Home
http://www.faz.net/-gqe-10q5l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Investmentbanker „Wir haben Mist gebaut“

07.10.2008 ·  Ein Investmentbanker spricht: über Millionenboni, verkrachte Existenzen und über seine Albträume. Ein Protokoll, aufgezeichnet von Tim Höfinghoff.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)

Die vergangene Woche hat mich schockiert. Besonders überrascht mich, wie schnell man inzwischen neue Horrorgeschichten verarbeitet. Früher hätte man es mental erst einmal drei Wochen verarbeiten müssen, wenn eine Bank umfällt. Nun ist es so, dass jeder drei Tage darüber spricht und das Thema dann schon fast wieder vergessen ist. So viel passiert gerade jetzt in unserer Branche.

Unter uns Investmentbankern herrscht Lethargie. Alle warten nur auf den nächsten großen Unfall. Man weiß gar nicht mehr, wie man seine ganzen Albträume sortieren soll. Mich entsetzt dabei besonders der Vertrauensverlust unter den Banken. Es ist ein Desaster, es herrscht Ohnmacht. Das Vertrauen ist zerstört.

„Ich denke mehr über mich nach“

Nun gibt es wegen der Krise viel Häme für Investmentbanker. Aber ich spüre das eigentlich kaum, jedenfalls nicht von meinen Freunden und Bekannten. Sie greifen mich nicht persönlich an, sie beziehen sich eher mit ihrer Kritik auf das ganze System und sagen, dass da viele Wahnsinnige unterwegs seien. Ich muss mich also nicht als sozial Aussätziger fühlen. Aber es stimmt auch: Ich denke mehr über mich nach. Man ist Teil eines Systems, das nicht mehr rational funktioniert hat am Schluss.

Es ist erstaunlich, aber es gibt eher Häme untereinander, unter den Investmentbankern. Man schaut: Wer hat bisher mehr verdient? Und wen hat es nun zerlegt? Das ist der Mechanismus in der Community.

„Uns weint keiner nach“

Mitleid mit den gefallenen Investmentbankern hat natürlich niemand draußen. Warum auch? Uns weint keiner nach. Wer nun seinen Job verliert, fällt ja auch nicht ins Bodenlose. Die meisten dieser Banker sind sehr gut ausgebildet, haben viel internationale Erfahrung. Die finden schon wieder was Neues. Sie werden jetzt vielleicht Abteilungsleiter für Mergers & Acquisitions bei einem Dax-Unternehmen. Und sie verdienen nicht mehr wie früher 1,5 Millionen, sondern nur noch 300.000 Euro im Jahr. Na und? Damit kann man in Deutschland immer noch ein super Leben führen. Das Mitleid hält sich in solchen Fällen natürlich in Grenzen.

Auch hier in Frankfurt gibt es Entlassungsrunden. Bei Lehman etwa haben so manche Investmentbanker alles verloren: Wenn einer seine Boni aus fünf Jahren innerhalb von zwei Wochen durch den Schornstein gehen sieht, dann ist er natürlich extrem verärgert. Für diesen Banker kann es im Extremfall auch heißen, dass er sein Haus in Königstein im Taunus verkaufen muss. Manche müssen nun ganz kleine Brötchen backen. Aber es hat eben Exzesse gegeben, und dafür müssen nun auch einige bezahlen.

„In Frankfurt sind wir doch relativ langweilig“

Unter den Investmentbankern sieht aber jeder die Exzesse bei den anderen, nur nicht bei sich selbst. Ich finde, da ist schon viel Selbstverleugnung im Spiel. Niemand sagt: Ja, ich war schuld. Jeder bezieht das auf den Wettbewerber, gegen den man vielleicht schon mal verloren hat. Aber heute kann sich keiner in der Branche mehr hinstellen und sagen: Wir sind unschuldig. Eher gilt: Wir haben Mist gebaut.

Alle Welt macht uns für die Krise verantwortlich. Wir sind gierig, wollen nur schnell reich werden: So werden wir gesehen in der Öffentlichkeit. Mir sind solche Vorwürfe zu pauschal, zu einseitig. Das mag zwar alles auf einige zutreffen, aber ich kenne auch viele, die gar nicht so sind. Gut, es gibt die Gierigen, die sich nur über das Materielle identifizieren: mein Haus, mein Auto, meine erste, meine zweite Ehefrau und so weiter. Aber es gibt auch die hochgebildeten Investmentbanker, die Problemlöser, die sich für Finanzmodelle interessieren.

Wenn ich eine Hitparade der Gier aufstellen müsste, dann finge es mit New York an, danach käme London und dann der Rest von Europa. Gerade hier in Frankfurt sind wir doch relativ langweilig. Die Exzesse und Übertreibungen sind im angelsächsischen Investmentbanking viel größer. Wir Investmentbanker bekommen viel zu hohe Boni, heißt es auch. Dabei ist die Beteiligung der Mitarbeiter an den Gewinnen der Investmentbanken doch grundsätzlich nicht schlecht.

„Der Marktdruck ist sehr groß“

Aber es stimmt natürlich: Die Gehälter standen oft in keinem Verhältnis zu den Werten, die von den Bankern geschaffen wurden. Nehmen wir die strukturierten Produkte, also die Wertpapiere, die um die ganze Welt gegangen sind: Jeder wusste doch, dass das übertrieben ist. Je mehr diese Anlagen strukturiert wurden, desto intransparenter wurden sie. Das hat den Investmentbankern aber hohe Gewinne beschert. Kunden konnten nur schwer erkennen, wofür sie eigentlich zahlen.

Es wäre unredlich, nicht zu fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass wir so lange solchen Schrott an die Kunden verkaufen konnten? Die Jungs, die diese neuartigen Wertpapiere anfangs eingesammelt haben und sagten, dass sie gut sind - das ist das eine. Aber danach haben alle gesagt: Solange ich einen Kunden finde, ist der Prozess sicher. Jeder hat es an Objektivität fehlen lassen, die nötig gewesen wäre. Das konnte nicht gutgehen. Aber der Marktdruck ist auch sehr groß. Als Investmentbanker muss man liefern: nicht nur für das eigene Haus, auch die Kapitalmärkte haben hohe Erwartungen.

Wie hätten die Alternativen denn aussehen sollen? Gerade bei den strukturierten Wertpapieren, soll man da sagen: Ich mache nicht mit? Dann sortiert der Markt einen gleich aus. Warum haben denn so viele andere Banken diesen Schrott gekauft? Die Antwort ist: weil deren Vorstände nicht bereit waren, zu sagen: Wir haben kein tragfähiges Geschäftsmodell mit guten Erträgen. Das trifft besonders auf die deutschen Landesbanken zu.

„Amoralisch, dass nun alles auf den Steuerzahler geht“

Ob wir Investmentbanker nun Buße tun werden? Jeder, der Bestandteil dieses Systems ist, muss sich fragen, was er gemacht hat. Denn wir müssen wieder Vertrauen schaffen und transparente Produkte bieten, damit der Kunde auch wirklich weiß, was er kriegt und welches Risiko er eingeht. Ich gehe aber davon aus, dass wir für solche Veränderungen einige Jahre brauchen werden. Das kann auch der Regulator, also der Staat, nicht beschleunigen. Der Regulator ist immer mehrere Jahre hinter der Entwicklung der Finanzmärkte zurück. Die Veränderung muss aus dem Markt selbst kommen.

Was den Staatseingriff angeht: Das ist ja schon fast amoralisch, dass nun alles auf den Steuerzahler geht. Das kann wirklich keiner begründen. Da spricht nicht nur der Steuerzahler in mir, auch der Investmentbanker: Es geht doch nicht, dass der Steuerzahler die Verluste trägt. Eine Bank fällt um und kriegt 30 Milliarden Euro, und dann soll alles so weitergehen wie bisher? Wie wollen wir denn die Exzesse rauskriegen? Hinterher muss der Steuerzahler doch denken, er zahlt unsere Boni.

Fest steht jedenfalls: Das Investmentbanking wird sich verändern. Der Markt schrumpft zusammen. Erst mal könnte man glauben, dass es bald, so in ein bis zwei Jahren, wieder zu einer Krise kommt. Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommt, denn die Blutspur, die die Investoren bisher hinter sich gelassen haben, hat sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Alle sind vorsichtiger. Und es wird Jahre dauern, bis wieder Vertrauen da ist. Das bedeutet auch: Die Kaste der Investmentbanker wird nun viel transparenter werden müssen, es wird weniger Gier geben, auch weniger Rendite.

„Pessimistisch, was die Zukunft angeht“

Ich glaube, auch der Nimbus von Gier und Exzess wird bald verschwinden. Das lassen die Kunden nicht mehr zu. Denn derzeit herrscht in der Branche schon tote Hose. Es gibt keine Fusionen und Übernahmen. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Ich habe noch nie erlebt, dass es bei den Investmentbankern so viele Meetings gegeben hat wie in den vergangenen zwei Monaten. Der Kunde spielt kaum eine Rolle, alle lecken ihre Wunden. Und wenn man sich trifft oder mit Konkurrenten redet, dann sagen alle: Es ist eine Scheißzeit. Das sagen die anderen dann auch, und alle fühlen sich gut. Aber Investmentbanking wird nicht ganz verschwinden. Uns brauchte man in den vergangenen 50 Jahren, und das wird auch in Zukunft so sein: Jeder Unternehmer, der wachsen will, braucht Kapital und jemanden, der Zugang zu Investoren schafft. Das bieten wir.

Ich bin jedoch pessimistisch, was die Zukunft angeht, besonders für die Realwirtschaft. Das Thema Banken wird bald vorbei sein, aber dann geht es um die Ökonomie. Es ist abzusehen, dass manche Branche bald Finanzierungsengpässe hat. Zum Beispiel die Automobilzulieferer. Da hat mancher zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Die werden ein Riesenproblem bekommen, denn sie können sich bald nicht mehr finanzieren. Auch beim Konsum wird es noch katastrophal, besonders im Weihnachtsgeschäft.

Es hört sich komisch an, aber ich habe kürzlich auch überlegt, ob mein eigenes Geld bei der Bank überhaupt noch sicher ist. Das klingt pervers, dass man sich das fragt, aber es ist auch gesund. Dass sich jeder mal fragt, was er eigentlich tut und welches Risiko damit verbunden ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 8 89

28.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.323,19 −0,26%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.376,76 −0,07%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2531 −0,08%
Rohöl Brent Crude 107,33 $ +0,07%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.