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Interview mit Großvater Geißler : Opa, warst du immer schon berühmt?

  • Aktualisiert am

Bei Enkeln und Kindern heißt Heiner Geißler einfach nur „Heiner” Bild: Frank Röth

Mit seinen 80 Jahren ist Heiner Geißler der Held der Nation. „Wollen dich jetzt alle knuddeln?“, fragen seine Enkelin Merle und ihre Freundin Jule. Ein Gespräch über das Lob von der Kanzlerin, die Fehler des Kapitalismus und Spinnen im Gleisbett.

          Alle reden jetzt von Heiner-Geißler-Superstar. Gefällt dir der Spitzname?
          Superstar gefällt mir nicht so, das finde ich uncool und übertrieben. Jesus ist ein Superstar, ich nicht. In vielen Mails tun die Leute so, als könnte ich zaubern. Kann ich aber nicht. Aber ich bin froh, dass die Leute in Stuttgart wieder miteinander reden.

          Wegen Stuttgart 21 kommst du jeden Tag im Fernsehen und im Radio. Warst du schon immer so berühmt?
          Ich weiß, deine Schwester, die Hannah, hat zu dir immer gesagt: "Merle, der Heiner ist berühmt." Aber was heißt schon berühmt?

          Dich kennen alle aus dem Fernsehen.
          Das ist manchmal nicht so toll, weil man im Zug und auf dem Flughafen dauernd angeredet wird. Schön ist es, wenn einen die Leute mögen. Das freut mich. Auch weil es früher, als ich Generalsekretär der CDU war, anders war. Da hatte ich viele Gegner.

          Wie viele Interviews hast du wegen Stuttgart 21 gegeben?
          Ich schätze mal 75.

          Merle Geißler (links) und ihre Freundin Jule Meck beim Interview mit dem Schlichter von Stuttgart 21
          Merle Geißler (links) und ihre Freundin Jule Meck beim Interview mit dem Schlichter von Stuttgart 21 : Bild: Frank Röth

          Wird man nicht nervös, wenn überall Kameras und Mikrofone auf einen gerichtet sind?
          Ich nicht, aber man muss aufpassen, was man sagt.

          Ist Omi genervt von dem ganzen Rummel um dich?

          Sie ist immer genervt, wenn sie mich im Fernsehen sieht, weil sie irgendwie Angst hat, dass was schiefläuft.

          Denkst du, du hast den Schlichterjob gut gemacht?
          Ja, ich glaube schon. Übrigens sagen das fast alle.

          Hat es dir weh getan, dass du anfangs böse beschimpft wurdest, als alter Kauz und so?
          Nein. Merle, dein Urgroßvater, der Offizier war, hat immer gesagt: Es ist ein schönes Gefühl, wenn auf einen geschossen wird, ohne zu treffen. Manche sind einfach neidisch. Andere mögen mich nicht, weil ich den Kapitalismus abschaffen will.

          Was ist das, der Kapitalismus?
          Das ist unser Finanzsystem, in dem geldgierige Leute unser Geld verzocken, das heißt verspielen dürfen.

          Warum hast du dir die Schlichtung überhaupt zugemutet? In der Zeitung stand, das war ein Höllenjob.
          Die haben mich alle gebeten in Stuttgart, die Landesregierung, die für den neuen Bahnhof ist, und die Grünen, die dagegen sind. Und du weißt ja, Merle, wir sind mit Stuttgart eng verbunden, dein Onkel Dominik und dein Onkel Michael sind dort geboren, ich habe dort den Beruf angefangen als Richter. Ich wäre mir schäbig vorgekommen, hätte ich abgelehnt. Gemeldet habe ich mich nicht.

          Gab es nicht noch einen anderen Grund? Omi sagt, je mehr Streit es gibt, desto glücklicher bist du.
          Aha, jetzt erfahre ich mal endlich, was ihr über mich redet. Aber was sie meint, gilt nicht für die Familie, das weißt du, aber schon für die Politik. Da ist man nun mal nicht in einem Gesangverein Harmonie. Da geht es um das Schicksal von Millionen Menschen. In der Diktatur bestimmt einer alleine, zur Demokratie gehört der Streit.

          Haben die in Stuttgart sehr gestritten?

          Wie die Verrückten. Und wir haben etwas ganz Ungewöhnliches geschafft: Diejenigen, die den Bahnhof bauen wollen, die Bahnchefs, der Ministerpräsident, sitzen gleichberechtigt mit den Rebellen an einem Tisch, zu denen sie vorher noch gesagt hatten: "Haltet die Klappe und pariert!" Je länger die Schlichtung gedauert hat, desto mehr hat es die Menschen überzeugt. Und ich habe hochinteressante Dinge erfahren, die ich vorher nicht gewusst habe.

          Was zum Beispiel?
          Sachverständige haben da mal ein Bild an die Wand geworfen: Die Gleiswüste lebt! Obwohl man es nicht denken sollte, leben im Schotter zwischen den Schienen ungefähr 630 Pflanzen- und Tierarten.

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