12.03.2004 · Der Automarkt ist ein Indiz für den Aufschwung in der größten Stadt des Südiraks. Beschränkt ist dieser Aufschwung aber auf den Handel und auf den Umsatz von importierten Produkten.
Von Rainer Hermann, BasraIn der flimmernden Mittagshitze stauben die Automobile noch mehr ein als sonst. Tausende von Gebrauchtwagen warten am Übergang von der Wüste in die Stadt Basra auf ihre Käufer. Die meisten tragen noch das blaue Exportnummernschild von Dubai, viele kommen indes über den Landweg aus Kuweit, selbst aus Jordanien. Dreißig Händler bieten im Stadtteil Mishraq Gebrauchtwagen an. Neuwagen werden zumindest in Basra, der zweitgrößten Stadt des Iraks, nicht verkauft. Die meisten der dreißig Händler hatten bereits unter dem "früheren Regime" bestanden, wie man nicht nur im Süden des Iraks die Herrschaft von Saddam Hussein umschreibt.
Damals habe er nur wenige Autos verkauft, dafür aber mit hohen Margen, sagt Shanshal Latif, dem die "Autoshow Karar" gehört. Heute verkaufe er aber bis zu zehn Wagen an einem Tag. Da schmerzen die geringer gewordenen Margen nicht mehr. Das Geschäft laufe seit vier Monaten gut; die über Jahrzehnte aufgestaute Nachfrage sei groß, sagt Latif. Noch kann sich aber in Basra nicht jeder ein Auto leisten. Mit der allmählichen wirtschaftlichen Erholung sind es aber jeden Tag mehr. Vor allem japanische Automobile seien begehrt. Denn sie seien wirtschaftlich, und Ersatzteile seien seit Jahren im ganzen Land verfügbar.
Berüchtigtes System
In seinem kleinen Büro am hintersten Ende des überdachten Areals regt sich Latif, umgeben von Kunststoffblumen, die auch bei dieser Hitze nicht welken, über die Konkurrenz aus Safwan auf. Dort, am Grenzort zu Kuweit, könnten Käufer zwar ein Schnäppchen machen. Nur von einem niedrigen Zaun umgeben stehen dort ebenfalls Tausende Automobile ungeschützt in der Wüste. Flinke Händler haben sie meist in Kuweit erworben. Nicht immer seien die Papiere aber in Ordnung, warnt Latif. Er lege darauf aber größten Wert, sagt er mit emporgezogenen Augenbrauen und zieht aus seinem Schreibtisch Stapel von Auto- und Hafenpapieren, ausgestellt in Antwerpen und in Dubai.
Ein Partner in Dubai kauft und verschifft die Autos. Da im Irak noch immer keine Banken funktionieren, bezahlt er seine Partner über ein System, das seit Al Qaida bekannt und berüchtigt ist: über Hawala. Dabei beauftragt Latif sein Devisenbüro in Basra mit einer Geldanweisung an ein Devisenbüro in Dubai. Dort kann der Partner gegen ein Codewort den Betrag bar abholen. Dabei könne ein Auto durchaus dreimal soviel kosten wie auf einem europäischen Gebrauchtwagenmarkt, sagt der Autohändler.
Unorganisierter Handel
Der Automarkt ist ein Indiz für den Aufschwung in der größten Stadt des Südiraks. Beschränkt ist dieser Aufschwung aber auf den Handel und auf den Umsatz von importierten Produkten. "Kleinere Handelsgeschäfte profitieren von der Belebung, die großen Unternehmen aber nicht", sagt Dachil al Sulami, der ein großes Handelshaus besitzt. Diese kleinen Geschäfte profitieren insbesondere von den kräftigen Lohnanhebungen im öffentlichen Dienst. Im vergangenen Herbst sind die Löhne und Gehälter von durchschnittlich 3000 Dinar auf 250000 Dinar angehoben worden, also auf rund 150 Dollar.
Der Handel laufe aber völlig unorganisiert, klagt er. Vielleicht brauche die Region 100000 Autos, importiert würden aber 400000, schüttelt er den Kopf. Dem chaotischen Markt von Safwan kann er nichts abgewinnen. Dort würden sogar alte britische Möbel und Lebensmittel verhökert, deren Verfallsdatum überschritten sei. Alles könne importiert werden, und niemand achte mehr etwa auf medizinische Zertifikate. Denn der Handel sei nun völlig frei.
Mashar Shushi al Sudani stimmt nickend zu. Der Vizepräsident der lokalen Industrie- und Handelskammer kann nicht erkennen, daß es bei den Unternehmen, die eine Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen, aufwärtsgehe. Ein gutes Zeichen sei jedoch, daß jeden Tag 10 bis 20 neue Unternehmen gegründet werden. Noch stehen sie aber erst auf dem Papier. Sie wollen dann aber, wenn die Amerikaner am 30. Juni die Macht an die Iraker übergeben werden, vorbereitet sein, um die Lücke zu füllen, die die gigantisch fehlgeleitete Staatswirtschaft hinterlassen hat, die mit dem Sturz von Saddam untergegangen ist.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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