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Kammerphilharmonie Bremen : Rebellen im Kulturbetrieb

Bild: F.A.Z., Daniel Pilar

In Bremen spielt eines der besten Orchester der Welt. Dahinter steckt ein besonderes Modell – mit Musikern in Doppelfunktion.

          Die Violinen flirren, die Flöten, Oboen und Klarinetten setzen ein. Und gemeinsam schwingt sich das Orchester zu den letzten Takten der Reprise auf, jenem Zwischenteil, der den Weg für das große Finale in diesem Meisterwerk in e-Moll ebnet. Doch bevor das Allegro non troppo seinen Höhepunkt erreicht, klopft Paavo Järvi mit dem Taktstock auf das Dirigentenpult. „Das muss präziser werden, mit mehr Kraft und Energie“, ruft er. Die Konzertmeisterin an seiner Seite wünscht sich „mehr Dynamik“, und auch der Klarinettist aus der letzten Reihe meldet sich zu Wort. Järvi hört sich alles an, gibt ein paar knappe Anweisungen und lässt bei Takt 381 neu starten. Dann knallen die Paukenschläge, die Kontrabässe dröhnen und der erste Satz von Brahms Sinfonie Nr. 4 endet mit einem Donnerhall.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          In der Pause knabbert Järvi ein paar Karotten- und Apfelstücke. „Brahms ist eine große Herausforderung“, sagt er. Nicht etwa, weil die Komposition ungenau sei oder der Künstler zu viel Spielraum für Interpretationen gelassen habe. Ganz im Gegenteil: „Er war ein Perfektionist, seine Partituren sind wissenschaftlich genau austariert.“ Für manche Orchester wirke dies wie eine Zwangsjacke. Nicht aber für die Kammerphilharmonie Bremen: Zusammen mit diesem Ensemble studiert Järvi, einer der erfolgreichsten Dirigenten der Welt, seit November einige Stücke von Brahms ein. Und langsam beginnt die Musik zu atmen - auch weil die Musiker nicht passiv bleiben, sondern sich aktiv in die Diskussion einbringen. „Ich kenne kein Orchester, das so genau arbeitet und an jeder einzelnen Note feilt“, sagt Järvi, 53 Jahre alt, der in Estland geboren wurde und einen amerikanischen Pass hat.

          Fast sieben Stunden lang Proben

          Die Kammerphilharmonie Bremen ist ein außergewöhnliches Orchester, und das in jeder Hinsicht. Schon der Proberaum - eine renovierte Aula der Gesamtschule Bremen-Ost, in der die Musiker an diesem Tag fast sieben Stunden lang proben - fällt aus der Reihe. Er liegt mitten im Problembezirk Osterholz-Tenever, wirkt nüchtern-funktional und sieht eher nach einem ambitionierten Laienorchester aus, als nach dem Klangkörper von Weltrang, der dort seit einem knappen Jahrzehnt residiert.

          Die eigentliche Besonderheit des Orchesters ist aber seine gesellschaftsrechtliche Struktur. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gGmbH gehört komplett ihren Musikern. Jeder Instrumentalist ist Gesellschafter und mitverantwortlich für den künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolg. Die Proben laufen daher anders als in den meisten Staatsorchestern. „Wir sind selbstbewusst und laufen nicht bloß dem Dirigenten hinterher“, sagt die Bratschistin Friederike Latzko. „Wir wollen mitreden, schließlich hängt unsere Existenz davon ab, dass wir ein Spitzenniveau erreichen.“ Der Erfolg gibt den Bremern recht.

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