09.08.2008 · Nach großen Unglücksfällen werden die Angehörigen von Opfern oft aus einem großen Topf entschädigt. Aber wer bekommt wieviel? Der wirtschaftliche Schaden, den Menschen erleiden, weil der Verdienst eines Angehörigen wegbricht, ist unterschiedlich. Familien von Bankern bekommen oft mehr als Familien von Putzfrauen.
Mit der Aufgabe, den Wert der Anschlagsopfer vom 11. September zu bemessen, wurde der Rechtsanwalt Kenneth Feinberg betraut. Er rechnete zunächst die wirtschaftlichen Schäden aus, die Menschen erlitten, weil der Verdienst ihrer Angehörigen verloren war. Die Familien von erfolgreichen Bankern bekamen viel Geld, die von Putzfrauen wenig. Das war das Grundprinzip. Es gab aber eine Grenze: Mehr als 231 000 Dollar Jahreseinkommen wurden nicht ausgeglichen.
Warum das Leben ihres Mannes, eines Feuerwehrmannes, eine Million Dollar weniger wert sei als das Leben eines Börsenmaklers, wollte eine Witwe wissen. "Weil Amerika so funktioniert", antwortete Feinberg, der die Begebenheit in seinem Buch "What is life worth?" schildert. Feinberg pekunisierte aber auch den Schmerz der Angehörigen. Dafür hatte er Vorgaben: 250 000 Dollar plus 100 000 für einen überlebenden Ehegatten und genauso viel für jedes unterhaltsberechtigte Kind. Der Fonds, der an 5300 Familien rund sieben Milliarden Euro ausschüttete, wurde geschaffen, um die Opfer rasch zu entschädigen und die Airlines und Versicherungen vor existenzbedrohenden Schmerzensgeldprozessen zu bewahren. Als einmal zwei amerikanische Piloten über Kuba abgeschossen wurden, erhielten deren Familien je 80 Millionen Dollar Schmerzensgeld zugesprochen. "Solche Summen hätten viele große Unternehmen ruiniert", sagt der Entschädigungsexperte Ulrich von Jeinsen.
Der Trauerschmerz wird in Deutschland selten ausgeglichen
Deutschland ist anders als Amerika. Der Trauerschmerz der Angehörigen wird hier nicht entgolten. Allein Beerdigungskosten und der entgangene Unterhalt sind vom Verantwortlichen eines Todesfalls oder seiner Haftpflichtversicherung zu leisten. "Ausgeglichen wird der materielle Schaden", erläutert die Allianz-Justitiarin Meike Finke: "Der Trauerschmerz wird nach deutscher Gesetzeslage nicht ausgeglichen, es sei denn, die gesundheitliche Beeinträchtigung des Angehörigen geht deutlich über das hinaus, was Nahestehende erfahrungsgemäß erleiden, und zieht Behandlungskosten nach sich."
Das führt dazu, dass etwa ein Unfallverursacher oft billiger davonkommt, wenn er jemanden tötet, als wenn er ihn schwer verletzt. "Das gibt unser Wertesystem nicht wieder", sagt Rechtsanwalt Götz Keilbar.
Einer der schlimmsten Unglücksfälle in Deutschland war der Unfall eines ICE-Zuges in Eschede mit 101 Toten. Die Bahn leistete eine Entschädigung von 35 Millionen Euro. In 200 Fällen wurde Angehörigenschmerzensgeld von je 15 000 Euro geleistet. Dazu kamen Entschädigungen für Heilbehandlung (drei Millionen Euro), Schmerzensgeld (vier Millionen Euro), Unterhaltsansprüche sowie Erwerbs-, Unterhalts- und Sachschäden (rund 20 Millionen Euro). Das Angehörigenschmerzensgeld deklarierte die Bahn als freiwillige Leistung.
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?
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