25.01.2008 · Er ist der meistgesuchte Mann in Paris: Jérôme Kerviel, der als Händler der Société Générale einen Verlust von rund fünf Milliarden Euro beschert haben soll. Am Freitag kamen Details aus seinem Privatleben ans Licht. Ein Angeber oder Draufgänger ist er offenbar eher nicht.
Von Christian SchubertDer Hausmeister hat eine Notiz an den Briefkasten seiner Wohnung im Pariser Vorort Neuilly gehängt: „An die Journalisten: Kerviel unbekannt in diesem Haus, Appartement untervermietet an Mieter asiatischen Aussehens, die Englisch sprechen. Suchen Sie woanders.“ Der 31 Jahre alte Wertpapierhändler Jérôme Kerviel war auch am Freitag sicherlich der meistgesuchte Mann von Paris. Sein früherer Chef, Daniel Bouton, hatte seinen Aufenthaltsort am Donnerstag noch als unbekannt erklärt. Dann meldete sich in seinem Namen die Anwältin Elisabeth Meyer und berichtete, Kerviel sei nicht auf der Flucht, sondern halte sich in Frankreich auf. Wo, verriet sie freilich auch nicht.
Gleich bei zwei Staatsanwälten, in Paris und im Vorort Nanterre, hat die Führung der Société Générale Anzeige wegen Vertrauensmissbrauchs, Betrugs und Fälschung erstattet. In der französischen Presse wurde vermutet, ihm drohten nun fünf bis zehn Jahre Gefängnis. Doch das bleibt Spekulation. Nick Leeson, der Händler, der Mitte der neunziger Jahre die Bank Barings zu Fall brachte, wurde in Singapur zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Auf freien Fuß kam er nach viereinhalb Jahren.
Gerüchte über Selbstmordgefahr
Auf jeden Fall ist für den 31 Jahre alten Franzosen nun eine Welt zusammengebrochen. Zuerst waren es die Märkte, die ihn gejagt haben, als seine Milliarden-Geschäfte außerhalb seines offiziellen Verantwortungsbereiches nicht mehr aufgingen. Dann waren die Führungskräfte der Société Générale hinter ihm her, als seine Verschleierungstaktik gescheitert war. Und nun wollen die Medien, die Öffentlichkeit und darunter vor allem die 130.000 Bankmitarbeiter Rechenschaft haben. Fast alle französischen Zeitungen setzten sein Bild auf die Titelseite. Es stammte von der Internet-Kontaktseite Facebook. Dort war zu beobachten, dass die Zahl seiner als „Freunde“ eingetragenen Kontaktpersonen am Donnerstag dahinschmolz wie Schnee in der Sonne.
Dabei dürfte Kerviel jetzt Beistand brauchen. Der „Figaro“ berichtete von Gerüchten, er sei in Selbstmordgefahr. In der Personalabteilung wird er als eher fragiler Charakter bezeichnet, Kollegen schildern ihn als zurückhaltend und schüchtern – das Gegenteil eines Draufgängers und Angebers. Außerhalb der Arbeit interessierte er sich für das Segeln und für den Judo-Sport, in dem er auch den Nachwuchs trainierte. Ein Schlag war der Tod seines Vaters vor einigen Jahren, und auch seine Freundin soll ihn vor einiger Zeit verlassen haben.
Eine große Nummer war er nie
Kerviel hat an den Universitäten von Nantes und Lyon Finanzwissenschaften studiert. Seit 2000 arbeitete er bei der Société Générale, zuerst im so genannten Middle Office, wo er Einblicke in die Kontrollen der Händler erhielt, von 2006 an dann im Handelsraum. Eine große Nummer war Kerviel nie: Weniger als 100.000 Euro verdiente er im Jahr, einschließlich Bonus. Er war als Arbitragehändler tätig, sollte unter anderem also nur die geringen Kursdifferenzen gleicher Wertpapiere ausnutzen. Sein erlaubtes Handelsvolumen betrug lediglich 20 Millionen Euro. Doch offenbar baute er sich seit etwa einem halben Jahr nebenher ein riesiges Portfolio an Terminkontrakten auf europäische Aktienindizes auf, verkaufte diese, als sie ausliefen, und kaufte neue Kontrakte. Dabei soll er auch Passwörter von Kollegen benutzt haben, um sich unter falscher Identität ins Computersystem einzuloggen.
Christian Noyer, der Gouverneuer der Banque de France, nannte seine Verschleierungstaktik „genial“, Bankchef Daniel Bouton sprach von „hoher Intelligenz“. Doch zweifeln seine Vorgesetzten gleichzeitig daran, „ob er sich der ganzen Tragweite seines Handelns überhaupt bewusst geworden ist“. Er glaubte, eine neue, Erfolg versprechende Handelsstrategie gefunden zu haben, gab Kerviel bei den internen Befragungen am vergangenen Wochenende zu Protokoll.
Nie einen Cent in die eigene Tasche gesteckt
Persönlich habe er sich freilich nie auch nur einen Cent in die eigene Tasche gesteckt. Das erhöht nur das Rätseln über seine Persönlichkeit – und über die genauen Vorgänge in der Société Générale.
Wenn alles stimmt was man so liest, tauchen aber doch einige Fragen auf
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 25.01.2008, 18:59 Uhr
SocGen
Rudolf Kraus (svkraus)
- 26.01.2008, 12:55 Uhr
Keinen Cent in die eigene Tasche
Alexander Woick (alex.woick)
- 26.01.2008, 17:38 Uhr
Jérôme Kerviel in Wall Street
Dieter Hartmann (DieterHartmann)
- 26.01.2008, 22:28 Uhr
Unbedarft?
Uwe Bussenius (uwebus)
- 28.01.2008, 14:29 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
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