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Japan Leben mit der Kredit-Droge

13.03.2010 ·  Das weltweit bewunderte Land der aufgehenden Sonne kennen junge Japaner nur noch aus Erzählungen. Ihre Gegenwart heißt: Deflation, Stillstand, Verzagtheit. Zwar bleiben die Schulden bisher im Land, doch Griechenland lässt grüßen.

Von Carsten Germis
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Wer in diesen Tagen als Deutscher in Japan unterwegs ist, kann sich nur wundern. Verglichen mit der Verzagtheit, die in Tokio, vor allem aber in der japanischen Provinz zu spüren ist, wirkt der deutsche Hang zum Selbstzweifel fast wie fröhlicher Optimismus. Die Japaner haben ihr Selbstvertrauen verloren. Seit Jahren steckt das Land in einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen - für Waren, für Dienstleistungen, für Kapital, vor allem aber für Arbeitskraft. Die Dynamik, der Aufbruchs- und Kämpfergeist, für den die Welt das Land der aufgehenden Sonne lange bewundert hat, sind für junge Japaner heute nur noch Erzählungen aus vergangenen Zeiten. Ihre Gegenwart heißt: Deflation, Stillstand, Verzagtheit.

Das Land steckt in der Schuldenfalle. Seit mehr als zehn Jahren versuchen japanische Regierungen, mit staatlichen Konjunkturprogrammen die Wirtschaft zu befeuern. Es war nicht Misswirtschaft, die diese Schulden angehäuft hat. Es waren auch nicht, wie in Deutschland, ausufernde Sozialleistungen, sondern der permanente Versuch, mit staatlichen Geldspritzen an die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Vergangenheit anzuknüpfen. Wer genügend Geld in die Märkte pumpe, müsse keine schmerzhaften Veränderungen wagen, lautete die Devise. Jahr für Jahr tönen Japans Politiker, jetzt werde er kommen, der selbsttragende Aufschwung. Gekommen ist er nicht, auch 2010 bleibt das Wachstum moderat. Allein seit der Wirtschaftskrise 2008 hat der Staat wieder mehr als 260 Milliarden Euro in die Wirtschaft gepumpt. Japan, die zweitgrößte Volkswirtschaft, ist so hoch verschuldet wie kein anderes Land der Welt. Der Schuldenberg entspricht mehr als dem Doppelten seiner Wirtschaftsleistung.

Japans Schuld bleibt im Lande

Was sinnvoll sein mag, um eine Krise zu überbrücken, ist für Japans Politik und Wirtschaft zur Droge geworden. Der Staat springt ein, immer und überall. Er hat die Rolle übernommen, die eigentlich Bürgern und Unternehmen zukommt: Er leiht sich Geld, investiert, hält den Kreislauf in Schwung und sichert die Stabilität der harmoniesüchtigen japanischen Gesellschaft. Die neue Regierung, die im September 2009 mit dem Versprechen angetreten war, einen Wandel zu wagen, treibt es noch schlimmer als die alte. Sie führt zusätzlich teure Sozialleistungen ein, um die Bürger bei Laune zu halten. In ihrem ersten Staatshaushalt sind die Steuereinnahmen geringer als die neuen Schulden.

Und doch reagieren die internationalen Finanzmärkte auf Japans Schulden nicht so kritisch wie auf die griechischen. Warum? Japans Schuld bleibt im Lande. Es sind nicht die großen amerikanischen oder europäischen Anleger, die japanische Staatsanleihen kaufen. Es sind die Japaner selbst. Sie tun das nicht immer freiwillig. Notenbank, staatliche Pensionskasse und die staatliche Postbank kaufen die Staatsanleihen trotz der niedrigen Zinsen, weil die Politik es so will. Allein die Postbank holte für den Erwerb der scheinbar sicheren Staatspapiere umgerechnet rund 2,2 Billionen Euro von den Konten ihrer Kunden - das entspricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt Deutschlands. Wundert sich da noch jemand, dass die in den neunziger Jahren beschlossene, aber nie erfolgte Privatisierung der Bank von der Regierung rückgängig gemacht wurde? Zu offen hatten die Manager darüber nachgedacht, das Geld renditeträchtiger anzulegen.

Genügend Potential

Doch die Kassen, aus denen sich Japans Finanzminister schamlos bedient haben, leeren sich. Die Sparquote sank seit 1980 von zwölf Prozent auf rund zwei Prozent. Japan altert schneller als Deutschland und hat noch weniger Kinder. Die Alten fordern jetzt ihre Spareinlagen zurück. Ein paar Jahre mag es noch gutgehen, aber bald finden sich im Lande keine Abnehmer mehr für die Anleihen, mit denen sich der Staat ständig umfinanzieren muss. Bald wird Japan sich um ausländische Anleger bemühen müssen. Griechenland lässt grüßen.

Deswegen sollten die Japaner heute überlegen, wie sie den Entzug von der Droge Staatsverschuldung schaffen. Das Land hat genügend Potential. Die Exportindustrie ist stark. Solange die asiatischen Nachbarländer in Japan kaufen, bleibt das Fundament für einen Wiederaufstieg da. Es gibt noch immer viele gutausgebildete Menschen mit guten Ideen. Doch gerade denen leiht die Postbank kein Geld. Die neue Regierung Japans, die mit dem Versprechen angetreten ist, Wandel zu wagen, müsste darüber nachdenken, wie der Eigeninitiative im Lande wieder mehr Raum zu geben ist. Das erfordert mehr Transparenz und mehr Durchlässigkeit der verkrusteten japanischen Gesellschaft, in der die Politik- und Wirtschaftseliten immer noch viel zu viel unter dem Tisch mauscheln und entscheiden.

Geändert hat sich das unter der neuen Führung nicht. Vor allem junge Menschen vertrauen Wirtschaft und staatlichen Institutionen nicht mehr. Dabei zeigen gerade sie, welche Kraft in diesem Land steckt. Wenn die Politik ihrer Tatkraft und ihren Ideen wieder Raum und Geld gibt, wenn sie es wagen, mehr Kinder zu bekommen, Unternehmen zu gründen, Risiken einzugehen, dann kehrt mit dem lange ersehnten Wachstum bestimmt auch das alte Selbstbewusstsein wieder.

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