18.04.2004 · Ex-Nationalspieler Bierhoff über Politiker im Abseits, Millionengehälter für Fußballer und Manager - und warum der Sport Vorbild ist
Ex-Nationalspieler Bierhoff über Politiker im Abseits, Millionengehälter für Fußballer und Manager - und warum der Sport Vorbild ist. Der Ballkünstler hat Betriebswirtschaft studiert und wirbt als Mitglied der Intitiative Neue Soziale Marktwirtschaft für Reformen in Deutschland.
Herr Bierhoff, was kann die Wirtschaft vom Sport lernen?
Aus meiner Sicht lassen sich jede Menge Erfahrungen vom Sport auf die gegenwärtige Lage in Deutschland übertragen. Es gibt Parallelen zwischen dem Sport und der Wirtschaft. Es geht um Menschen. Viele gute Eigenschaften und Regeln, die auf dem Fußballplatz akzeptiert werden, sind jenseits des Rasens aber alles andere als selbstverständlich. Dabei gibt es viele Bereiche, die man vom Sport auf die Wirtschaft übertragen kann.
Zum Beispiel?
Wettbewerb und Eigenverantwortung. Für jeden Profi-Fußballspieler ist der Wettbewerb wie ein Motor. Hätte ich diesen Wettbewerb nicht gehabt, wäre ich wahrscheinlich nie der erfolgreiche Fußballer geworden, der ich geworden bin. 1998, als ich in Italien Rekord-Torschützenkönig wurde, hatte ich die ganze Saison über ein Wettrennen mit Ronaldo von Inter Mailand. Das hat mich immer weiter angetrieben, mehr zu geben. Wettbewerb motiviert dich, er stachelt den Ehrgeiz immer wieder an. Für einen Leistungssportler ist das existentiell.
Im Sport finden das alle okay. Und in der Wirtschaft?
Marktwirtschaft lebt davon, daß Menschen und Firmen miteinander in Konkurrenz treten - den Vorteil haben die Verbraucher. Alle profitieren. Und doch haben gerade in Deutschland Wettbewerb und Leistung für viele den Anschein des Unsozialen. Leistung wird im Wettbewerb erbracht. Es wundert mich, daß wir in Deutschland wie selbstverständlich den Leistungsgedanken im Sport akzeptieren und uns andererseits im Wirtschaftsleben oft schwer damit tun, Wettbewerb als Motor zu betrachten und Leistung anzuerkennen.
Woran liegt das?
Ich kann nicht erklären, warum viele Menschen das im Wirtschaftsleben nicht so positiv sehen. Im Sport wollen die Menschen Leistung sehen, sie wollen Führungsspieler. Es ist merkwürdig, daß derjenige, der in der Wirtschaft herausragt, dagegen immer etwas skeptisch betrachtet wird.
Vielleicht, weil ihm sein Gehalt geneidet wird?
Leistung muß belohnt werden, und sie muß leistungsgerecht belohnt werden. Ein Vorstand muß höher bezahlt werden, weil er einfach mehr leistet.
Gibt es eine Grenze, ab der hohe Gehälter unanständig werden? Darf ein Vorstandschef das Hundertfache eines Facharbeiters verdienen?
Auch Vorstände sollten nach ihren Leistungen bezahlt werden. Deshalb ist es oft unverständlich, wenn die Gehälter erhöht werden, während das Unternehmen Verlust macht. Die Frage ist natürlich grundsätzlich, wie man Leistung mißt. Aber im Sport werden gute Leistungen belohnt, und sie werden auf dem Fußballplatz von den Fans honoriert. Dabei haben Führungspersonen auch soziale Kompetenzen. So hat ein Schwarzenbeck gerne die "Drecksarbeit" für Beckenbauer gemacht, weil er gespürt hat, daß der die Mannschaft und auch sie selber weiterbringt. Das gilt auch für die gesamte Gesellschaft.
Inwiefern?
Sie kann lernen, daß man etwas leisten muß, um erfolgreich zu sein. Die Leistung wird durch Wettbewerb stimuliert. Aber um diese Leistung bringen zu können, bedarf es auch bestimmter Charaktereigenschaften.
Welche sind das?
Man muß Eigenverantwortung übernehmen. Man muß Disziplin an den Tag legen. Man muß Mut haben. Alle diese Dinge, die für einen erfolgreichen Sportler gelten, gelten auch für einen erfolgreichen Unternehmer. Der Sport zeigt, daß Märkte und Wettbewerb funktionieren. Jenseits des Sports werden Wettbewerb und Leistung aber zu oft mit negativen Ressentiments belegt.
Warum ist das beim Sport anders?
Fußball ist immer noch Unterhaltung. Und er weckt sehr viel Emotionen. Die Menschen leben mit, wenn sie sehen, was auf dem Platz passiert. Sie begegnen einem erfolgreichen Fußballer anders als einem erfolgreichen Geschäftsmann. Der wird mit viel mehr Abstand betrachtet. Dabei gilt im Fußball wie in der Wirtschaft: Wer diejenigen nicht fördert, die Verantwortung übernehmen, schwächt die Gesamtleistung und damit automatisch auch die Schwächeren.
Der Arbeitsmarkt im Fußball ist offen: 70 Prozent der Spieler in der Bundesliga sind keine Deutschen. In der Wirtschaft schotten wir dagegen unseren Arbeitsmarkt ab. Zu Recht?
Die ausländischen Spieler haben die ganze Liga interessanter gemacht. Und die Mannschaften der Bundesliga sind international erfolgreicher. Die Spieler, die einen Verein weiterbringen, sollen kommen. Genauso sollten wir es auf anderen Arbeitsmärkten machen. Am Ende profitieren alle davon. So wie ausländische Spieler eine Mannschaft bereichern, können auch deutsche Unternehmen von anderen Sichtweisen profitieren.
Der Arbeitsmarkt in Deutschland kennt viele Tarif- und Rechtsnormen?
Fußball hat einfache Regeln. Wenn ich mir vorstelle, daß 70 Prozent der Steuerfachliteratur auf der Welt in deutscher Sprache sind, dann sieht man, wie überreguliert wir sind. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt. Sind Regeln schwer verständlich und nicht klar definiert, kommt es zu Diskussionen und Unsicherheit der Beteiligten. Denken Sie nur an die komplizierte Abseitsregel - und die ist nichts verglichen mit dem bürokratischen Dickicht, mit dem die Wirtschaft in Deutschland zu kämpfen hat. Wenn man will, daß ein Spiel einen gewissen Fluß bekommt, müssen die Regeln einfach und verständlich sein.
Die Politik soll Regeln abbauen?
Sowenig, wie ein Schiedsrichter ein Spiel zerpfeifen darf, damit sich schöne Spielzüge entwickeln können, sowenig sollte sich der Staat in die Wirtschaft einmischen. Wettbewerb braucht verläßliche Regeln. Aber die Politik muß sich zurücknehmen, damit ein flüssiges Spiel entstehen lassen.
Und das hilft gegen wirtschaftlichen Abstieg?
Ich bin ja selber mal mit einer Mannschaft abgestiegen und habe erlebt, wie es ist, wenn alle die Schultern hängen lassen. Jeder jammert dann und sagt, es läuft nicht so. Und jeder wartet darauf, daß ein anderer was tut. So ist es auch in Deutschland. Die eigenen Ansprüche sind andere, als sie der aktuelle Tabellenplatz darstellt.
Wie löst man das? Macht das der Trainer, oder muß die Mannschaft das selber machen?
Beide sind gefordert. Oft wird eine Änderung durch einen neuen Trainer erhofft. Wir sehen das jetzt wieder in der Bundesliga. Auch in der Politik kann ein neuer Trainer neuen Schwung geben. Aber das wichtigste ist, daß jeder einzelne versucht, seinen Teil so gut wie möglich zu machen. Die Summe aller bringt es dann wieder. Im Fußball sagt man: über den Kampf zum Spiel finden und sich wieder auf seine Stärken konzentrieren.
Wo sind die deutschen Stärken?
Es gibt eine Menge Tugenden, die im Ausland nach wie vor mit Deutschland in Verbindung gesetzt werden. Disziplin, Zuverlässigkeit, Organisation - das sind Stärken, auf die wir uns wieder besinnen müssen.
Reicht in der Globalisierung die Besinnung auf alte Stärken?
Was fehlt, ist Flexibilität. Unsere Regelungswut ist ein Problem, Arbeitszeiten lassen sich zum Beispiel nicht so einfach ändern wie in Italien. Besondere Leistung kommt durch Kreativität zustande. Denken Sie an Beckenbauer oder an Zidane. Sie konnten ein Spiel gestalten, haben Pässe dorthin gespielt, wo sie niemand erwartete. Für die Wirtschaft heißt das: Nicht nur die Kosten drücken, sondern auch neue Potentiale und Märkte erschließen.
Ihr Rat an junge Fußballer - und Nachwuchsmanger?
Die jungen Spieler sollten zuerst einmal Eigeninitiative zeigen und hart an sich arbeiten. Wenn es dann nicht klappt, sollen sie im Ausland Karriere machen - und womöglich später nach Deutschland zurückkommen. So wie ich.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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