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Investieren in Kunst Banker im Auktionsfieber bei Sotheby's und Christie's

23.06.2006 ·  Kunst kaufen, um damit auf Preissteigerungen zu spekulieren, ist heikel. Kunst ist illiquide, Moden unterworfen, die Preise sind subjektiv. Doch derzeit volatile Finanzmärkte stärken den Kunstmarkt und immer mehr Großbanken bieten ihrer vermögenden Kundschaft Beratung in Sachen Kunst an.

Von Bettina Schulz, London
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Nicht alle Engländer starrten am Dienstag abend gespannt auf den Fernsehbildschirm, als das Fußballspiel England gegen Schweden angepfiffen wurde. In einer kleinen Londoner Kneipe im Herzen von Mayfair stimmten begeisterte Fußballfans in deftiger Bierlaune die Nationalhymne an. Aber auf der anderen Seite der King Street drängten sich gerade die letzten Kunstliebhaber in einen überfüllten Auktionssaal von Christie's.

Dies war die Woche, in der die Londoner Auktionshäuser hochkarätige Gemälde aus der Zeit der Impressionisten, aber auch der deutschen Modernen Kunst versteigerten. Der Rekordpreis, den Sotheby's nur einen Abend zuvor für ein Modigliani-Porträt von seiner Geliebten erzielt hatte, deutete auf außergewöhnliches Interesse der Kundschaft. Das Gemälde bei Sotheby's war für 23,5 Millionen Euro verkauft worden - weit mehr als der Schätzpreis von 12 bis 17 Millionen Euro.

Von Christie's zur Citigroup

In der Menge der Kunsthändler, Vertreter von Museen und vermögenden Kundschaft saß Mary Hoeveler, zehn Jahre Mitarbeiterin von Christie's, heute aber die Leiterin für Kunstberatung bei der Citigroup. "Der Markt für ausgesucht gute Gemälde ist stark - die Gebote sind überraschend hoch", flüsterte sie und wartete auf die Versteigerung eines kleinen Gemäldes von Egon Schiele für einen Kunden der Citigroup.

Während der Auktion zeigte sich schnell, daß die Gebote für hochkarätige Gemälde in Sekunden die Schätzpreise überstiegen, angetrieben von eifrigem Interesse im Saal, aber auch Offerten, die Mitarbeiter von Christie's während der Auktion per Telefon einholten. Bei der Versteigerung des Schiele Gemäldes mußte Hoeveler jedoch passen. Das Kleinod, das sie ersteigern wollte, erzielte fast das Vierfache des Schätzpreises, mehr als ihr Kunde bereit gewesen wäre zu zahlen.

Der Hammer fällt bei 15,2 Millionen Euro

Als das wiederentdeckte Meisterstück von Schiele, genannt "Herbstsonne", zur Auktion angekündigt wurde, hielten viele Kunsthändler im Saal den Atem an. In Sekundenschnelle trieben Bieter den Preis um Millionen in die Höhe und erst bei 10,5 Millionen Pfund, umgerechnet 15,2 Millionen Euro, ließ der Auktionator seinen Hammer fallen. Ein Raunen ging durch den Saal.

Nachdem sich der Markt zehn Jahre erholt hat, werden für viele Künstler der Moderne und zeitgenössischen Kunst Höchstpreise gezahlt. Die Versteigerung von Gustav Klimt's Porträt "Adele Bloch-Bauer" , das diese Woche in New York von Ronald Lauder für einen absoluten Rekordpreis von 135 Millionen Dollar ersteigert wurde, hat die gesamte Branche überrascht. Aber auch in London erzielten Sotheby's und Christie's diese Woche Rekorderlöse bei ihren Gemäldeauktionen. Beide Auktionshäuser verdoppeln ihre Auktionserlöse gegenüber dem vergangenen Jahr. "Es ist ein Rekord in unserer Geschichte", betont Stephanie Manstein von Christie's.

Volatile Finanzmärkte stärken den Kunstmarkt

"Der Markt ist ungewöhnlich stark", sagt Hoeveler, "und angesichts der volatilen Lage an den Finanzmärkten fließt nun noch mehr Geld in die Kunst". Am Tage zuvor hat sie für Bankkunden bei der Gemäldeversteigerung bei Sotheby's für fünf Gemälde mitgeboten und für zwei Gemälde den Zuschlag erhalten. Hoeveler leitet die Kunstberatung bei Citigroup - eine Dienstleistung, die immer mehr Großbanken ihrer vermögenden Kundschaft anbieten, so auch die Deutsche Bank, UBS, JP Morgan Chase und HSBC.

Von der Deutschen Bank berichtet Christina Schroeter-Herrel, die Leiterin Kunstberatung vom Private-Wealth Management in Frankfurt, daß auch sie gerade auf der Art Basel mit Kunden unterwegs war, um Objekte zu kaufen. "Kunden schätzen den unabhängigen und objektiven Rat, den ihnen die Banken beim Aufbau ihrer Kunstsammlungen geben können," meint Schroeter-Herrel, die als Kunsthistorikerin mit vier Mitarbeitern Bankkunden bei Käufen auf Messen und Auktionssälen vertritt. "Wir verdienen nicht am Umsatz. Unsere Großkunden zahlen eine feste Gebühr für die Verwaltung und den Ausbau ihrer Sammlungen im Jahr. Das macht uns bei der Beratung unabhängiger als es Händler und Auktionshäuser mitunter sind," sagt Hoeveler.

„Kunst ist illiquide, Moden unterworfen, die Preise subjektiv“

In der Tat sieht die Direktorin von Citigroup Investitionen in die Kunst mit großer Gelassenheit. "Wir empfehlen Bankkunden nicht, in Kunst zu investieren. Das ist nicht unsere Aufgabe. Kunst ist viel zu illiquide, Moden unterworfen, die Preise sind letztlich subjektiv, nicht wie bei Aktien quantifizierbar und zu bewerten und der Markt ist nicht transparent". Aber die Bank hilft vermögenden Kunden mit ehemaligen Fachleuten vom Whitney Museum und Museum of Modern Art in New York, Sammlungen zu erfassen, zu bewerten, zu registrieren und erteilt Rat, wie und mit welchen Stücken und auf welchen Auktionen Sammlungen umstrukturiert oder aufgestockt werden können.

Es ist ein umfassender Service, bei dem die Banken Sammlern helfen, Gemälde für Ausstellungen an Museen zu verleihen, zu versichern, zu verpacken und zu verschicken. Die Dienstleistungen umfassen, Fachleute für die Konservierung und Aufbereitung der Gemälde zu finden. Hoeveler hat eine Gruppe von Spezialisten für Alte Meister, Malerei des 19. Jahrhunderts, Impressionisten, Moderne und Zeitgenössische Kunst und Chinesische Keramik. Mehrere Dutzend Kunden der Citigroup nehmen die Dienstleistung in Anspruch.

Sonderprodukt „Art Finance“

Die Citigroup bietet als Sonderprodukt "Art Finance" an. Dabei können Kunden ihre Sammlungen als Sicherheit der Bank übertragen. Die Gemälde werden mit einem Abschlag von 50 Prozent auf den Schätzwert beliehen, so daß Kunden mit diesen "Kunstkrediten" weitere Gemälde kaufen können, wenn sie das Geld nicht anderweitig verwenden. Andere Bankprodukte der Vermögensverwaltung schließen sich über diesen Weg oft an. "Die Kunstberatung ist für etablierte Kunden mit sehr großen Gemäldesammlungen. Aber wir zielen auch darauf, daß neue Kunden über die Kunstberatung zur Bank stoßen, an die dann unsere Vermögensberatung anknüpfen kann", sagt Hoeveler von der Citigroup. Sie betont, die Kunstberatung der Bank sei profitabel.

In der Tat zahlt sich für die Banken in der Kunstberatung aus, daß sich der Markt seit dem Zusammenbruch im Jahr 1991 und der Baisse bis 1996 in den vergangenen zehn Jahren wieder kräftig erholt hat. Zudem kaufen nicht mehr nur Sammler aus Europa, den Vereinigten Staaten und Japan anspruchsvolle Kunst, sondern immer öfter schaltet sich auch vermögende Kundschaft aus Rußland, China und Indien ein.

"Bei den Impressionisten liegen die Preise immer noch um 36 Prozent unter den Rekordpreisen der achtziger- und neunziger Jahre. Aber die Preise der zeitgenössischen Kunst sind auf höchstes Niveau gestiegen", sagt Hoeveler. Preise einiger deutscher Künstler haben sich allein in den vergangenen 12 Monaten vervierfacht. Da es bei den Klassikern der Modernen Kunst und den Impressionisten kaum noch gute Werke auf dem freien Markt gebe, weiche das Interesse auf die Zeitgenössische Kunst aus, sagt Hoeveler. Dennoch gingen die heutigen Sammler vorsichtiger vor als in den achtziger und neunziger Jahren. "Es wird nicht mehr blind alles gekauft. Die Kunden wählen mehr aus als früher." Wer jedoch Kunst kauft, um damit auf Preissteigerungen zu spekulieren, dem rät Hoeveler ab. "Am meisten lohnt es sich für Liebhaber, die mit Begeisterung und Sachverstand über lange Jahre gute Sammlungen aufbauen - ohne die finanzielle Perspektive, irgendwann wieder verkaufen zu wollen. Wer nur spekuliert, der zieht meist den Kürzeren".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juni 2006
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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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