17.02.2009 · Ich bin im Ghetto aufgewachsen. In unserer Wohnung gab es noch nicht einmal eine Toilette. Ich war der typische „Ey Mann, haste ein Problem?“-Türke. Heute schäme ich mich dafür. Aber eines kann ich bis zur Perfektion: Mich von ganz unten nach ganz oben hocharbeiten. Immer wieder.
Von Özden IpekGeboren wurde ich 1972 in Warendorf, das ist die berühmte Stadt der Pferde im Münsterland. Aufgewachsen bin ich bis zu meinem 8. Lebensjahr in Freckenhorst, das ist ein Kaff bei Warendorf. In der türkischen Ghettostraße namens „Vogelfeld“ hatte unsere 35-Quadratmeter-Zweizimmerwohnung für unsere fünfköpfige Familie nicht mal eine Toilette. Die waren gemeinschaftlich etwas außerhalb unserer Straße, am Waldrand.
Übrigens ist das Vogelfeld wohl den Stadtoberen ein derartiger Dorn im Auge gewesen, dass es später planiert, aufgelöst, umbenannt und neubesiedelt wurde. Vom Vogelfeld gibt's heutzutage nicht mal eine Spur. Damals lebten dort etwa 150 Leute, meist türkische Migranten.
Bis zum Umzug nach Warendorf konnte ich kein Deutsch. Es gab ja nur türkische Kinder auf unserer Straße, mit Deutschen hatten wir keinen Kontakt. Überflüssig zu erwähnen: Kein Kind ging in einen Kindergarten. Die deutsche Sprache habe ich mir später selbst beigebracht, durch tägliches stundenlanges Lesen von so gut wie jedem Buch aus unserer Stadtbibliothek.
Vater: Weber, Mutter: Putzfrau
Mein Vater war Weber und Opfer der ersten Globalisierungswelle, als die deutsche Textilindustrie in den 70er,80er und 90er Jahren Opfer von Italien, Griechenland und Spanien wurde (diese wurden dann später selbst Opfer, diesmal der Welt). Papa war Gewerkschaftsmitglied und Arbeitersprecher im Betriebsrat, sodass er als letzter von seiner Firma entlassen wurde, übrigens nur ein Monat vor seinem 25jährigen Jubiläum. Heute ist er Rentner und kriegt mit Mutter zusammen 800 Euro monatlich. Nach 35 Jahren Einzahlung in das deutsche Rentensystem sind sie nun beide Sozialfälle.
Meine Mutter ist Haus- und Putzfrau gewesen, immer auf der Suche nach weiteren Jobs, um unsere Familie zu unterstützen. Zeitweise hatte sie 5-6 Stellen, wo Sie gleichzeitig arbeitete. Heute kann Sie Ihre Arme nicht mehr bewegen, das kommt vom jahrelangen Wischmoppschwingen. Auch ich habe während meiner gesamten Oberstufenzeit in Putzkolonnen nachmittags gearbeitet und u.a. im Kreishaus Warendorf Toiletten gereinigt.
Bildung war für uns kein Thema in dem Sinne, dass sich meine Eltern auskannten und mich beraten konnten. Mein Vater wusste aber zum Glück, dass Schule wichtig war und hat enormen Druck gemacht, damit ich mich anstrenge. In der siebten Klasse schaffte ich den Übergang auf das Augustin-Wibbelt Gymnasium in Warendorf und blieb dort bis zum Abitur, welches ich im Mai 1991 mit der Note 3,7 beendete. Es war das zweitschlechteste Zeugnis des gesamten Jahrgangs unter 95 Mitschülern. Aber das gute Pferd springt ja bekanntlich knapp. Oft wollte ich aufhören mit der Schule aber dann setzte es schnell Prügel vom Papa und schon lernte ich weiter. Heute bin ich Ihm dankbar dafür. Ohne Ihn hätte ich das Abitur niemals geschafft.
Das Gymnasium war meine persönliche Hölle
Das Gymnasium, welches ich sieben Jahre besuchte, war meine persönliche Hölle. Ich war der erste und einzige Türke auf der Schule. Gemobbt, gehänselt, keine Freunde, der begaffte Alien bis zum Schluss. Zum Glück haben mich aber einige Lehrer gut behandelt und unterstützt, mir sehr geholfen. Dafür bin ich ihnen bis heute zutiefst dankbar. Im krassen Gegensatz zum Gymnasium war ich in meinem türkischen Freundeskreis der einzige, der zu einer höheren Schule ging. Meine Freunde haben mit Ach und Krach die Hauptschule beendet, wenn überhaupt. Deswegen nannten mich auch alle „Der Professor“. In beiden Welten, die unterschiedlicher kaum sein konnten, war ich also Außenseiter und lernte zu kämpfen.
Dauerthemen in unserem türkischen Freundeskreis waren: Wer hat wann eine Gerichtsverhandlung wegen was, wer macht warum eine Falschaussage für wen, wann kommt jemand raus aus dem Knast (viele saßen zeitweise im Jugendknast Bielefeld-Brackwede), wer muss wie bestraft und was wann demoliert werden. Es kam auch vor, das wir gemeinschaftlich irgendwen zusammenschlugen, einfach so aus Langeweile, gerne in Münster, da kannte uns keiner. Dieses typische „Ey Mann, haste ein Problem? Was guckst Du? Ich hau Dich. Bang“…. Heute schäme ich mich dafür.
Die Entscheidung für mein Studienfach war ein fataler Fehler
Ich schweife ab, also zurück zur Bildung und meiner persönlichen Erfolgsstory: Nachdem ich 1991 mein Abitur in der Tasche hatte wusste ich erst mal nicht, was machen und wohin. Ich hatte ja null Beratung und meine Eltern konnten mir auch nichts sagen, denn sie hatten ebenfalls keine Ahnung.
Wer nix wird, wird Wirt - in meinem Fall Volkswirt. Ich fasste zwecks des Ich-muss-was-tun Gefühls die Entscheidung, irgendwas mit Ökonomie zu studieren. Ein fataler Fehler, denn ich hatte in der Schule Mathematik gehasst und auch in der elften Klasse schnell abgewählt. Damals ging das, heute nicht mehr. Ich wusste aber nicht, das ein Ökonomiestudium extrem viel Mathe enthält. Nach den ersten Vorlesungen wusste ich dies aber nur zu gut und fand das so deprimierend wie Fußpilz. Über die ZVS hatte ich einen Studienplatz in Volkswirtschaft in Göttingen bekommen, wo ich ein Semester studierte. Da habe ich schnell gemerkt, dass VWL Mist war, später nix brachte und ich es auch nicht kapierte, da ich Mathe generell nicht kapierte. Auch heute beherrsche ich nur die vier Grundrechenarten, und das nur mit Mühe, Taschenrechner und Not.
Während des ersten Semesters in Göttingen bekam ich wieder Post von der ZVS, in dem stand, dass ich im Nachrückverfahren einen Studiumplatz in der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Bochum erhalten habe. Da ich VWL hasste und Hoffnung hatte, das WiWi weniger Mathe enthält (ein tragischer Trugschluss), sagte ich kurzentschlossen zu, exmatrikulierte mich in VWL und siedelte nach Bochum über. Das war 1992.
Auch WiWi in Bochum habe ich wegen Mathe mit Leidenschaft gehasst und mich auch dort schnell wieder exmatrikuliert. Tja, da saß ich nun alleine in Bochum, war kein Student mehr und wusste nicht, was machen. Meinen Eltern habe ich das nicht erzählt, es hätte vor allem meinem Vater das Herz gebrochen. Er, der Zeit seines Lebens hart geschuftet hatte, wollte unbedingt, dass ich mich eine winzige Stufe über „Arbeiternehmer“ ansiedele. Das Studium sah er richtigerweise als Voraussetzung dafür.
Hilfsarbeiter für zig Firmen
Ich arbeitete dann im Ruhrgebiet für zig Firmen als ungelernter Helfer, meist miese Tätigkeiten, McJobs und dergleichen für wenig Geld. Aber ich war ja Arbeit gewohnt, schließlich hatte ich mit 14 Jahren meine erste Arbeit angenommen, in einer Kfz-Werkstatt für 6 Mark die Stunde, wo mich der Meister sogar einmal zusammenschlug, weil ich nicht schnell genug Autos putzte. Ansonsten gab's da jeden Tag massig Beschimpfungen. Gelohnt hat es sich trotzdem, denn vom ersten Geld kaufte ich meiner Mutter ein Fahrrad, damit sie zu ihren zahlreichen Jobs nicht mehr zu Fuß hinlaufen musste.
Ich habe dann jahrelang in Bochum ein Partyleben geführt und Freunde gefunden, mit denen ich auch heute noch in Kontakt bin. So um 1995 haben meine Eltern immer mehr nach der Beendigung meines Studiums gefragt. Sie ahnten ja nicht, dass ich seit Jahren gar kein Student mehr war. Um diese peinliche Situation zu entschärfen und auch um mein weiteres Leben nicht in schlechten Jobs zu vergeuden, habe ich zum Wintersemester 1996 wieder ein Studium angefangen. Ein Magisterstudium in Kommunikationswissenschaften, in die ich über meine Wartesemester reinrutschte. Nebenfächer waren Germanistik und Geschichte.
Auf einmal raste ich durch das Studium
Der Mensch sollte das tun, wozu er Lust und Leidenschaft hat. Alles andere führt zum Versagen und bestenfalls Mittelmaß. Da mein Studium genau die Geisteswissenschaft war, die ich liebte, und ich zudem durch meine beiden abgebrochenen Studien ein gebranntes Kind war, gab ich nun Vollgas. Und wenn ich Vollgas sage, dann meine ich Vollgas: Regelstudienzeit in KoWi war 9 Semester, Durchschnitt war 14 Semester, ich beendete es im 7. Semester….Schock.
Ich bin durch das Studium gerast. Tja, man muss halt fleißig sein, das Studium als Lebensmittelpunkt ansehen und danach leben, und sich vor allem nicht von den trägen Mittelmaßkommilitonen durch ihren Faulheitsvirus infizieren lassen. Dann klappt das auch. Übrigens habe ich auch während meines gesamten Studiums abends gekellnert und am Wochenende als Promoter gearbeitet und es somit zu 100 Prozent selbst finanziert. Nebenbei schrieb ich auch Artikel für die Zeitschrift Unicum. Heute kann mir keiner mehr den Schwachsinn erzählen, Arbeit und Studium vertragen sich nicht oder dass Arbeiterkinder nicht oder nur gaaaanz schwer studieren können. Die, die das behaupten, sind keine Krieger, sondern einfach nur faul.
Nach der Beendigung meines Studiums im Jahre 1999 als Magister Artium (Note: 2,3) habe ich keine Arbeitsstelle gefunden. Kommunikationswissenschaftler arbeiten meist in Werbeagenturen, im PR, bei Medien. Ich habe hunderte von Bewerbungen geschrieben, es kam aber nicht viel bei rum. Dass in deutschen Personalbüros ausländische Akademikernamen nicht gut ankommen, kann ich klar bestätigen.
7-Semesterstudium, Praktika, drei Sprachen fließend… Und trotzdem keine Vorstellungsgespräche, ergo arbeitslos.
Zwischen München und Hamburg im Mediamarkt und im Saturn
Um als Bewerber nicht untätig rumzusitzen habe ich angefangen, Vollzeitpromotion für verschiedene Computerfirmen zu machen. Im Klartext: Ich habe Jahre in irgendwelchen Elektronikmärkten in ganz Deutschland Hard- und Software vorgestellt, darüber beraten und mir die Beine in den Bauch gestanden. Einige, die diese Zeilen jetzt lesen, haben mich sicher mal 5 Sekunden gesehen, zwischen München und Hamburg in Mediamarkt oder Saturn Märkten, oder sind von mir beraten worden über Funktionen von MS-Office oder HP-Epson-Lexmark Drucker etc pp.
Während ich zwischen 1999 und 2002 aus dem Koffer und in Hotels lebte, schrieb ich weiter fleißig Bewerbungen. Mitte/Ende 2002 gab mir ein japanisches Unternehmen in Oberhausen endlich eine winzige Chance, für sie tätig zu sein. Zunächst als Teilzeitkraft in ihrer Softwaretest- und Entwicklungsabteilung, 20 Stunden die Woche. Ich koordinierte dort verschiedene Teams und war sowas wie ein Mädchen für alles.
Aus der Teilzeitstelle wurde schnell eine Vollzeitstelle. Zwar schlecht bezahlt, aber immerhin war ich nun ein richtiger Angestellter in einer richtigen Firma. Glücklich machte dies nur meine Eltern, mich nicht. Zum einen nimmt der Staat das meiste vom Einkommen weg und außerdem passte es mir gar nicht, zu der Riesenherde von 9-17 Uhr Arbeitsdrohnen zu gehören. Bin zu individualistisch dafür und nach Jahren des unsteten Lebens langweile ich mich schnell. Auch vertrug sich das Befehlsempfängertum nicht mit meinem Freigeist im Kant'schen Sinne.
2003 zum letzten Mal Angestellter - es war ein Freitag
Nach einem Jahr Tätigkeit bei dem japanischen Unternehmen bot sich die Chance, meine eigene Firma hochzuziehen: Die Japaner wollten einige Teile Ihres Softwaretestens und der Entwicklung outsourcen, um sich auf Ihre Kerngeschäfte zu fokussieren. Das war damals sehr in Mode. Eine eigene Firma, der eigene Chef, Freiheit. Das war mein Traum schlechthin.
Es wurde eine internationale Ausschreibung für die Projekte verkündet, an denen ich mich auch bewarb, als Angestellter des Unternehmens mit der Perspektive einer eigenen Firmengründung. Und ich gewann die Ausschreibung. Mein Vorschlag hatte das mit Abstand beste Preis/Leistungsangebot. Darauf achte ich auch heute noch, wenn ich Akquisition betreibe.
Am 27. Juni 2003, einem Freitag, arbeitete ich zum letzten Mal als Angestellter und habe drei Tage später zum 30. Juni meine Tätigkeit als Firmenchef aufgenommen, einen Tag vor meinem 32. Lebensjahr. Mein Unternehmen war ein klassisches Spin-off und hatte gleich von Anfang an einen Großkunden, meinen Ex-Arbeitgeber. Unser Geschäft ist die Übernahme von Softwaretest- und Entwicklungsprojekten.
Keine Bank wollte mir Geld geben
Schnell hatte ich neue Kunden, einige Angestellte und expandierte. Das erste Geld, um meine Angestellten zu bezahlen hat mir übrigens keine Bank gegeben und ich musste es mir von meiner Familie und Freunden leihen. Wir haben internationale Kunden aus aller Welt, mit Multikulti-Angestellten in einer flachen Welt, die wirklich immer mehr zu einem globalen Dorf wird. Ich selbst bin Teil davon. Gebe und nehme. Deutschland ist eine wundervolle Ecke eben dieses globalen Dorfes und ich bin gerne hier. Meine Geschäfte könnte ich allerdings von fast jeder Ecke des Dorfes tätigen.
Seit 2003 ist mein IT-Unternehmen jedes Jahr um 30-50 Prozent gewachsen und macht momentan eine knappe Million Euro Umsatz. In das Jahr 2009 schaue ich optimistisch und zuversichtlich, denn ich weiss, das mich nichts und niemand unterkriegen kann. Und wenn ich untergehen sollte, arbeite ich mich garantiert wieder hoch. So einfach ist das. Desweiteren relativieren sich viele angebliche Schrecken und Ängste des Lebens, wenn man sich aus der alleruntersten Schlammschicht der Gesellschaft nach oben gekämpft hat.
Übrigens: 2005 habe ich geheiratet, in sechs Wochen erwarten wir unser erstes Kind. Ich bin glücklich und stolz.
Weiter zur Geschichte von Günem Talay: „Eine fremde Kultur erschreckt die Deutschen“
Respekt.
Ralph Burgwald (SorryDude)
- 27.02.2009, 15:38 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.390,78 | +1,02% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2546 | +0,04% |
| Rohöl Brent Crude | 107,28 $ | +0,02% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?