäftigungsverhältnis nur kurze Zeit dauerte.

Mehr zum Thema

Für den Aufbau eines qualifizierten Zeugnisses gilt folgender Standard:

1. Überschrift
Bezeichnung der Zeugnisart: Zwischenzeugnis, Praktikantenzeugnis etc.

2. Einleitungssatz
Personalien, Dauer des Arbeitsverhältnisses

3. Aufgabenbeschreibung
Position, Aufgaben und Kompetenzen im Unternehmen (beginnend mit der verantwortungsvollsten Aufgabe, z.B. Projektverantwortung, Vollmachten, Haupt-/Sonderaufgaben, Berichtspflicht)

4. Leistungsbeurteilung
Arbeitsbereitschaft/Motivation (z.B. Engagement, Pflichtbewusstsein)
Fähigkeiten/Können (z.B. Ausdauer, Denkvermögen)
Fachwissen/Weiterbildung (z.B. Aktualität, Eigeninitiative)
Arbeitsweise/-stil (z.B. Selbständigkeit, Sorgfalt)
Erfolge/Ergebnisse (z.B. Qualität, Termintreue)
Führungsleistung (z.B. Zahl und Zufriedenheit der Mitarbeiter)

5. Verhaltensbeurteilung
Verhalten zu Vorgesetzten, Kollegen, gegebenenfalls zu Kunden und weiteren Personen (z.B. Vorbildlichkeit, Teamfähigkeit, Auftreten, Loyalität)

6. Schlussabsatz (optional)

Ob in einem Schlussabsatz der Grund für das Ausscheiden genannt wird, kann der Mitarbeiter selbst entscheiden. Im Gegenzug bleibt es nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts dem Arbeitgeber überlassen, hier abschließend lobende Worte zu finden, den Weggang des Mitarbeiters zu bedauern und ihm gute Wünsche mit auf den Weg zu geben. Freilich: „Fehlt ein Zukunftswunsch in einem ansonsten sehr guten Zeugnis, so lässt dies Zweifel aufkommen, ob der übrige Inhalt auch tatsächlich der Wahrheit entspricht“, warnt Kirsten Weigmann, Sozius der Rechtsanwaltskanzlei Feil & Weigmann in Hannover.

Wie gut der Inhalt selbst ist, das bestimmen sprachliche Nuancen wie „volle“ oder „vollste“ Zufriedenheit oder die Verwendung des Wörtchens „stets“. Diesen Code (siehe Link: Die Codes im Arbeitszeugnis) muss man kennen, um sich nicht mit wohlklingenden, tatsächlich aber karrierekillenden Floskeln zu begnügen. So stehe etwa die Aussage: „Wir lernten ihn als umgänglichen Mitarbeiter kennen“ für „Viele Mitarbeiter sahen ihn lieber von hinten als von vorn“, befand das Landesarbeitsgericht Hamm in einem Urteil.

Zu den thematischen Tabus im Zeugnis zählen:

· Gehalt

· Kündigungsgrund

· Vorstrafen

· Abmahnungen

· Krankheiten/Fehlzeiten

· Leistungsabfall

· Alkoholabhängigkeit

· Behinderungen

· Betriebsrats- oder Gewerkschaftsengagement

· Parteizugehörigkeit, religiöses Engagement

· Nebentätigkeiten/Ehrenämter

· Urlaubs- und Fortbildungszeiten

Auch die Form des Zeugnisses ist durch eine Reihe von Gerichtsentscheiden geregelt. So darf im Text nichts unterstrichen, kursiv gedruckt oder gefettet werden. Ebenso unzulässig ist es, mit Ausrufe-, Frage- oder Anführungszeichen bestimmte Aussagen hervorzuheben. Das Zeugnis ist sauber und ordentlich auf hochwertiges Papier mit einem ordnungsgemäßen Briefkopf zu schreiben und enthält weder Verbesserungen noch Durchstreichungen. Kurzum: Die äußere Form darf nicht den Eindruck erwecken, der Arbeitgeber distanziere sich vom buchstäblichen Wortlaut seiner Erklärung. Abschließend muss sie von ihm oder einem weisungsbefugten Vertreter unterschrieben und mit einem Firmenstempel versehen werden.

Wer mit seinem Zeugnis unzufrieden ist, sollte nicht darauf hoffen, dass die negativen Punkte nicht auffallen. Besser, man verhandelt gleich mit dem Arbeitgeber. Notfalls kann man auch beim Arbeitsgericht ein angemessenes Zeugnis einklagen. Damit sollte man freilicht nicht zu lange warten. Der Anspruch verfällt zwar nicht, doch ist die Unkorrektheit des Zeugnisses umso schwieriger zu beweisen, je länger seine Ausstellung zurückliegt. Achtung: Wird das Zeugnis neu formuliert, muss es das Datum des ursprünglichen Dokuments tragen, eine Ergänzung darf als solche nicht erkennbar sein.

Buchtipps
# Huber, Günter: Das Arbeitszeugnis in Recht und Praxis, Haufe Verlag, 24,95 Euro.
# Weuster, Arnulf/Scheer, Brigitte: Arbeitszeugnisse in Textbausteinen, Boorberg Verlag, 19,90 Euro.

Quelle:

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kostenloses Praktikum? 300 Pfund für ein Arbeitszeugnis

Eine britische Denkfabrik ist ins Gerede gekommen, weil sie angeblich Geld für ein Arbeitszeugnis von unbezahlten Praktikanten verlangt. Ein bizarrer Streit. Mehr

12.01.2015, 15:59 Uhr | Wirtschaft
Machen Sie den Test Verstehen Sie ihr Arbeitszeugnis?

Zu unserer vollsten Zufriedenheit oder wir wünschen weiterhin viel Erfolg: Jeder kennt Sätze wie diese aus seinen Arbeitszeugnissen. Doch wissen Sie auch, was sie bedeuten? Machen Sie den Test! Mehr Von Sven Astheimer und Eva Heidenfelder

22.10.2014, 08:52 Uhr | Beruf-Chance
Big Data und Politik Brauchen wir noch Gesetze, wenn Rechner herrschen?

Algorithmen entscheiden, welche Paare sich finden, sie bestimmen Suchergebnisse und wickeln Aktiengeschäfte ab. Ersetzen sie bald auch Gesetze? Wie das Internet der Dinge die Politik verändert. Mehr Von Adrian Lobe

14.01.2015, 20:24 Uhr | Feuilleton
Bahnstreik Merkel fordert verantwortliches Verhalten der GDL

Bundeskanzlerin Merkel fordert die GDL auf, verantwortlich mit Streiks umzugehen. Verkehrsminister Dobrindt rät der Bahn sogar zu rechtlichen Schritten. Mehr

05.11.2014, 16:18 Uhr | Politik
Überwachung von Mitarbeitern Den Untergebenen auf der Spur

Ständig krank, in die Kasse gegriffen: Wenn Arbeitgeber dem eigenen Personal nicht mehr vertrauen, kommen Detektive ins Spiel. Sie sollen beweisen, dass die Trennung unumgänglich ist. Doch wie weit darf das Bespitzeln gehen? Mehr Von Constantin Baron van Lijnden

14.01.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.11.2002, 15:35 Uhr

Alternative AfD?

Von Heike Göbel

Wie viel Marktwirtschaft steckt in der AfD? Eine klare Antwort gibt es noch nicht. Aber ein ernstzunehmendes Angebot kann dem politischen Wettbewerb nur gut tun. Mehr 36 97


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Umfrage

Soll Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Grafik des Tages Was man bei Google verdienen kann

Google-Mitarbeiter in Amerika verdienen gut. Aber wie gut? Das zeigen nun Daten für 15 Schlüsselpositionen. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden