29.03.2009 · Amerika hat die Welt in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Jetzt wird überall der Kapitalismus in Frage gestellt. IWF-Vizechef John Lipsky über die gefährliche Wachstumseuphorie, die Vorzüge von Finanzinnovationen und die neue Not der Armen
Herr Lipsky, Amerika hat die Welt in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Jetzt wird überall auf der Welt der Kapitalismus in Frage gestellt.
Ich scheue vor solch einer scharfen Beschreibung ein wenig zurück. Natürlich gibt es vieles, was wir aus dieser Krise lernen können und müssen, vor allem mit Blick auf die Ordnung und Regulierung der globalen Finanzmärkte. Aber für mich sind die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate der beste Beweis dafür, dass der moderne Kapitalismus nicht am Ende ist. Sondern im Gegenteil.
Wie bitte?
Sehen Sie doch nur, was alles geschieht als Reaktion auf die Krise: Mit einem Vorlauf von nur vier Wochen haben sich im November die Staats- und Regierungschefs der zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländer in Washington zu einem Finanzgipfel getroffen, und nächste Woche kommen sie in London abermals zusammen.
Um den wilden Kapitalismus zu zügeln.
Halt. Die G20 haben sich verpflichtet, die globalen Märkte für Waren, Dienstleistungen und Kapital auch weiterhin offen zu halten. Niemand plädiert in der aktuellen Diskussion dafür, sich von der Marktwirtschaft abzuwenden. Die G-20-Initiative ist historisch ohne Beispiel. Das Gleiche gilt für die Konjunkturpakete, die rund um die Welt nahezu simultan geschnürt worden sind. Auch das hat es so noch nicht gegeben. Und nationale Initiativen, unterstützt durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Forum für Finanzmarktstabilität und dem Internationalen Währungsfonds, eröffnen die Möglichkeit zu einer effektiveren Finanzmarktregulierung.
Aber erklären Sie doch bitte einmal, wie die Marktwirtschaft so versagen konnte.
Natürlich müssen wir uns fragen, was schiefgelaufen ist und warum die Marktdisziplin versagt hat. In vielen Fällen war die Aufsicht durch Aktionäre mangelhaft, und das Management führender Finanzinstitute hat so ungeheuer kurzsichtig gehandelt, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Zu oft haben professionelle Investoren, angebliche Fachleute, in großem Stil in Finanzprodukte investiert, die sie nicht verstanden und deren Risiken sie nicht erkannt haben. Dabei haben sie schlicht die Verantwortung ihren Kunden gegenüber vernachlässigt.
Aber was ist der Grund dafür? Gier? Dummheit?
Management, Aktionäre, Investoren: Sie alle haben sich von der außerordentlich guten und unerwarteten Entwicklung der Wirtschaft und der Märkte in den vergangenen Jahren einlullen lassen und Risiken unterschätzt. Der Optimismus war einfach zu groß. Eine wirksamere Regulierung hätte die Risiken verringert.
Welche Chancen bietet uns die Krise?
Zunächst lässt sie uns erkennen, wie ungeheuer weit die Globalisierung in den vergangenen zwanzig Jahren vorangekommen ist. Der Zusammenbruch des Ostblocks, die deutsche Wiedervereinigung, die Integration von Ländern wie Indien und China in die Weltwirtschaft. Diese und andere Ereignisse haben die Entwicklung des Welthandels und globaler Kapitalmärkte immens vorangetrieben. Zwar hat es immer wieder zwischendurch auch Krisen gegeben, sei es in Asien, Lateinamerika oder Osteuropa, aber insgesamt handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte, die von Wachstum und Wohlstand erzählt. Trotz allem zeigt die jetzige Krise, dass es gemeinsamer, aufeinander abgestimmter Anstrengungen bedarf, damit alle Menschen Nutzen aus der Globalisierung ziehen können.
Von Adam Smith wissen wir, dass die Gesellschaft insgesamt davon profitiert, wenn Menschen in ihrem eigenen Interesse handeln. Wo hört denn das gesunde und notwendige Streben nach Gewinn und Erfolg auf, und wo beginnt die schädliche Gier?
Auch Smith war der Ansicht, dass es eines Ordnungsrahmens mit Spielregeln und eines Rechtssystems bedarf, das privates Eigentum schützt, um das Selbstinteresse zu zügeln. Darüber besteht im Übrigen Einvernehmen auf beiden Seiten des Atlantiks: Es ist wichtig, dem Unternehmergeist genügend Freiraum zu lassen und gleichzeitig Regeln zu haben, die sozialen Bedenken Rechnung tragen.
Wie ist nun der Spagat zu schaffen in der Marktregulierung zwischen dem, was notwendig ist, und dem, was womöglich schadet?
Es wird hier und da versucht, moderne Finanzprodukte als die Hauptursache des Übels darzustellen. Das ist nicht richtig, und ich finde eine solche Diagnose enttäuschend. Innovationen auf den Finanzmärkten sind grundsätzlich zwar nützlich, aber nicht alle sind hilfreich. Was wir sicher brauchen, ist eine wirksamere Finanzmarktregulierung, und da bedarf es internationaler Zusammenarbeit. Es sollte aber nicht zu einer Kontrolle kommen, die die Innovationskraft völlig erlahmen lässt.
Was meinen Sie mit wirksamer Kontrolle?
Zum Beispiel sollte die Finanzregulierung sämtliche Marktakteure einschließen, von denen ein systemisches Risiko ausgehen könnte. Außerdem müssen wir weiter als nur auf einzelne Instrumente und Institute schauen und auch systemische Risiken und die Auswirkungen auf den Wirtschaftskreislauf in Betracht ziehen.
Viele Länder reagieren auf die Krise, indem sie ihre Märkte abschotten. Was kann man dagegen unternehmen?
Die Krise hat sicherlich den Fokus auf nationale Belange und Prioritäten erhöht. Auch gutgemeinte Hilfen des Staates, beispielsweise für einzelne Banken, können Anreize schaffen, die Kreditvergabe im Heimatland auf Kosten internationaler Märkte auszuweiten. Wir haben aus den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise gelernt, dem Protektionismus zu widerstehen, denken Sie beispielsweise an die Gründung der Welthandelsorganisation. Aber unter dem Eindruck wirtschaftlicher Schwierigkeiten wächst die Versuchung, die Regeln zu umgehen oder zu brechen. Der Gipfel in London kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, der Versuchung nicht nachzugeben.
Müssen wir uns darauf einstellen, dass der Staat sich dauerhaft mehr ins Wirtschaftsgeschehen einmischt?
Es ist ganz sicher so - und das ist auch eine der Lehren der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre -, dass derzeit die Risiken des Zu-wenig-Tuns erheblich viel größer sind als die Gefahr, dass Regierungen zu viel unternehmen im Bemühen um ein Ende der Krise. Einige der Reaktionen, beispielsweise die Konjunkturprogramme, sind ein vorübergehendes Phänomen. Andere, wie die Neuordnung der Finanzarchitektur mit dem Ziel einer wirksameren Regulierung, werden hoffentlich von Dauer sein.
Es wird verhältnismäßig wenig über die Armen in der Welt geredet und darüber, wie sie unter der Krise leiden.
Den Entwicklungsländern und den Menschen dort gilt unsere große Besorgnis. Durch die Finanzkrise ist in vielen Fällen der Kapitalstrom ausgetrocknet, den diese Länder so dringend für ein gedeihliches Wachstum und den Kampf gegen die Armut benötigen. Hinzu kommt, dass aufgrund der Rezession die Nachfrage von wichtigen Exportmärkten der armen Länder weitgehend ausfällt.
Die Volkswirtschaften in Amerika, Japan und dem Euro-Raum schrumpfen...
Genau. Die Armen leiden sehr darunter, und es ist nicht auszuschließen, dass es hier und da zu sozialen Unruhen kommt. Länder in Afrika, aber auch anderswo drohen weit zurückgeworfen zu werden. Darum ist es so wichtig, das Finanzsystem schnell zu reparieren und den Kapitalfluss wieder in Gang zu setzen. Wenn das gelingt und wir die Märkte offen halten, dann wird die Weltwirtschaft zu einem gesunden und tragfähigen Wachstum zurückkehren, das auch Erfolge in der Armutsbekämpfung beschert.
John Lipsky
Ehe John Lipsky vor drei Jahren zum Internationalen Währungsfonds kam, hatte er schon eine lange Karriere an der Wall Street hinter sich. Zuletzt war er Vizepräsident und oberster Risikomanager bei der Großbank JP Morgan Chase. Er kennt sich daher besser noch als seine Vorgänger mit den Details der Finanzmärkte aus. Früh ist der Währungsfonds für große Konjunkturprogramme eingetreten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |