Home
http://www.faz.net/-gqe-79q34
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Italien Größtes Stahlwerk Europas unter Zwangsverwaltung

Die italienische Regierung hat mit einem sofort wirksamen Regierungsdekret die Eigner des größten europäischen Stahlwerks der Führung ihres Unternehmens enthoben. Ein Zwangsverwalter soll jetzt die Sanierung vorantreiben.

© dapd Vergrößern Stahlwerk Ilva in Taranto

Die italienische Regierung hat mit einem sofort wirksamen Regierungsdekret die Eigner des größten europäischen Stahlwerks mit Standort in Taranto, die Mailänder Unternehmerfamilie Riva, der Führung ihres Unternehmens enthoben und den Unternehmenssanierer Enrico Bondi als Zwangsverwalter eingesetzt. Der 78 Jahre alte Manager hatte bereits in den Neunziger Jahren den zusammengebrochenen Konzern Ferruzzi-Montedison saniert, seit 2003 den im betrügerischen Bankrott geendeten Parmalat-Konzern. Nun soll Bondi im Stahlwerk Ilva in Taranto das Investitionsprogramm verwirklichen, das im vergangenen Jahr von der Regierung Monti zur Bedingung für eine Betriebserlaubnis für das Stahlwerk gemacht worden war.

Vorschriften für Umweltschutz verletzt

Tobias Piller Folgen:  

Für die Realisierung des Programms mit einem Investitionsvolumen von 3 bis 5 Milliarden Euro soll der Zwangsverwalter auf das von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmte Vermögen der Eignerfamilie Riva zurückgreifen dürfen. Das Gesetzesdekret soll den völligen Zusammenbruch des Stahlunternehmens verhindern. Dieser drohte am Mittwoch, bei einer Hauptversammlung der Gesellschaft Ilva, für die alle leitenden Angestellten und die Geschäftsführung ihren Rücktritt angekündigt hatten. Vorausgegangen war eine von der Staatsanwaltschaft in Taranto verfügte Beschlagnahme von Unternehmenswerten der Rivas von 8,1 Milliarden Euro, mit dem Verweis auf die großen Umweltschäden durch das Stahlwerk in Taranto.

Diese Beschlagnahme reichte bis zur Blockade aller Geschäftskonten und Kreditkarten und legte den Unternehmensbetrieb lahm. Faktisch wird die Konzernholding der Riva-Gruppe, mit Stahlwerken auch in Deutschland, nun von einem gerichtlich bestellten Verwalter geführt.

Angehörige der Eignerfamilie Riva in Untersuchungshaft

Die Staatsanwaltschaft in Taranto vertritt dabei seit einem Jahr die Auffassung, dass Ilva in Taranto völlig stillgelegt werden müsse und höchstens nach allen Umweltinvestitionen in perfektem Zustand wieder angefahren werden dürfe. Die italienische Regierung und die Gewerkschaften sehen für diesen Fall aber mehr als 20000 Arbeitsplätze auf dem Spiel und versuchen, das Unternehmen unter Auflagen weiterarbeiten zu lassen. Die bis April 2013 amtierende Regierung hatte dem Stahlwerk eine Betriebsgenehmigung unter Auflagen erteilt und diese in Gesetzesform gegossen. Die Angehörigen der Eignerfamilie Riva befinden sich wegen Verletzung der Vorschriften für Umweltschutz in Untersuchungshaft.

Dabei geht es vor allem um einen Stadtteil, der in der Zeit der staatlichen Bewirtschaftung des damals verlustträchtigen und hoch subventionierten Stahlwerkes direkt neben der Fabrik gebaut wurde. Der frühere Umweltminister Clini, von Beruf Betriebsarzt, hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass Altlasten, auch Krebserkrankungen, zumindest zum Teil in den Zeiten der Staatswirtschaft wurzeln, weil bis zu Beginn der Neunziger Jahre krebserregende Stoffe benutzt worden seien. Ilva wurde aber erst 1995 privatisiert.

Mehr zum Thema

Als Vorwand für die Zwangsverwaltung dient der Umstand, dass die Sanierung des Stahlwerkes, die Voraussetzung für die vorläufige Betriebsgenehmigung war, nicht vorangekommen sei. Zudem hätten die alten Vereinbarungen mit dem 90-Punkte-Programm zwar im Falle der Nichteinhaltung eine Zwangsverwaltung angedroht, doch sei in den alten Regeln ein Verfahren mit Mahnungen und einem Anhörungsrecht der Unternehmensführung vorgesehen gewesen. Nun wurde aber offenbar weder die Familie Riva noch die Unternehmensführung gehört.

Als Zugeständnis der Regierung wird angesehen, dass der Zwangsverwalter Enrico Bondi derjenige ist, der nach den letzten Verhaftungsaktionen auch von der Familie Riva als Geschäftsführer eingesetzt wurde, allerdings erst im April dieses Jahres. Der bisherige Präsident des Unternehmens, der mit Vermittlungsaufgaben betraute ehemalige Regierungspräfekt von Mailand und ehemalige Bürgermeisterkandidat der Linken in Mailand, Bruno Ferrante, wurde dagegen aus dem Unternehmen entfernt. Mit der Einsetzung von Bondi versucht die Regierung offenbar, ein Minimum an Sachkompetenz in der Führung des Stahlwerks zu belassen. Die linken Koalitionspartner wenden sich aber gegen jegliche Weiterarbeit von Personen, die von der Familie Riva eingesetzt worden sind. Der kommunistische Präsident der Region Apulien, Nichi Vendola, verlangte, dass bei der Zwangsverwaltung kein Kompromiss eingegangen und eine völlig neue Führungsspitze eingesetzt werde.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Betrugs- und Bestechungsverdacht Hausdurchsuchung bei Ministerin Wende

In Schleswig-Holstein wird gegen Bildungsministerin Waltraud Wende ermittelt. Die parteilose Politikerin ist der Bestechung und des Betrugs verdächtig. Es gab mehrere Durchsuchungen. Mehr

25.08.2014, 15:21 Uhr | Politik
Odenwaldschule Behörden erhöhen den Reformdruck

Der Druck auf die Odenwaldschule steigt: Dem Internat bleiben nur wenige Monate, um seine Geldprobleme zu lösen. Die Behörden erteilten zwar eine Betriebsgenehmigung - aber die Entscheidung war denkbar knapp. Mehr

22.08.2014, 15:27 Uhr | Rhein-Main
Besuch auf Schloss Janowitz Im Paradies von Karl Kraus

Schloss Janowitz war für Karl Kraus der Schutzraum, den er brauchte, um „Die letzten Tage der Menschheit“ zu schreiben. Die Hausherrin Sidonie Nádherný wurde seine Muse und Schicksalsfrau. Ein Baustellenbesuch. Mehr

30.08.2014, 19:13 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.06.2013, 17:20 Uhr

Fast wie im Roman

Von Carsten Knop

Smartphones werden zur digitalen Wunderwaffe. Dass wir ihnen viele Daten anvertrauen, macht uns ein mulmiges Gefühl. Aber die Bequemlichkeit siegt. Mehr 5

Umfrage

Nerven Sie geschäftliche Mails im Feierabend?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Viel Geld für Werbung im Internet

Unternehmen investieren stark in Onlinewerbung – so auch Germanwings. Nur der Autobauer Volkswagen und die Auktionsplattform Ebay geben hierzulande mehr dafür aus. Mehr