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Interview „Manchmal verleitet das Forum zu Übertreibungen“

25.01.2005 ·  Walter Kielholz, Verwaltungsratspräsident der Großbank Credit Suisse, zählt zu den besonders eifrigen Besuchern von Davos. Was genau ist World Economic Forum eigentlich?

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Unter Schweizer Managern zählt Walter Kielholz zu den besonders eifrigen Besuchern des Forums. Nach Davos fuhr er bereits regelmäßig, als er noch - in der Nachfolge von Lukas Mühlemann - Chef der Schweizer Rück war. Seit zwei Jahren ist er Verwaltungsrats-Präsident der Großbank Credit Suisse.

Was genau ist das Forum? Ein Betriebsausflug der Manager, ein Bildungsseminar oder ein Hochamt der globalen Elite?

Man könnte auch noch Jahrmarkt der Eitelkeiten hinzufügen. Wenn Sie die Teilnehmer am Forum anschauen, stellen Manager nicht die Mehrheit, es gibt mehr Wissenschaftler, Politiker, Vertreter internationaler Organisationen und Journalisten. Topmanager kommen gar nicht so viele, am ehesten noch Amerikaner, Deutsche und Schweizer.

Aber ist die Einschätzung der Teilnehmer berechtigt, eine globale Elite zu sein?

Teilweise ist sie berechtigt, teilweise bloß eine Selbstüberschätzung.

Wie groß ist der Einfluß des Treffens auf Politik und Wirtschaft?

Der direkte Einfluß selbst ist nicht so groß, die Wirkung liegt darin, daß sich die Leute untereinander beeinflussen. Ich besuche seit zehn Jahren regelmäßig das Forum und habe bei jedem Treffen etwas Wichtiges mitgenommen. Und zwar nicht bei dem, was ich Jahrmarkt der Eitelkeiten nennen würde oder bei großen Anlässen. Es war zum Beispiel nicht zu erwarten, daß im letzten Jahr der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney etwas völlig Neues erzählen würde. Ich gehe gerne zu kleinen Veranstaltungen, auch wenn diese manchmal fast etwas esoterisch angehaucht sind.

Man sagt, daß die informellen Treffen in Davos inzwischen wichtiger sind als die formellen.

Das glaube ich nicht. Ich versuche jedenfalls, meinen Kalender nicht mit bilateralen Meetings zu füllen. Die Leute kann ich auch anderswo und dazu in viel ruhigerer Umgebung treffen. Der Reiz des Treffens besteht in der Vielfalt, in der Fortbildung, gerade bei den kleinen Veranstaltungen im Kongreßhaus. Einmal geriet ich sogar in eine Debatte über Brustkrebs und mußte im Panel mitwirken, weil nur wenige Männer anwesend waren.

Wie sieht denn Ihre Davos-Agenda aus?

Ich schaue mir das Programm an und buche. Dann haben wir zwei Essen der Credit Suisse mit Geschäftspartnern. Ferner melde ich mich selektiv zur Panel-Teilnahme. Und was noch wichtig ist, sind halbtägige Branchen-Meetings, die sogenannten Treffen der Governors. Die gibt es nicht nur für Banken, sondern für viele andere Branchen.

Stellt das Forum die richtigen Fragen, oder kann man ihm vorwerfen, daß es den Internet-Hype förderte und damit die Börsen-Blase noch mehr aufblähte?

Das Forum nimmt Trends auf und verstärkt sie. Ich erinnere mich noch an die Aussage von Microsoft-Gründer Bill Gates in den neunziger Jahren: "Die Banken sind nicht wichtig, das Bankgeschäft ist wichtig." Wie man sieht, gibt es die Banken immer noch, und sie wurden größer. Man kann die Tendenz beobachten, daß sich Teilnehmer manchmal selbst zu solchen Übertreibungen verleiten lassen. Der Begriff "New Economy" wurde dort von Wissenschaftlern geprägt, nicht von Managern. Fast alles, was damals erwartet wurde, etwa beim Internet, ist tatsächlich eingetroffen - aber nicht nach drei, sondern erst nach zehn Jahren.

Das Thema Corporate Governance war früher unterbelichtet, sonst wäre es nicht zu etlichen Skandalen gekommen.

Über Aufsicht und interne Kontrolle wurde geredet, aber ich kann mich erinnern, daß ich Mitte der neunziger Jahre bei einer Veranstaltung war, da saßen vier Leute auf dem Podium und vier im Publikum. Es hat niemanden interessiert, es gab beim Thema ein institutionalisiertes Gähnen, obwohl es hochinteressante Veranstaltungen waren. Ich konnte da einiges an Erkenntnissen mitnehmen.

Ist es Forumsgründer Klaus Schwab gelungen, die Globalisierungskritik zu integrieren?

Ich möchte gern einmal wissen, was Globalisierungskritik genau ist. Es gibt da für mich zahlreiche Widersprüche. So kann man nicht das Internet benutzen, Telekommunikation und billige Flugpreise in Anspruch nehmen und dann gegen Globalisierung sein. Sie findet statt, ob wir es wollen oder nicht.

Hat es denn zumindest eine kritische Beobachtung des Prozesses gegeben?

Es gab viele intensive Diskussionen über die Welthandelsorganisation. Dort kamen immer auch kritische Stimmen zu Wort. Man hat stets auf die Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung hingewiesen, meiner Meinung nach eine der größten Herausforderungen überhaupt. Es gibt auch das offene Forum, an dem ich übrigens teilnehme, das eine gerechtere und sozialere Welt einfordert. Dies ist indes eine etwas künstliche Veranstaltung, weil sie in Davos eine Art Biotop ist. Das Forum kann die Probleme der Welt nicht lösen, aber es bietet eine Plattform für den Dialog, wie er in dieser Breite sonst selten möglich ist.

Was bedeutet das Forum für die Schweiz? Man hat den Eindruck, daß es nach dem Ausflug nach New York 2002 für das Land noch wichtiger geworden ist.

Für die Schweiz ist es sehr wichtig, weil es im internationalen Terminkalender verankert ist. Für die Regierung ist es hilfreich, um Netzwerke zu knüpfen, Zugang zu ausländischen Politikern zu bekommen. Die multinationalen Schweizer Konzerne brauchen das weniger, weil sie die Netzwerke haben. Ich bin aber immer ein wenig enttäuscht, wie wenige Parlamentarier hingehen.

Für die politisch nicht eingebundene Schweiz ist Davos also ein wichtiges Schaufenster?

Natürlich. Es ist aber kein Schaufenster, um in das Land hineinzuschauen, sondern um aus dem Land herauszuschauen. Denn die Schweizer Politik ist leider sehr auf den eigenen Bauchnabel fixiert.

Das Gespräch führte Konrad Mrusek.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005, Nr. 21 / Seite 14
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