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Ökonomieprofessorin Karahan : Erdogans Frau für die Wirtschaft

Chefberaterin Hatice Karahan Bild: Christian Geinitz

Eine junge Ökonomieprofessorin ist die Chefberaterin des türkischen Präsidenten. Er fördere Frauen und höre ihr zu, sagt sie.

          Eine kleine Frau in einem großen Palast: Hatice Karahan geht im Amtssitz des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Ankara ein und aus. Mindestens einmal in der Woche trifft die Neununddreißigjährige den mächtigsten Mann des Landes, um ihn auf den neuesten Stand der wirtschaftlichen Entwicklung zu bringen. Karahan, eine in den Vereinigten Staaten promovierte Volkswirtin, ist Ökonomieprofessorin in Istanbul und seit Juli Erdogans wirtschaftliche Chefberaterin.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Ihre Aufgabe ist schwierig, denn der Putschversuch vor einem Jahr, die Gegenschläge des Regimes im Ausnahmezustand und der Vertrauensverlust im Ausland haben dem Land heftig zugesetzt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist deutlich langsamer gewachsen als gewohnt, die Lira hat stark an Wert verloren, die Direktinvestitionen sind gesunken, der Fremdenverkehr leidet erheblich, die Arbeitslosigkeit und die Inflation haben stark zugenommen.

          Die Zeiten seien nicht einfach gewesen, gibt die junge Frau mit dem blau-weißen Kopftuch zu, aber in den vergangenen Monaten mehrten sich die guten Nachrichten: Im zweiten Quartal sei die Wirtschaft wohl stärker gewachsen als im ersten, als die reale Zunahme fünf Prozent betrug. Die Industrie und der Export fassten wieder Tritt, das Verbrauchervertrauen und der Einkaufsmanagerindex hätten Höchststände erreicht. Die Situation im Tourismus bezeichnet Karahan als weiterhin angespannt, doch habe die Zahl europäischer Reisender im Juli wieder angezogen.

          Auch profitiere die Türkei von dem wachsenden Interesse anderer Länder, etwa Russlands, der arabischen Welt und Chinas. Die Asiaten engagierten sich immer stärker in der türkischen Energie- und Rohstoffindustrie und im Bankwesen, und sie wollten die Türkei in das Lieblingsprojekt des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping integrieren, die Neue Seidenstraße von Fernost bis Europa.

          „Ich kann offen mit ihm sprechen“

          All diese Themen stoßen Karahan zufolge bei Erdogan auf Interesse. „Er ist sehr aufgeschlossen neuen Ideen und Herausforderungen gegenüber“, sagt sie in lupenreinem Englisch. „Ich kann offen mit ihm sprechen, und er nimmt auch Kritik an.“ Ähnlich wie der Regierung und der türkischen Wirtschaftsförderung geht es Karahan darum, das Bild des Landes und seines Präsidenten im Ausland zu „korrigieren“, wie sie das nennt.

          Viele Aussagen würden missverstanden, etwa jene zum Wert der Frau als Hausfrau und Mutter. Damit habe Erdogan die Damenwelt nicht erniedrigen oder an den Herd verbannen, sondern ihren Einsatz für die Familie würdigen wollen. Der Präsident wünsche sich mehr Frauen in der Wirtschaft und in Führungspositionen und setze sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein, sagt Karahan, die zwei Kinder hat. „Sonst hätte er mich ja nicht eingestellt.“ Auch die Zahlen sprächen für dieses moderne Geschlechterverständnis. Vor zehn Jahren habe die Erwerbsquote von Frauen in der Türkei nur 23 Prozent betragen, heute seien es 34 Prozent. „Das ist noch zu wenig, geht aber in die richtige Richtung“, findet die Ökonomin. In westlichen Ländern ist die Quote etwa doppelt so hoch.

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