04.04.2009 · Obama, Sarkozy, Merkel - in der Krise wird jedes ihrer Worte auf die Waagschale gelegt. Dabei wird der Einfluss eines Mannes übersehen: Dominique Strauss-Kahn will mit dem IWF künftig über das globale Finanzsystem wachen.
Von Claus TiggesDominique Strauss-Kahn machte kein Geheimnis aus seiner Genugtuung über das Ergebnis des Weltfinanzgipfels in London: „Der IWF ist wieder da“, rief der geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) den Journalisten in der britischen Hauptstadt zu. Und er fügte hinzu: „Heute sehen Sie den Beweis dafür.“ Kurz zuvor hatten die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G 20) beschlossen, die Ressourcen, die dem IWF zur Krisenbewältigung zur Verfügung stehen, mittelfristig zu verdreifachen.
Über 750 Milliarden Dollar wird Strauss-Kahn bald verfügen können, um sie jenen Ländern aus dem Kreis der 185 Mitglieder der Institution zu leihen, die in den Sog einer Wirtschafts- und Finanzkrise geraten und Zahlungsengpässe überwinden müssen.
Ein Mann für Kompromisse
Beinahe vergessen ist nun die Zeit, in der der IWF, erdacht auf der Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden drohte. Weil es nach dem Ende der Finanzkrisen in Asien und Lateinamerika in den neunziger Jahren lange keine Schwierigkeiten mehr gegeben und die früheren Schuldner ihre Kredite an den IWF zurückgezahlt hatten, erschien der IWF nahezu überflüssig.
Doch inzwischen hat sich das Blatt für den IWF zum Guten gewendet, denn eine Reihe von Mitgliedsländern hat den Fonds angesichts der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise doch um Kredithilfe gebeten. Es ist auch dem Geschick und der Überzeugungskraft des früheren französischen Wirtschafts- und Finanzministers Strauss-Kahn zu verdanken, dass der IWF nun wieder im Rampenlicht steht und in den Überlegungen der G 20 zur Überwachung und Regulierung des internationalen Finanzsystems eine wichtige Rolle spielt.
Strauss-Kahn, der seit 1. November 2007 als Nachfolger des glücklosen und mitunter unmotiviert wirkenden Spaniers Rodrigo Rato den Währungsfonds führt, hat im vergangenen Jahr einen Kompromiss für eine neue Quotenformel geschmiedet: Durch die Neuberechnung der Kapitalanteile erhalten dynamische Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien mehr Einfluss im Fonds.
Diese - bisher noch behutsame - Verschiebung in der Machtstruktur hat Strauss-Kahn dem Ziel näher gebracht, für alle Mitgliedsländer dauerhaft interessant und vor allem relevant zu bleiben. In London hat sich dies jetzt ausgezahlt.
Trotz Affäre weiter an der Spitze
Wie gefestigt Strauss-Kahns Position an der Spitze der multilateralen Institution ist, zeigte sich schon im vergangenen Herbst, als bekannt wurde, dass er Anfang des Jahres eine kurze Liebesaffäre mit einer verheirateten Mitarbeiterin hatte.
Zwar schlug die Nachricht hohe Wellen, und der IWF ließ auch mögliche Konsequenzen prüfen. Doch es wurde schnell klar, dass Strauss-Kahn darüber nicht fallen würde. Die IWF-Mitglieder gaben sich mit der Entschuldigung des Franzosen zufrieden und zeigten sich überzeugt, dass er seine Macht als IWF-Direktor nicht missbraucht und auch keinen Druck auf die Mitarbeiterin ausgeübt habe.
Und Strauss-Kahn, der in diesem Monat 60 Jahre alt wird und als Ökonom in Paris gelehrt und geforscht hat, setzt seinen prägenden Einfluss auf den IWF fort. Unter seiner Führung haben die Mitglieder des IWF in der vergangenen Woche eine umfassende Reform der Kreditvergabepolitik beschlossen.
Der IWF soll über die Regulierung wachen
Auf breite Zustimmung stieß der Vorschlag des Franzosen, eine neue Kreditlinie für solche Länder einzurichten, die nach Einschätzung des IWF eine vernünftige Wirtschafts- und Finanzpolitik machen und unverschuldet von einer Krise angesteckt werden.
Darlehen, die im Rahmen dieser „flexiblen Kreditlinie“ vergeben werden, sind nicht an bestimmte Voraussetzungen in Form eines wirtschaftlichen Reformprogramms geknüpft. Stolz hat Strauss-Kahn in London angekündigt, dass Mexiko der erste Anwärter auf einen solchen Kredit sei, der dazu diene, in diesen unsicheren Zeiten das Vertrauen in die Wirtschaft des lateinamerikanischen Landes zu stärken.
Strauss-Kahn, der wie zuvor in seiner Heimat Frankreich auch im IWF vielfach nur „DSK“ genannt wird, hält sich und dem Fonds in diesen Tagen gerne zugute, dass sie es waren, die als Erste vor den systemischen Gefahren der Finanzkrise gewarnt und für einen international koordinierten Lösungsansatz plädiert haben. Und Strauss-Kahn wird auch nicht müde, milliardenschwere Konjunkturprogramme als Antwort auf die globale Rezession zu fordern.
Der Sozialist, der sich im Jahr 2006 um die Nominierung seiner Partei zur Präsidentenwahl beworben hatte, gibt sich betont pragmatisch. Ein nahes Ende der Marktwirtschaft sieht er in der Krise nicht, wohl aber die Notwendigkeit, neue Spielregeln aufzustellen, insbesondere für das globale Finanzsystem. Geht es nach Strauss-Kahn, wird der IWF künftig über die Einhaltung dieser Regeln wachen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.390,80 | +1,02% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2546 | +0,04% |
| Rohöl Brent Crude | 107,28 $ | +0,02% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?