Warren Buffett, der berühmteste Investor der Welt, hält große Stücke auf Jamie Dimon. Er bezeichnet Dimon, den Vorstandsvorsitzenden des größten amerikanischen Kreditinstituts JP Morgan Chase, schon mal als „fabelhaften Banker“. Er empfiehlt den Aktionären seiner eigenen Anlagegesellschaft Berkshire Hathaway Dimons Briefe an die Aktionäre von JP Morgan zur Lektüre. Und im Februar verriet Buffett in einem Fernsehinterview sogar, dass er Aktien von JP Morgan für sein privates Depot erworben hat. Größer kann ein Lob von Buffett kaum ausfallen.
Am Freitag hatte Buffett eine gute Gelegenheit, Aktien der Bank günstig nachzukaufen. Der Aktienkurs von JP Morgan war an der New Yorker Börse nämlich um mehr als 9 Prozent abgesackt, nachdem Dimon einen schmerzhaften Verlust von mindestens 2 Milliarden Dollar im Wertpapierhandel gebeichtet hatte. Ein Händler in London hatte sich mit Wetten auf komplexe Kreditderivate verzockt.
Ein rauer Umgangston wurde ihm schon in die Wiege gelegt
Eine solche Summe bringt einen Finanzgiganten wie JP Morgan zwar nicht in Schieflage, auch wenn sich die Verluste noch ausweiten können. Aber der Verlust entspricht immerhin mehr als einem Drittel des jüngsten Quartalsgewinns von 5,4 Milliarden Dollar. Börsianer waren schockiert, weil es ein ungewöhnlicher Fehltritt für Dimon war. Dimon genießt nicht nur hohes Ansehen bei Buffett, sondern gilt allgemein als eine Art König der Wall Street. Als „fehlerhaft, komplex, schlecht geprüft, schlecht ausgeführt und schlecht überwacht“ bezeichnete Dimon in einer hastig einberufenen Telefonkonferenz mit Analysten und Investoren die Handelsstrategie der Bank, die zu den Verlusten geführt hatte. „Ungeheuerlich und selbstverschuldet“ seien die Verluste. Wenn das die öffentlichen Formulierungen sind, kann man sich nur vorstellen, wie heftig es intern gekracht haben muss.
Da Dimon als detailverliebt gilt, klingt darin möglicherweise auch Wut auf sich selbst mit. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ war Dimon regelmäßig über die Handelspositionen der Sparte informiert worden, in der jetzt die hohen Verluste angefallen sind. Das deutet an, dass er auch selbst die potentiellen Risiken der Kontrakte falsch bewertet hatte.
Ein Händler mit dem Spitznamen „Londoner Wal“ hat sich verspekuliert
Die klaren Worte, mit denen Dimon das Handelsdesaster beschreibt, sind für ihn aber nicht ungewöhnlich. Der im New Yorker Arbeiterstadtteil Queens aufgewachsene Bankmanager gilt generell als sehr direkt. Der rauhe Umgangston an der Wall Street wurde dem jetzt 56 Jahre alten Dimon schon in die Wiege gelegt. Sein Großvater war ein Einwanderer aus Griechenland, der 1919 nach New York kam und sich vom Tellerwäscher zum Aktienbroker hocharbeitete. Auch sein Vater arbeitete an der Wall Street.
Noch sind nicht alle Details der verlustreichen Geschäfte bekannt. JP Morgan prüft die Sache intern. Aber schon jetzt ist für Dimon klar, dass „Schlamperei“ und „Fehleinschätzungen“ eine Rolle gespielt haben. Auch die Börsenaufsicht SEC interessiert sich schon für die Angelegenheit. Die Behörde will untersuchen, ob Investoren von JP Morgan rechtzeitig über die Verluste informiert worden sind. Schon im April hatte es Zeitungsberichte über große Handelspositionen von JP Morgan gegeben, die zu Verwerfungen in Teilen des Anleihemarktes geführt hatten. Trotz der Berichte über große Wetten eines an den Finanzmärkten als „Londoner Wal“ verspotteten Händlers hatte Dimon damals nur von einem „Sturm im Wasserglas“ gesprochen.
Streit über Regulierung
Für Dimon sind die Verluste nicht nur peinlich, weil sie das Quartalsergebnis seiner Bank verhageln. Dimon steht auch im Rampenlicht, weil er sich als einer der schärfsten Kritiker stärkerer Regulierung an der Wall Street profiliert hatte. Besonders negativ hatte sich Dimon zur sogenannten Volcker-Regel geäußert, die im Juli festgeschrieben werden soll. Diese Regel, Teil der vor zwei Jahren vom Kongress verabschiedeten Finanzmarktreform, wird es Kreditinstituten verbieten, auf eigene Rechnung mit Wertpapieren zu handeln. Der Grund: Banken, die groß genug sind, um bei einer Schieflage das gesamte Finanzsystem zu bedrohen, sollen nur noch begrenzte Risiken eingehen.
Erst in der vergangenen Woche hatte der ehemalige amerikanische Notenbankchef Paul Volcker, nach dem die Gesetzespassage benannt ist, seine Ideen in einer Anhörung vor dem Kongress verteidigt. Eigenhandel führe „zwangsläufig zu gefährlichem Gebaren“ bei großen Banken, sagte Volcker. Banken wehren sich mit einer Armee von Lobbyisten gegen die geplanten Richtlinien. Sie halten die Grenzen zwischen Absicherungsgeschäften, Maklertätigkeit für Kunden und eigenen spekulativen Geschäften kaum für definierbar. Die Sparte von JP Morgan, wo die Verluste angefallen sind, war eigentlich damit betraut, Risiken in der Bilanz abzusichern. „Man muss einen Juristen und einen Psychiater neben sich setzen, die ermitteln, mit welchem Vorsatz man gehandelt hat“, frotzelte Dimon kürzlich.
Er hatte Volcker in seiner unverblümten Art die Kompetenz abgesprochen, Vorgänge an den Kapitalmärkten beurteilen zu können. „Paul Volcker hat selbst zugegeben, die Kapitalmärkte nicht zu verstehen. Das hat er mir jetzt bewiesen“, sagte Dimon. Jetzt räumte Dimon ein, dass der Milliardenverlust Volcker und den Bankenkritikern in die Hände spielen könnte. „Damit müssen wir umgehen - so ist das Leben.“
Carl Levin, der dem ständigen Untersuchungsausschuss im amerikanischen Senat vorsteht, wertete die Verluste bei JP Morgan sogleich als Beleg dafür, dass große Banken risikoreiche Wetten als Absicherungsgeschäfte tarnen. „Die heutige Nachricht ist eine Mahnung an die Aufsichtsbehörden, harte und effektive Maßstäbe zu setzen“, sagte Levin.
JP Morgans Risikomanagement galt bisher als vorbildlich
Der Fehltritt von JP Morgan sorgte in der Branche auch für Überraschung, weil die Bank unter der Führung von Dimon als eines der stärksten Kreditinstitute aus der Finanzkrise hervorgegangen war. JP Morgan war im Gegensatz zu Konkurrenten wie der Citigroup oder der Bank of America nicht wegen unkontrollierter Hypothekengeschäfte in Schieflage geraten und hatte sich auch nicht mit ungeschickten Akquisitionen verhoben. Dimon nutzte die Krise und die eigene starke Position vielmehr, um unter anderem die vor der Pleite stehende Investmentbank Bear Stearns zu übernehmen. Dazu kaufte Dimon die zusammengebrochene Sparkasse Washington Mutual und baute besonders in Florida, wo viele New Yorker einen Zweitwohnsitz haben, das Filialnetz aus. JP Morgan Chase überholte so die Rivalen Bank of America und Citigroup.
Das Risikomanagement von JP Morgan galt bisher als vorbildlich. Andere Banken wie die Citigroup hatten schon vor der Finanzkrise mit permanenten Schwierigkeiten zu kämpfen. Das hatte an der Wall Street zu einer Debatte geführt, ob derartige Finanzriesen überhaupt kontrollierbar sind. JP Morgan hielt unter Dimon, der nicht müde wird, vom Bilanz-Bollwerk seiner Bank zu reden, bisher aber als positives Gegenbeispiel her.
Besonders die Konkurrenz mit der Citigroup liegt Dimon am Herzen. Dort hatte er seine Karriere als Zögling von Sandy Weill begonnen. Weill hatte die Citigroup in einer beispiellosen Einkaufstour zur ersten amerikanischen Universalbank und zu einem globalen Finanzsupermarkt geformt. Entstanden war die Citigroup 1998 aus der Fusion der Bank Citicorp und der Travelers Group, zu der der gleichnamige Versicherer und die Investmentbank Salomon Smith Barney gehörten. Dimon war damals die rechte Hand von Weill und kümmerte sich um die Integration übernommener Unternehmen. Weill, der Anfang der achtziger Jahre Spitzenmanager beim Kreditkartenkonzern American Express gewesen war, hatte Dimon 1983 dort angeheuert, nachdem der gerade seinen betriebswirtschaftlichen Abschluss an der Harvard-Universität gemacht hatte. Als Weill American Express zwei Jahre später verließ, ging Dimon mit und wurde sein engster Vertrauter. Ende der Neunziger überwarf er sich allerdings mit Weill und wurde entlassen.
Aber Dimon galt immer als großes Talent. Im Jahr 2000 wechselte er auf den Chefsessel der großen Regionalbank Bank One in Chicago. Aus dieser Zeit datieren seine Kontakte zum amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der seine Karriere in Chicago begann. Dimon wurde zeitweise als „Lieblingsbanker Obamas“ gehandelt, hat diesen Status wegen seiner harschen Kritik an der Regulierung aber wieder verspielt.
„Der Heiligenschein ist für eine Weile weg“
In Chicago sanierte Dimon die angeschlagene Bank One und verkaufte das Institut im Jahr 2004 an die Bank JP Morgan Chase. Er geduldete sich zwei Jahre und übernahm dann den Chefposten der traditionsreichen Bank. Unter Dimon wurde JP Morgan eine erfolgreichere Version des Modells Citigroup. Er investierte Milliarden in die Verbesserung von Filialen und Computersystemen und sorgte für neuen Schwung. Er forcierte lukrative Geschäftsbereiche wie den Rohstoffhandel, vermied es aber, das Hypothekengeschäft so aggressiv auszubauen wie seine Konkurrenten. Die Citigroup häufte massive Verluste mit Hypotheken an, als der amerikanische Häusermarkt zu kippen begann.
Die Verluste des Londoner Händlers werfen nun die Frage auf, ob JP Morgan auch zu groß geworden ist, da selbst ein Dimon den Überblick zu verlieren scheint. Aber Dimon hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, dass er komplexe Probleme lösen kann. Er ist für handgeschriebene Zettel bekannt, auf denen er sich die drängendsten Aufgaben notiert. Risikomanagement dürfte nun ganz oben stehen. Analysten wie der als Bankenkritiker bekannte Mike Mayo von der Wertpapiersparte der französischen Bank Crédit Agricole glauben indes nicht, dass der Ruf von Dimon wegen der Verluste nachhaltigen Schaden nehmen wird. „Es nimmt den Heiligenschein aber für eine Weile weg.“