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Investoren Deutschland darbt. Aber die Kapitalisten machen Gewinne

10.10.2005 ·  Investoren kaufen nichts lieber als deutsche Unternehmen. Und verlagern Arbeitsplätze ins Ausland, weil sie dort ihre Gewinne machen. Der Bürger hat die Wahl: weniger Geld oder keine Arbeit.

Von Carsten Germis und Rainer Hank
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David Rubenstein ist ein nüchterner Mann. Doch wenn der Chef der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Carlyle auf Deutschland zu sprechen kommt, gerät er ins Schwärmen: „Deutschland ist einer der attraktivsten Standorte der Welt“, sagt Rubenstein. Was gibt es Schöneres, als deutsche Unternehmen zu kaufen?

„Deutschland hat eine breite industrielle Basis, eine gut ausgebildete Bevölkerung, ein gutes Bankensystem und gute Manager.“

Dabei hat der Amerikaner hohe Ansprüche. Eine Rendite von 34 Prozent brachte den Carlyle-Anlegern in der Vergangenheit ihr Kapital Jahr für Jahr. Solche Versprechungen klingen nach China oder Indien. Vielleicht auch nach Slowenien oder Estland. Aber ausgerechnet Deutschland?

Neurotische Reformverweigerung

Tatsächlich berichten deutsche Unternehmen seit geraumer Zeit schon über erfolgreiche Restrukturierungen. Das spricht sich auch im Ausland herum. Mehr als 20 Milliarden Euro haben Finanzinvestoren (“Private Equity“) bislang in Deutschland investiert.

Auch die Aktionäre börsennotierter Unternehmen können nicht klagen. Der Dax kletterte in der vergangenen Woche auf ein Dreijahreshoch. Und die Gewinne der Unternehmen sprudeln.

Paßt das alles zur ostinaten Klage über die katastrophale Verfassung des deutschen Standortes? Noch nicht einmal der Wahlausgang am 18. September hat die Investoren irritiert. Dabei hat doch vor allem das Ausland das Wahlergebnis als Ausdruck neurotischer Reformverweigerung interpretiert. Müßte das Kapital nicht schleunigst das Weite suchen?

Deutsche Unternehmen machen Gewinne im Ausland

„Die positive Gewinnentwicklung der Unternehmen ist kein Widerspruch zur deutschen Misere“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in London. Im Gegenteil. Die deutschen Unternehmen haben sich längst vom Wirtschaftsplatz Deutschland verabschiedet, wenn sie in Deutschland überleben wollen.

Das klingt paradox, trifft aber den Kern: Ihre Gewinne machen deutsche Unternehmen im Ausland, die Mehrzahl ihrer Aktionäre und Mitarbeiter sitzen ebenfalls im Ausland. Früher erhielten deutsche Unternehmen von ausländischen Investoren einen Malus. Heute wissen sie: Wer Deutschland kauft, braucht keine Sorgen zu haben, daß er Deutschland bekommt.

Kein Wunder, daß die neue Blüte der Unternehmen am Arbeitsmarkt keine Spuren hinterläßt. „Die Beschäftigten haben ihre Monopolstellung bei der Belieferung des deutschen Industriebasars verloren“, sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, dessen neues Buch über die Basar-Ökonomie in der kommenden Woche erscheint. „Doch heute konkurrieren die deutschen Arbeiter mit Polen oder Chinesen.“

„Die brutale Gewalt des Marktes“

Mehr noch: Viele Unternehmen sozialisieren die Kosten ihrer Restrukturierung. Sie schicken ihr überzähliges Personal in Vorruhestand und Beschäftigungsgesellschaften. Den Personalabbau finanzieren die deutschen Beitrags- und Steuerzahler mit. Die Staatsausgaben gehen nach oben, weil die Leute, die aus der Globalwirtschaft herausfliegen, aufgefangen werden müssen.

Gleichzeitig brechen dem Staat die Einnahmen weg. Wer dem Lohndruck nicht nachgibt, lande in der Arbeitslosigkeit, sagt Ökonom Sinn: „Das erzwingt die brutale Gewalt des Marktes.“

Angesichts dieser Kälte des Marktes schielt die Politik jetzt offenbar wieder nach mehr sozialer Wärme. „Mehr Seehofer, weniger Merkel“, schallt es aus der Union. Die Partei zieht sich in die Wärmestube des liebgewonnenen Sozialstaates der siebziger Jahre zurück. Schon plädiert auch Angela Merkel für eine Neuauflage des Bündnisses für Arbeit - Inbegriff aller korporatistischen Illusionen der Konsensgesellschaft - von betrieblichen Bündnissen ist hingegen keine Rede mehr.

Blümsche Naturromantik

„Die Blätter des Neoliberalismus fallen“, freut sich der frühere CDU-Sozialminister Norbert Blüm. Dabei haben - um im Blümschen Naturromantikbild zu bleiben - die Bäume des Neoliberalismus in Wirklichkeit in Deutschland noch gar nicht ausgeschlagen. Doch Horst Seehofer, der prominenteste Linke in der Union, der Blüm politisch sehr nahesteht, ist plötzlich wieder für einen hervorgehobenen Posten in einem Kabinett der großen Koalition im Gespräch.

Der Linksschwenk der Union drückt auch die SPD noch weiter nach links. Will sich die SPD in einer gemeinsamen Regierung von dieser „sozialdemokratischen“ Union absetzen, muß auch sie wieder nach links rücken.

Eine große Koalition wird ihren Ort irgendwo links von der Mitte finden. Was Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 gegen Widerstand in den eigenen Reihen durchgesetzt hat, wäre in einer Union-SPD-Regierung wohl kaum durchsetzbar. Und die Bürger haben lieber den Status quo als wirtschaftliche Reformen gewählt.

Der Blick nach Japan

„Man kann den Status quo wählen. Aber man kann nicht die Chinesen abwählen“, kontert Ökonom Sinn. Aber vielleicht hängt die Angst der Menschen auch damit zusammen, daß die Ökonomen ihnen mit der Globalisierung drohen? So sieht es der indische Ökonom Jagdish Bhagwati: „Es gibt keine großen Gruppen von Verlierern“, sagt er.

Doch auch Bhagwati, der für seine Forschungen zur Außenhandelstheorie auf den diesjährigen Ökonomienobelpreis hofft, gibt zu, daß sich die Mittelklasse in den reichen Ländern zumindest für eine Übergangszeit mit niedrigeren Einkommen zufriedengeben muß.

Müssen die Deutschen sich in das Schicksal fügen? Die Optimisten blicken nach Japan. 15 Jahre lang verharrte das Land in einer Art Zombie-Stimmung. Nach harten Reformjahren überrascht Japan plötzlich mit neuem Wachstum und Erfolgen am Arbeitsmarkt. „Japanische Verhältnisse waren früher eine Drohung, heute eine Verheißung“, sagt Thomas Mayer. Der Unterschied zu Deutschland: Die Japaner haben bei ihren Wahlen am 18. September für die Beschleunigung des Reformkurses votiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.10.2005, Nr. 40 / Seite 39
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