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Island vor der Pleite? Tanz auf der Vulkaninsel

 ·  Ein Notstandsgesetz ermächtigt Islands Regierung, Banken zu übernehmen. Der Ministerpräsident sagt: Das System muss sich ändern. Dabei hat er es selbst mit geschaffen. Nun bekommt das Land die Quittung für rasantes Wachstum auf verseuchtem Boden.

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Mit einem Stoßgebet entließ der Ministerpräsident seine Landsleute in die Nacht. „Gott segne Island“, sagte Geir Haarde am Montagabend nach einer gut 20 Minuten dauernden Fernsehansprache. Seitdem wissen es zwischen Reykjavik und Akureyri, zwischen Hafnafjördur und Kopavogur alle auf der Insel der Fjorde und Geysire: Der Abgrund ist nah.

Denn Haarde, seit gut zwei Jahren im Amt, fünffacher Vater und Vorsitzender der konservativen Unabhängigkeitspartei, ist ein erfahrener Politiker. Seit 1987 sitzt er im Parlament, davor war er im Finanzministerium angestellt, in Amerika hat er Wirtschaftswissenschaften studiert. Wenn sogar er den Staatsbankrott als realistisches Szenario beschreibt, die Hände auf dem Tisch faltet und Beistand von oben sucht, ist am Ernst der Lage nicht mehr zu zweifeln.

Notstandsgesetzgebung mit umgehender Wirkung

Haarde berichtete über die vom Allthing, dem isländischen Parlament, mit umgehender Wirkung genehmigte Notstandsgesetzgebung, um schwer angeschlagene Banken komplett übernehmen oder Fusionen anordnen zu können. An Glitnir, dem größten Finanzinstitut des Landes, hält der Staat schon seit gut einer Woche 75 Prozent, umgerechnet 600 Millionen Euro kostete diese Rettungsaktion.

Video: Island kämpft gegen einen Wirtschaftskollaps

Am Montagmorgen nahm die Börsenaufsicht in Reykjavik die Aktien von fünf weiteren großen Banken, darunter die auch in Deutschland vertretene Kaupthing Bank, nach spektakulären Kursstürzen aus dem Handel. Nur 24 Stunden später war Landsbanki verstaatlicht, die Nummer zwei unter den Finanzkonzernen. Kaupthing habe sich die Finanzaufsicht dagegen noch nicht mit einer ähnlichen Absicht genähert, hieß es am Dienstag aus der Unternehmenszentrale. Allerdings habe die Notenbank „einen großen Kredit“ gewährt, um den Fortgang der Geschäfte zu sichern – von bis zu 500 Millionen Euro war am Markt die Rede.

Rasantes Wachstum auf verseuchtem Boden

So überschlagen sich inzwischen die Nachrichten von der Vulkaninsel am Nordrand Europas. Warum ausgerechnet Island? Geir Haarde sollte darauf auch ohne übermenschliche Hilfe eine Antwort geben können. In seine Zeit als Finanzminister nämlich, die Jahre zwischen 1998 und 2005, fällt die Liberalisierungswelle, die aus dem beschaulichen Finanzsektor der Insel ihren wichtigsten Wirtschaftszweig gemacht hat. Noch im Mai standen Glitnir, Kaupthing und Landsbanki für vier Fünftel des Börsenwerts aller isländischen Aktiengesellschaften.

Die Schattenseite davon: In den Bilanzen der Banken haben sich Verbindlichkeiten aufgetürmt, die nach Haardes Worten zusammengenommen fast zwölfmal so groß sind wie das isländische Bruttoinlandsprodukt von zuletzt 14,6 Milliarden Euro. Ökonomen veranschlagen eine Summe von 75 bis 100 Milliarden Euro – das wären gut 300.000 Euro je Einwohner. Das also ist die Quittung für rasantes Wachstum auf verseuchtem Boden. Denn die Gewinnaussichten im internationalen Finanzgeschäft waren zu verlockend, als dass die Verantwortlichen in den Banken auf die Warnungen vor faulen Krediten gehört hätten, und die staatliche Aufsicht ließ sie gewähren. „Das ganze Bankensystem muss verändert werden“, sagt Haarde nun – auch so kann es klingen, wenn ein Politiker eigene Fehler eingesteht. Allein ist er nicht in dieser Situation: David Oddsson, einer seiner Vorgänger als Ministerpräsident und nicht nur kraft des Parteibuchs mit ihm befreundet, ist heute Chef der isländischen Notenbank.

Die Isländer räumen ihre Konten leer

Dass aus der Insel der Glückseligen, als die Island einige Jahre lang galt, eines der schwarzen Löcher der Finanzkrise geworden ist, macht dennoch nicht nur in Island viele ratlos: Stehen dem Land nicht kaum zu erschöpfende Energiequellen zur Verfügung? Hatten, je nach Standpunkt, Gott oder die Natur Island nicht schon mit dem unermüdlichen Strom warmen Wassers gesegnet, den die Geysire aus den Tiefen der Erde gen Himmel spuckten? Konnten es sich die Behörden deshalb nicht sogar leisten, im Winter die Bürgersteige in Reykjavik zu beheizen? Standen nicht die Aluminiumproduzenten aus aller Herren Ländern an, um an den Wasserfällen der Insel ihre Fabriken zu bauen? Waren schließlich die reichsten Männer des Landes, Björgolfur Thor Björgolfsson und Jon Asgeir Johannesson, mit ihren Investmentgesellschaften nicht wie eine neue Generation von Wikingern auf dem Kontinent auf Beutezug gegangen, um ein Imperium von Unternehmen aufzukaufen?

Doch – all das war kein Traum. Aber die Wirklichkeit dieses Booms endet nun noch schneller, als sie einst gekommen ist. „Unsere Reallöhne sind zwischen 1994 und 2007 um 75 Prozent gestiegen“, hatte Geir Haarde noch im vergangenen Mai gesagt, kurz vor den Parlamentswahlen. „Ich kenne kein vergleichbares Land.“ Ins Düstere gewendet, treffen die Worte aus dem Wahlkampf jetzt wieder die Situation. Die Isländer haben begonnen, ihre Konten abzuräumen, trotz einer staatlichen Garantie für alle Einlagen, trotz der Zusicherung, dass die Banken ihre Aktivität im Ausland reduzieren und Firmenanteile verkaufen werden. Die Rede des Ministerpräsidenten minderte die Sorgen kaum. „Es ist möglich, dass die isländische Wirtschaft zusammen mit den Banken untergeht“, sagte Haarde.

„Die Chefs der Banken sind Idioten“

Die Dramatik der Worte findet in Zahlen Rückhalt. Allein am Montag hat die isländische Krone 23 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren, seit Jahresbeginn liegt sie mit 70 Prozent im Minus. Gegenüber dem Euro ist der Wertverlust ähnlich groß. Um den Währungsverfall aufzuhalten, hat die Zentralbank schon vor Monaten den Leitzins auf 15,5 Prozent geschraubt. Ihr eigentliches Ziel erreichte sie damit nicht; aber viele Isländer finanzierten in der Folge ihre Häuser und Wohnungen über Kredite in Fremdwährungen. Jetzt übersteigen ihre Schulden den Wert ihrer Immobilien.

„Die Leitung der Zentralbank ist unfähig, die Chefs der Banken sind Idioten“, schimpft deshalb etwa Jakob Thor Haraldsson, ein Unternehmer aus Reykjavik. Selbst zurückhaltendere Köpfe glauben nicht mehr daran, dass Island seine Probleme aus eigener Kraft lösen kann. Auf den Internationalen Währungsfonds und ausländische Zentralbanken setzt beispielsweise Vilhjalmur Bjarnasson, ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität des Landes. Das ganze Wochenende über sollen Direktoren der Notenbank mit den Kollegen in Dänemark, Schweden und Norwegen verhandelt haben, zu einem Ergebnis sind sie bislang nicht gekommen. Stattdessen meldete die isländische Notenbank auf ihrer Internetseite am Dienstagmittag, Russland habe einen Kredit über 5,4 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von bis zu vier Jahren zugesichert. Kurz darauf kam das Dementi aus dem russischen Finanzministerium, die Bitte der Isländer werde aber „wohlwollend geprüft“. Jetzt soll so schnell wie möglich eine Abordnung der Regierung nach Moskau fliegen, um die Sache zu klären, versprach Geir Haarde.

Nur ein „Knick in der Konjunktur“

Ob die Isländer nun eher die peinliche kommunikative Panne oder die Tatsache an sich beunruhigt, dass ihre Regierung Zuflucht in Russland sucht, lässt sich zurzeit nicht sagen. Dass ihr Pensionsfonds sich schon zu einer Finanzspritze für die taumelnden Banken bereit erklärt hat, schürt in der Bevölkerung jedenfalls die Angst, ihre Altersversorgung werde aufs Spiel gesetzt. Eine passende Beschreibung dessen, was viele nun fürchten, hält die nordgermanische Mythologie bereit, die auf der Insel im Atlantik jedes Schulkind kennt.

Der „Fimbulvetr“, der „riesige Winter“, eine drei Jahre dauernde Kälteperiode mit Schnee, klirrendem Frost und eisigen Stürme kündigt in der Edda die Götterdämmerung Ragnarök an. Ist das Islands Zukunft? „Nein, nein, nein. Schon 2010 wird unsere Wirtschaft wieder wachsen wie im Rekordjahr 2007“, versicherte Finanzminister Arni Mathiesen in der vergangenen Woche, lediglich ein Knick in der Konjunktur sei festzustellen. Vier Tage später ist daraus die größte Wirtschaftskrise in der neueren Geschichte des Landes geworden. Mit Prognosen ist die Regierung nun vorsichtiger. Geir Haardes vorläufig letzte Bestandsaufnahme am Dienstag: „Nichts ist sicher.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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