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iPhone 4S Apples zwiespältiger Ruf im Reich der Mitte

20.10.2011 ·  China ist für Apple zum wichtigsten Wachstumsmarkt geworden. Aber es gibt Beschwerden über schlechte Arbeitsbedingungen und schmutzige Zulieferbetriebe.

Von Christian Geinitz, Peking
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© dapd Abschiednehmen: Offizielle Trauerfeier vor dem Apple-Hauptgebäude

Offiziell ist das neue iPhone 4S von Apple in China noch gar nicht auf dem Markt. Zu kaufen ist es dennoch überall. Illegal. Zum Beispiel im Kellergeschoss eines Marktes im Nordosten Pekings, der sich „Nüren Jie“ nennt, Frauenstraße. Auf einer Fläche, die so groß ist wie ein Tennisplatz, drängeln sich Dutzende kleiner Stände. Fast alle haben das neue iPhone im Programm, vor allem ein vermeintlich autorisierter Apple-Händler. Dass er in Wirklichkeit keiner ist, verrät schon das Ladenschild. „Apple Experierce“ steht da in falscher Orthographie.

Der Absatz laufe gut, sagt ein Verkäufer. Er werde am Tag etwa 30 Geräte los, jedes für 7600 Yuan (860 Euro). Die Kunden seien begeistert, bemängelten aber, dass die Spracherkennung Siri, eine der spektakulärsten Neuerungen, kein Chinesisch verstehe. „Das soll erst 2012 funktionieren“, weiß der Händler. „Da hat Apple einen Fehler gemacht.“ Die Chinesen lieben Apple-Produkte. Der zunehmende Wohlstand und das wachsende Markenbewusstsein haben dazu geführt, dass die Volksrepublik zum zweitwichtigsten Apple-Markt aufgestiegen ist. Im zurückliegenden Quartal vervierfachte sich der Umsatz fast auf 4,5 Milliarden Dollar. Das waren 16 Prozent der Gesamterlöse. Die Region wachse „fieberhaft“ und schneller als jede andere, sagte der neue Apple-Chef Tim Cook.

„Blut und Tränen aus China“

In die Begeisterung für Apple mischen sich aber auch Bedenken. Die haben mit der Herstellung der begehrten Geräte zu tun, die ebenfalls überwiegend in China stattfindet. Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass in einigen Montage- und Zulieferbetrieben erbärmliche Arbeits-, Gesundheits- und Umweltbedingungen herrschten. Diese Aufklärungskampagne hat die Konsumenten erreicht, von denen einige nun Zweifel haben an der weißen Weste von Apple und seinem kürzlich verstorbenen Gründer Steve Jobs.

„Am iPhone kleben Blut und Tränen aus China, das wusste auch Jobs“, sagt ein junger Mann in der Nüren Jie pathetisch. „Ich finde seine Vergötterung verlogen und weine ihm nicht nach.“ Vorsichtiger drückt sich Ma Jun aus, Direktor des „Institute for Public and Environmental Affairs“ in Peking. Die Umweltorganisation hatte Apple stark kritisiert und dabei moniert, dass sich Jobs trotz vieler Briefe und E-Mails von Betroffenen nie geäußert habe.

Die Chinesen sind große Apple-Freunde

Das Image von Apple und Jobs sei in China zweischneidig, sagt Ma. „Die Chinesen sind große Apple-Freunde, aber immer mehr fragen sich, zu welchem ökologischen und sozialen Preis die Geräte entstehen.“ Ma lobt, dass der Konzern endlich auf die Gesundheitsrisiken in den Betrieben eingegangen sei: „Apple gesteht Fehler ein und bemüht sich, die abzustellen.“ Noch immer aber kümmere man sich nicht um die Umweltverschmutzung. In einem neuen Bericht weist Mas Institut auf 22 Fälle hin, in denen mögliche Apple-Zulieferer die Natur belasteten. In kurzer Zeit hätten schon 160000 Nutzer das Video dazu im Internet angesehen. „Apple muss darauf eingehen, um nicht weiteres Vertrauen einzubüßen“, erwartet Ma.

Der Technikkonzern ist in China schon häufig angeeckt, vor allem mit seinem Partner Foxconn. Der Lohnfertiger beschäftigt dort eine Million Mitarbeiter. Obgleich er die Löhne und Bedingungen in seinen riesigen Werken verbessert hat, reißen die Vorwürfe nicht ab. Kürzlich griff eine Hongkonger Organisation in ihrem Bericht „iSlave behind the iPhone“ einen Tochterbetrieb scharf an: Arbeiter müssten zehn Stunden lang ohne Pause arbeiten, würden zu unbezahlten Überstunden gezwungen, hantierten ungeschützt mit Chemikalien. Ähnliches berichtete der Theaterkünstler Mike Daisey, nachdem er sich unter falscher Identität Zutritt zu einer Foxconn-Fabrik verschafft hatte. Er will dort auch auf Kinderarbeit gestoßen sein.

Apple gesteht in einer Selbstevaluierung Versäumnisse ein und nennt erstmals auch Namen zweifelhafter Geschäftspartner. Im „Bericht über den Fortschritt der Zuliefererverantwortlichkeit 2011“ heißt es, dass 10 von 127 Unternehmen Kinder unter 16 Jahren beschäftigten. In einem Falle sei die Geschäftsbeziehung daraufhin beendet worden. Mit Foxconn arbeite man eng zusammen, um die Arbeitsbedingungen und die seelische Verfassung der Beschäftigten zu verbessern. Erstmals geht Apple in dem Papier auf die Vorfälle beim Lieferanten Wintek ein. Dort seien 137 Arbeiter erkrankt, nachdem sie sich mit dem Reinigungsmittel N-Hexane vergiftet hätten. Die Chemikalie, mit der Sensorbildschirme entfettet wurden, werde nicht länger eingesetzt. Die Belüftung sei verbessert worden, alle Geschädigten würden auf Kosten von Wintek behandelt. Die chinesische Presse berichtet, sie hätten zudem Entschädigungszahlungen erhalten.

Apple gedenkt Steve Jobs

Der Elektronikkonzern Apple hat seinen vor zwei Wochen verstorbenen Mitgründer und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Steve Jobs mit einer großinszenierten Gedenkfeier für die Belegschaft in der Zentrale im kalifornischen Cupertino gewürdigt. Es war eine unternehmensinterne Veranstaltung, die aber auch Auswirkungen auf die Kunden hatte: Apple schloss für mehrere Stunden seine Geschäfte, damit deren Mitarbeiter die Feier über das Internet verfolgen konnten. Die Fenster einiger Geschäfte wurden während der Schließung mit Vorhängen verhüllt. Bei der neunzigminütigen Veranstaltung traten die britische Rockband Coldplay und die amerikanische Sängerin Norah Jones auf. Zu den Rednern gehörten der neue Apple-Vorstandsvorsitzende Tim Cook und Designchef Jonathan Ive. Bei der Feier wurde auch eine Tonbandaufnahme von Steve Jobs selbst aus dem Jahr 1997 eingespielt. Jobs sprach dabei den Text für einen berühmten Werbespot mit dem Slogan „Think different“ („Denk anders“). Es war eine Testaufnahme, im ausgestrahlten Spot wurde der Text vom Schauspieler Richard Dreyfuss gesprochen. Steve Jobs ist am 5. Oktober im Alter von 56 Jahren nach einer langen Krebserkrankung gestorben. Er wurde zwei Tage danach im Familienkreis beigesetzt. Am Sonntag fand an der Stanford-Universität eine Gedenkfeier statt, zu der eine Reihe von Prominenten aus Wirtschaft, Politik und Unterhaltungsbranche gekommen waren. (lid.)

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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