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James Cramer Der irre Hohepriester der Wall Street

14.02.2006 ·  Die unkonventionelle Fernsehshow „Mad Money“ bewegt Aktienkurse. Dem Moderator, James Cramer, geht es vor allem darum, mit Börsenwissen uninformierten Privatanlegern zu helfen: „Die Show muß unterhalten, Geld verdienen und bilden“.

Von Norbert Kuls
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James Cramer ist kein Mann subtiler Andeutungen. Wenn er in seiner Fernsehshow eine Aktie empfiehlt, haut er auf einen Knopf, worauf eine Grafik mit einem brüllenden Bullen über den Bildschirm flimmert. Ist der Kurs einer Aktie gestiegen, haut Cramer auf andere Schalter, die das Geräusch einer Registrierkasse oder einen Chor ertönen lassen, der „Hallelujah“ singt.

Cramer ist Herr über eine ganze Menge solcher Geräuscheffekte. Je nach Bedarf weinen Babys, hauchen Frauenstimmen, rattern Maschinengewehre oder piepen Töne von der Sorte, die in Krankenhäusern den Herzstillstand eines Patienten signalisieren. Wenn Cramer nicht auf Schalter haut, wirft er sein jüngstes Ratgeberbuch an die Wand oder Stühle durch das Studio. Ständig in Bewegung, die Ärmel hochgekrempelt, hat Cramer kleine Schaumstoff-Bullen oder -Bären in der Hand, denen er vor laufender Kamera die Köpfe abbeißt.

Zudem begrüßt er Zuschauer, die während der Show anrufen, nicht mit „Hallo“, sondern mit einem herzhaften „Booyah“. Das klingt durchgeknallt, und das soll es auch sein. Cramers Show heißt treffend „Mad Money“ - „verrücktes Geld“. Das Ganze als Kuriosum abzutun wäre jedoch verfehlt. Denn das einstündige Programm, das in täglich zwei Stunden nach Börsenschluß ausgestrahlt wird, ist mittlerweile die erfolgreichste Sendung im amerikanischen Wirtschaftssender CNBC.

„Cramer-Effekt“

Cramer bewegt nicht nur Einschaltquoten, sondern auch die Kurse. Mitte Januar stieg der Aktienkurs des Computerchip-Designers Conexant um 14 Prozent, nachdem Cramer die Aktie als billig bezeichnet hatte. Analysten sprechen angesichts solcher Kursausschläge bereits vom „Cramer-Effekt“. Es existieren unabhängige Internetseiten, die Cramers Aktientips akribisch verfolgen.

Aber nicht nur Privatanleger, an die sich die Show vor allem richtet, sind Jünger von Cramer. Wertpapierhäuser wie Cantor Fitzgerald nehmen Cramer-Empfehlungen in Analysen auf, die sie an ihre institutionellen Kunden versenden. Larry Wachtel, der langjährige Chef-Marktanalyst bei der Bank Wachovia, bezeichnet Cramer gar als „neuen Hohenpriester der Wall Street“. „Jeder in unserem Geschäft sieht sich die Show an. Ich mag normalerweise keine großspurigen Leute, aber ich bin konvertiert. Er ist ein sehr solider Analyst“, sagt Wachtel.

Cramer hat solide Referenzen. Er besitzt einen Jura-Abschluß der Eliteuniversität Harvard, die er zusammen mit dem derzeitigen New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer besuchte. Nach beruflichen Anfängen als Polizeireporter bei einer Zeitung in Florida ging er in den achtziger Jahren als Händler zur Investmentbank Goldman Sachs.

Gieriger Kapitalist

Der jetzt 50 Jahre alte Cramer, der schon als Kind die Kurstabellen in der Zeitung studiert hatte, ist daher an der Wall Street kein Unbekannter. Nach drei Jahren bei Goldman Sachs gründete er seinen eigenen Hedge-Fonds Cramer Berkowitz, den er bis 2001 führte. 1995, in den Anfängen des Internetbooms, gründete er dann die Internetpublikation TheStreet.com, wo seine Kolumnen und Aktienempfehlungen für Aufmerksamkeit sorgten.

Nebenher hat er mehrere Bücher veröffentlicht und macht ein Radio-Programm. Aber erst bei „Mad Money“ kann Cramer den überdrehten Teil seiner Persönlichkeit voll entfalten. Er gibt dort zwar den gierigen Kapitalisten, verfolgt dabei aber ein für die Wall Street ungewöhnliches Ziel. Ihm geht es nämlich vor allem darum, mit seinem Börsenwissen uninformierten Privatanlegern zu helfen. „Die Show muß unterhalten, Geld verdienen und bilden“, sagt Cramer.

Als Manager eines Hedge-Fonds sei es nur darum gegangen, reiche Leute reicher zu machen, sagt Cramer. Das wollte er nicht als seine Grabinschrift sehen. Sozialistische Tendenzen kann man dem leidenschaftlichen Börsianer dennoch nicht vorwerfen. In einer der jüngsten Sendungen zitierte Cramer den Musiker Frank Zappa: „Kapitalismus funktioniert, weil Leute Zeug besitzen wollen.“ Booyah.

Quelle: F.A.Z., 15.02.2006, Nr. 39 / Seite 21
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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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