09.01.2010 · Den Banken, die seit Ausbruch der Finanzkrise ohnehin schon Zielscheibe der öffentlichen Kritik sind, ist durch die Kartenpannen bei Millionen von Kredit- und EC-Karten ein weiterer Imageschaden entstanden. Jetzt wollen sie kulant reagieren. Ihnen bleibt nichts anderes übrig.
Von Markus FrühaufOb EC- oder Kreditkarte, an das Plastikgeld haben sich die Verbraucher gewöhnt. Keiner will mehr auf die Zahlungskarten verzichten. Ihr praktischer Nutzen ist offenkundig. Größere Einkäufe können spontan entschieden werden. Im Ausland erhält man am Geldautomaten Bargeld zu günstigeren Konditionen, als wenn die Devisen in der Hausbank vor der Reise erworben werden. Der Grad der persönlichen Freiheit nimmt zu, je einfacher das Bezahlen wird.
Umso größer ist der Schreck, wenn plötzlich die modernen Zahlungssysteme streiken. Der Moment, in dem der Zahlvorgang an der Kasse wegen einer Fehlermeldung abgebrochen wird, ist für die meisten Verbraucher peinlich. Erst recht, wenn hinter einem eine ungeduldige Schlange wartet. Man setzt sich dem Verdacht aus, nicht mehr zahlungsfähig zu sein. Dieser unangenehmen Situation waren nach dem Jahreswechsel die Besitzer von 30 Millionen EC- und Kreditkarten ausgesetzt. Der Grund: ein fehlerhaft programmierter Chip auf den Karten. Die Bezahlterminals im Einzelhandel sowie Geldautomaten im In- und Ausland brachen Transaktionen ab, weil die Chipkarten die neue Jahreszahl 2010 nicht verarbeiten konnten.
Ein weiterer Imageschaden
Den Banken, die seit Ausbruch der Finanzkrise ohnehin schon Zielscheibe der öffentlichen Kritik sind, ist dadurch ein weiterer Imageschaden entstanden. Dass die falsche Programmierung der Chips der französische Kartenhersteller Gemalto zu verantworten hat, ändert daran nicht viel. Einzig die Schadenersatzansprüche, die Einzelhändler und die Lieferanten der Bezahlterminals an die Banken richten, könnten nach Frankreich weitergereicht werden. Trotzdem tragen auch die Banken die Verantwortung für die Unannehmlichkeiten, die ihren Kunden entstanden sind.
Denn nicht nur der Kartenhersteller, sondern auch die Kreditwirtschaft hätte im Vorfeld prüfen müssen, ob der Datumswechsel auf das neue Jahr reibungslos von den bestehenden Zahlungssystemen verarbeitet werden kann. Diese Prüfung ist aber ausgeblieben. Das ist peinlich, zumal schon kurz zuvor eine Panne passiert war. Erst vergangenen November mussten mehr als 250 000 Kreditkarten von Kunden ausgetauscht werden, die damit in Spanien bezahlt hatten. Bei einem spanischen Zahlungsabwickler hatte es ein Sicherheitsleck gegeben.
Allerdings haben die Banken damals auf den Datenklau richtig reagiert und die verunsicherten Kunden kulant behandelt. Ähnlich will die Kreditwirtschaft nun auch auf die „Jahr-2010-Panne“ reagieren. Es bleibt ihr freilich nichts anderes übrig, will sie das Vertrauen ihrer Kunden in das Plastikgeld nicht noch weiter belasten. Entstandene Kosten, die dem Kunden durch den Ausfall der Karte oder durch Fehlbuchungen entstanden sind, sollen anstandslos übernommen werden. Jedoch müssen sich die Anspruchsteller hier vermutlich in Geduld üben. Die Banken müssen die Forderungen genau prüfen, wenn vermieden werden soll, dass Trittbrettfahrer mit falschen Ansprüchen aufspringen.
Die abermaligen Störungen mit dem Plastikgeld machen aber auch deutlich, dass es in Zukunft Notfallsysteme geben muss. Der Zentrale Kreditausschuss als Dachverband der Banken und Sparkassen dringt darauf, bis zum Jahr 2011 das bargeldlose Bezahlen vollständig auf das Chipverfahren umzustellen. Künftig soll also nur noch per Eingabe der Pin-Nummer an den Kassen bargeldlos bezahlt werden können. Die Banken begründen dies mit der Umstellung auf das europaweite Zahlverfahren (Sepa) und der höheren Sicherheit. Letzteres Argument ist aber durch die Ereignisse der vergangenen Tage in Frage gestellt. Die Einzelhändler wollen dagegen an dem elektronischen Lastschriftverfahren festhalten, weil es sie im Gegensatz zu dem gebührenpflichtigen Verfahren mit Chip nichts kostet. Dass sie das Ausfallrisiko der Lastschrift tragen, von dem sie im Chipverfahren befreit sind, stört sie nicht.
Die elektronische Lastschrift basiert auf den Daten des Magnetstreifens und der Unterschrift des Kunden auf der Rechnung. In den vergangenen Tagen hatte das Lastschriftverfahren eine wichtige Ersatzfunktion. Bei Transaktionen, die wegen der fehlerhaften Chips abgebrochen wurden, wurde oftmals auf die Lastschrift ausgewichen. Dadurch haben sich die entstandenen Umsatzeinbußen im Einzelhandel in Grenzen gehalten. Entsprechend reduzieren sich die Schadenersatzforderungen, die die Händler an die Kreditwirtschaft stellen wollen. Deshalb sollte auch Banken und Sparkassen an einer Alternative im bargeldlosen Zahlungsverkehr gelegen sein. Der Schaden wäre in den vergangenen Tagen (noch) größer gewesen, hätte es ausschließlich das Chipverfahren gegeben.
Dass dem Plastikgeld die Zukunft gehört, daran besteht kein Zweifel. Fast jede dritte Rechnung wird in Deutschland mit der Karte beglichen. Der Anteil wird steigen. Künftig werden Fehler oder Ausfälle also noch größere Schäden verursachen. Die „Jahr-2010-Panne“ muss den Banken eine Lehre sein. Immerhin eine gute Nachricht gibt es aber: Die Banken können die fehlerhaften Karten offenbar neu programmieren und die Verbraucher damit ihre Karte samt gewohnter Pin-Nummer behalten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.390,80 | +1,02% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2546 | +0,04% |
| Rohöl Brent Crude | 107,28 $ | +0,02% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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