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Japan Zwei verlorene Jahrzehnte

12.01.2010 ·  Vor zwanzig Jahren erreichte der japanische Nikkei-Aktienindex sein Rekordhoch. Dann platzte die Blase und aus der Wirtschaft entwich schubweise die Luft. In den Nuller-Jahren hat sich Japan dann zwar zum besseren verändert, doch viel zu schnell wurde der Reformkurs wieder aufgegeben.

Von Patrick Welter
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Japan erinnert sich in diesen Wochen an ein trauriges Jubiläum. Vor zwanzig Jahren, am Jahresende 1989, erreichte der Nikkei-Aktienindex sein Rekordhoch von 38 916 Punkten. Danach platzte die Spekulationsblase, und aus der im Überschwang und monetär aufgeblasenen Wirtschaft entwich schubweise die Luft. Über Jahre fielen die Immobilienpreise, und die Wirtschaft versank innerhalb eines Jahrzehnts bis in den Strudel der Deflation.

Heute schwankt der Aktienindex um die 10 000 Punkte, grob ein Viertel des Rekords vor zwanzig Jahren. Die nominale Wirtschaftsleistung lag im dritten Quartal 2009 niedriger als in den frühen neunziger Jahren. Das Land steht abermals am Rande der Deflation. Die bedrückende Lage legt das Wortspiel der zwei verlorenen Jahrzehnte nahe. Verstärkt wird dieses Bild durch die jüngste, im Westen ausgelöste globale Finanz- und Wirtschaftskrise, in die Japan über den wegbrechenden Export hineingezogen wurde. Dennoch trifft das harte Urteil nur zum Teil.

Von der Reformfreude ist wenig geblieben

Japan hat sich in den Nuller-Jahren mehr zum Besseren verändert, als viele Beobachter wahrnehmen wollen. Die Bankenkrise wurde mit Druck, staatlichen Kapitaleinlagen und einer strengeren Finanzaufsicht überwunden. Viele Großunternehmen brachten ihre Bilanzen in Ordnung. Unter dem Reformministerpräsidenten Junichiro Koizumi setzte das Land zum längsten Aufschwung seiner Nachkriegsgeschichte an. Die Exportwirtschaft blühte, und in Maßen öffnete sich das Land für internationale Investitionen. Eine entschiedene Deregulierung des Arbeitsmarktes sorgte dafür, dass die Großunternehmen in der internationalen Niedriglohnkonkurrenz mithalten konnten und Arbeitsplätze im Land erhalten und geschaffen wurden. Rund ein Drittel der Arbeiter sind heute in Zeitarbeitsverträgen oder in Teilzeit beschäftigt. Dies verschafft der Wirtschaft eine Flexibilität, die sich in der Krise auszahlt.

Von der marktwirtschaftlichen Reformfreude Koizumis aber ist nichts mehr geblieben. Schon vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise galt die Marktwirtschaft in Japan nicht mehr als Reformideal. Die internationale Konkurrenz und die moderate Deflation im vergangenen Jahrzehnt verhinderten Lohnerhöhungen; auch die zunehmende Einkommensspreizung brachte den Markt in Verruf. Zugleich ging aber auch das Vertrauen in die Planungskraft der Ministerialbürokratie verloren, auf die in Tokio der Aufstieg nach dem Krieg zurückgeführt wird. Hinzu kommt der Rentenskandal, der noch immer nicht aufgearbeitet ist, in dem Millionen individueller Rentenansprüche nicht zugerechnet wurden oder verlorengingen. Zusammen hält dies alles das Land in einem Schwebezustand, in dem die Politik verzweifelt nach Auswegen sucht und den erfolgversprechendsten ablehnt.

Privatisierung der Post ist gestoppt

Die Rhetorik gegen den Markt, welche die Ministerpräsidenten nach Koizumi zunehmend an den Tag legten, findet in der Regierung der Demokratischen Partei Japans ihren vorläufigen Höhepunkt. Ministerpräsident Yukio Hatoyama ist angetreten, die historische Wahlentscheidung des vergangenen Herbstes, die die jahrzehntelange Herrschaft der Liberaldemokraten beendete, zur wirtschaftspolitischen Wende zu nutzen.

Die Flexibilisierung der Wirtschaft ist nun verpönt und soll vor allem am Arbeitsmarkt zurückgedreht werden. Die Privatisierung der Post ist gestoppt. Seit Amtsantritt wird der DPJ vorgeworfen, über die Umverteilung die Wachstumsstrategie zu vergessen. In dem hastig zur Jahreswende vorgelegten Wachstumsplan geizt die Partei zwar nicht mit hehren Langfristzielen für Wachstum und Beschäftigung. Der Weg dahin aber führt in das Nichts einer noch höheren Staatsverschuldung, die schon jetzt mehr als das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung erreicht.

Wer wie Hatoyama allein auf die staatlich gestärkte Nachfrage privater Haushalte setzt und eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik zur Stärkung der Unternehmen ablehnt, hat die Zukunft schon verloren. Von der notwendigen Senkung der im internationalen Vergleich hohen Steuerlast der Großunternehmen ist in Tokio nicht mehr die Rede; die versprochene Halbierung der Steuern für kleine Unternehmen, die in einem künftigen Aufschwung die Binnenwirtschaft hätte beleben können, wackelt.

Zugleich lernt die Regierung, dass sie ihre Wahlzusagen wie die Verdoppelung des Kindergeldes und die Senkung von Steuerzuschlägen nicht sauber durchgerechnet hatte. Die ersten Versprechen für finanzielle Erleichterungen der Bürger kippen; nur mit Mühe hat die Regierung einige Einsparungen durchgesetzt. Dass der Finanzminister, der am stärksten als Schuldenbremse wirkte, nun nach der Etatplanung aufgrund gesundheitlicher Erschöpfung zurücktritt, wirkt wie ein ironisches Menetekel für die kommenden Jahre, in denen die Alterung der Bevölkerung die fiskalische und wirtschaftliche Lage noch mehr belasten wird. Weil Japans Politik den marktwirtschaftlichen Kurs von Koizumi aufgegeben hat, droht den zwei verlorenen Jahrzehnten ein drittes zu folgen.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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