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Kärcher Bei minus 79 Grad lässt sich jeder Kaugummi lösen

22.05.2007 ·  Beim schwäbischen Unternehmen Kärcher tüfteln Wissenschaftler an immer neuen Innovationen. Die Neuerungen sind der wichtigste Wachstumstreiber für das Familienunternehmens.

Von Susanne Preuß
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Hartmut Jenner kennt das Naserümpfen ganz genau, oder zumindest das Augenbrauen-Hochziehen seiner Gesprächspartner, wenn die Rede auf Teppichboden in öffentlichen Gebäuden kommt. „Das ist typisch deutsch“, sagt er allerdings. Während man hierzulande blank gewienerte, glatte Flächen für hygienisch hält, sind andere Kulturen der Ansicht, es sei viel sauberer, wenn ein Textilbelag den Staub binde, in Schulen beispielsweise oder in Flughäfen. Jenner, Chef des Hochdruck-Reiniger-Spezialisten Kärcher, ist indes gleichgültig, welcher Philosophie die Menschen zuneigen: Das schwäbische Unternehmen macht mit den einen wie mit den anderen sein Geschäft.

In Amerika hat Kärcher im vergangenen Sommer den Marktführer für gewerbliche Teppichreinigung gekauft, der rund 130 Millionen Euro umsetzt, und nun kann alle Welt solche Teppichkehrmaschinen bei der Firma kaufen, die man vor allem durch ihre knallgelben Hochdruckreiniger kennt.

Sechs Wissenschaftler für die Haftung von Schmutz

Die Kernkompetenz hat Kärcher mit dieser Akquisition nicht verlassen, denn Jenner zählt alles dazu, was mit dem Reinigen von Flächen und Gebäuden, von Fahrzeugen und von Flüssigkeiten zu tun hat. Vor allem profitiere Kärcher von einer paradoxen Situation. Einerseits sei Sauberkeit eines der wichtigsten Grundbedürfnisse der Menschen, andererseits gebe es keine eigene Wissenschaft dafür: „Schon deswegen ist das Innovationspotential von Kärcher enorm hoch.“

Bei Kärcher sind 85 Prozent aller Produkte maximal vier Jahre alt. Für die gewerblichen Anwendungen werden auch ganz neuartige Produkte entwickelt, ein Gerät beispielsweise, das den Schmutz auf minus 79 Grad herunterkühlt und ihn dadurch ohne weiteres ablösen kann - seien es Kaugummis auf Straßenbelägen oder Staubpartikel von den Platinen im Computer. „Bei uns beschäftigen sich allein sechs Wissenschaftler nur mit der Haftung von Schmutz“, erklärt Jenner. Insgesamt sind von den 6540 Kärcher-Mitarbeitern mehr als 500 Ingenieure und Techniker in der Entwicklung beschäftigt.

Zweistelliges Wachstum möglich

Innovation ist entsprechend einer der wichtigsten Wachstumstreiber, wie Kärcher-Chef Jenner bestätigt. Dabei betrachtet er es ausdrücklich als Erfolgsfaktor, dass Kärcher ein Familienunternehmen ist: „Wir können auch mal was riskieren“, meint er und verweist auf den Robo-Clean, einen ganz allein arbeitenden Staubsauger, für den die Verbraucher immerhin 1500 Euro zahlen müssen. Mit 20.000 verkauften Geräten hat Kärcher zwar die Gewinnzone erreicht, wirklich erwartet hatte man das aber nicht.

Bereiche, in die Kärcher weiter investieren will, sieht Jenner genug, etwa bei Gartenpumpen oder bei Saugern und Teilereinigern für die Industrie. Der Konsumbereich und das gewerbliche Geschäft sollen sich dabei, ihrer unterschiedlichen Konjunkturzyklen wegen, immer etwa die Waage halten.

Durch die Innovationen, aber auch durch die gleichzeitige regionale Expansion sollte im Durchschnitt ein zweistelliges Wachstum möglich sein, gibt der 41 Jahre alte Jenner das Ziel für die nächsten Jahre vor, das in etwa dem Wachstumstempo entspricht, das unter seiner Ägide als Kärcher-Chef in den vergangenen sechs Jahren erzielt wurde. Nach einem Plus von 13 Prozent auf 1,25 Milliarden Euro im vergangenen Jahr habe Kärcher seit Jahresanfang um 10 Prozent organisch und um 16 Prozent einschließlich der Akquisition in Amerika zugelegt.

Sorgen macht die Währungsentwicklung

Der Zukauf hat übrigens die Vereinigten Staaten (mit rund 400 Millionen Dollar Umsatz in diesem Jahr) zum wichtigsten Markt für Kärcher gemacht, mit stark wachsender Tendenz: „Noch hinken die Vereinigten Staaten um 15 Jahre hinter Europa her“, umschreibt Jenner die Chancen für Hochdruckreiniger in Übersee. Über Ergebnisse spricht man in schwäbischen Familienunternehmen nicht gern, doch ein sicheres Indiz für konstant gute Erfolge gibt es: Banken braucht Kärcher nur für den Zahlungsverkehr.

Sorgen bereitet Jenner allerdings die Währungsentwicklung. „Kärcher hätte 250 Millionen Euro mehr Umsatz, wenn der Euro auf dem Stand von 2001 wäre“, rechnet er vor. Das macht sich trotz Hedging unangenehm bemerkbar bei einem Unternehmen, das 40 Prozent Wertschöpfung in Deutschland hat. Auch die höheren Rohstoffpreise schlagen mit einem zweistelligen Millionenbetrag ins Kontor, wobei Kärcher vor allem das Tempo der Veränderung Probleme bereitet. Grundsätzlich begreift man das Thema nämlich als Chance: Kunststoffe mit Metalleigenschaften sind bereits entwickelt.

Quelle: F.A.Z., 22.05.2007, Nr. 117 / Seite 17
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