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Veröffentlicht: 10.04.2012, 15:22 Uhr

Juristen Leiharbeiter in der Großkanzlei

Die konservative Anwaltsbranche kann sich neuer Moden oft erwehren, nicht zuletzt wegen des strengen Berufsrechts. Die Zeitarbeit wird sich aber durchsetzen. Sie passt zum Beratungsgeschäft, als wäre sie dafür erfunden worden.

© ddp Das sollen andere machen: Für die reine Aktendurchsicht sind viele Juristen schlicht zu teuer.

Es war nur eine Frage der Zeit: Bei Einstiegsgehältern um die 100.000 Euro und festgefahrenen Anforderungen an die Bewerber schreien Großkanzleien geradezu nach einer Flexibilisierung. Solche Rufe ertönen zwar noch nicht offen. Aber glaubt man dem Frankfurter Juristen Olaf Schmitt, so ist die konservative Anwaltsbranche im Umbruch. „Die Zeit ist reif für Zeitarbeitsjuristen“, sagen er und sein Geschäftspartner Andreas Müller. Die beiden führen die Frankfurter Personalvermittlung Per Conex. Zeitarbeit ist ihre Spezialität.

Das Ziel, die Leiharbeit im Markt zu etablieren, ist schon seit der Unternehmensgründung im Jahr 2005 klar formuliert. Neu ist die Strategie der beiden Personalvermittler. Sprachen sie früher lieber von „Projektjuristen“, die es im angelsächsischen Raum schon lange gibt, starten sie nun die Zeitarbeitsoffensive. „Wir wissen, dass Zeitarbeit mit dem Schlecker-Drehtürmodell in Verbindung gebracht wird, mit schlechter Bezahlung und miesen Arbeitsbedingungen“, sagt Schmitt. Das habe aber mit ihrem Geschäftsmodell überhaupt nichts zu tun. Trotzdem sei das, was sie anbieten, Zeitarbeit - und so wolle man es dann auch nennen.

Kein Büro, aber dafür ein goldenes Kanzleischild - Juristen sind trotz Anwaltsschwemme anspruchsvoll

Schmitt und Müller leihen Juristen an Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen aus, die entweder für ein großes Mandat zusätzliche Kräfte benötigen, oder Ausfälle überbrücken müssen. Die Leiharbeitnehmer sind fest bei Per Conex angestellt und erhalten ein verstetigtes Einkommen - auch wenn das Arbeitsverhältnis eine längere Auftragsflaute wohl nicht überleben dürfte. Es sei selbsterklärend, dass man Nichteinsatzzeiten möglichst vermeiden möchte, sagt Schmitt. Und Müller fügt hinzu, dass es derzeit auch keinen Anlass gebe, sich über Beschäftigungslosigkeit Gedanken zu machen. Die Nachfrage sei seit 2009 rapide gestiegen. 40 Anwälte vermittelt Per Conex aktuell, zwei Drittel davon in Frankfurt. Das Unternehmen wird bald ein Büro in Hamburg eröffnen.

Juristen als schlecht bezahlte Leiharbeiter - so weit ist es schon gekommen, wird mancher denken. Zwar ist bekannt, dass es seit Jahren eine Anwaltsschwemme gibt und ein Gutteil der Absolventen damit rechnen muss, in den ersten Berufsjahren auf keinen grünen Zweig zu kommen. Dennoch herrscht das Bild des unabhängig arbeitenden Rechtsanwalts vor, der sich vielleicht kein eigenes Büro, aber zumindest ein goldenes Kanzleischild leisten sollte.

Wer sich aus solchen Standeszwängen jedoch nichts macht, für den ist Zeitarbeit eine echte Option. Juristen aller Coleur kommen dabei unter: Mittdreißiger, die nach der Babypause am Wiedereinstieg arbeiten; Einzelanwälte, die nicht voll ausgelastet sind; vor allem aber Berufsanfänger, die mangels glänzender Noten bei einer Direktbewerbung in den Großkanzleien keine Chance haben. Per Conex bringt sie wieder ins Spiel. „Wir nehmen gern Juristen, die vielleicht die hohen Anforderungen der Kanzleien und Unternehmen notenmäßig nicht erfüllen, aber trotzdem etwas im Kopf haben“, sagt Schmitt. Die Arbeitgeber wollten zwar für ihre eigenen Bewerber nicht von den hohen Anforderungen herunter, zeigten sich aber sehr aufgeschlossen, Juristen ohne Prädikatsnote über die Projektarbeit kennenzulernen.

Die Kanzleien schweigen sich aus

Anna Katharina Kolb ist eine Zeitarbeitsjuristin. Sie selbst bevorzugt es allerdings, von „Projektjuristen“ zu sprechen. Trotz zweier Prädikatsexamina hat sie direkt nach dem Referendariat bei Per Conex angeheuert: „Ich stand vor diesem Berg an ungeschriebenen Bewerbungen an all die Anwaltskanzleien. Ich wollte lieber direkt arbeiten und die Unternehmen kennenlernen.“ Die Frankfurterin absolviert gerade ihren zweiten Einsatz, ein strafrechtliches Großverfahren einer Frankfurter Sozietät, an dem insgesamt 15 Leihjuristen mitarbeiten. Davor hat sie in einer anderen Großkanzlei einen kranken Gesellschaftsrechtsanwalt vertreten. Ihr Ziel ist die Übernahme - und mit der ersten Kanzlei, in der es ihr sehr gut gefallen hat, führt sie darüber auch Gespräche. Sie verdient gut, sagt Kolb. Kein Vergleich zum schmalen Referendarssalär - kein Vergleich zu den Löhnen der vielbeschworenen „Arbeitnehmer zweiter Klasse“.

Ob der Jurabranche der große Wandel bevorsteht, kann aber nur vermutet werden. Die Kanzleien schweigen sich aus. So ist es wieder Personalvermittler Müller, der - freilich ohne Namen zu nennen - sagt, dass gerade aus den Großkanzleien immer mehr Anfragen kämen. Sogar für die Betreuung von Gerichtsverfahren, und nicht mehr nur für die arbeitskraftintensiven Transaktionsgeschäfte.

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Dennoch sei viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Unternehmen fürchteten einen Vertrauensverlust der Mandanten, wenn sie Leihjuristen einsetzen. Von offizieller Seite aber gibt es keine Anzeichen, dass die Arbeitnehmerüberlassung rechtliche Probleme aufwerfen könnte. Schließlich sind die Leihjuristen auch Anwälte und somit gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Anders sieht das bei anderen Outsourcing-Formen aus. Den Computer von einer Fremdfirma warten zu lassen, Schreibarbeiten an Dienstleister in Bangladesch zu vergeben oder die digitalen Kanzleiakten in die Datenwolke eines Fremdanbieters zu schicken - diese neuen Moden der Wirtschaftswelt sind wegen des Mandantengeheimnisses höchst problematisch und werden derzeit in einem Strafverfahren und in einer Rüge der Berufsaufsicht überprüft (F.A.Z. vom 3. April).

Für die Anwaltsbranche aber scheint der neue Impuls weniger ein Sittenverfall und mehr eine Chance zu sein, von ausgetretenen Pfaden herunterzukommen. Jungjuristen werden oft pauschal in zwei Klassen geteilt: Die Musterabsolventen fangen ihre steile Karriere in der Großkanzlei gleich in der obersten Steuerklasse an; den Anderen bleibt nur übrig, sich als Einzelanwalt durchzuschlagen und einen Namen zu machen. Die Zeitarbeit könnte ein Sprungbrett sein.

Quelle: F.A.Z.

 

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