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Interview Krise bei Opel: „Ohne Opfer geht es nicht“

 ·  Der stellvertretende IG-Metall Vorsitzende Berthold Huber im Interview über wilde Streiks, mögliche Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen bei Opel.

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Der stellvertretende IG-Metall Vorsitzende Berthold Huber im Interview über wilde Streiks, möglichen Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen bei Opel.

Herr Huber, wird bei Opel in Bochum auch am Montag wieder die Arbeit ruhen?

Die Belegschaft in Bochum ist schwer getroffen von dem Keulenschlag aus Detroit. Ich erwarte trotzdem, daß am Montag wieder geordnete Arbeitsverhältnisse eintreten. Andernfalls können wir nicht zielführend mit General Motors verhandeln.

In Bochum gab es wilde Streiks?

Keine Rede davon. Die Menschen sind betroffen. Das kann ich nachvollziehen. Schauen Sie sich einmal die Arbeitslosigkeit in Bochum und Umgebung an.

Am Dienstag wird es einen Aktionstag an allen Opel-Standorten in Europa geben. Was erwarten Sie?

Es wird zu Protesten während der Arbeitszeit in ganz Europa kommen. Wir wollen erreichen, daß alle Standorte weiter existieren. Ich erachte es als ersten Erfolg, daß Opel-Chef Fritz Henderson dies bereits zugesichert hat.

Auf Deutschland entfallen 10000 Stellen, die wegfallen. Auf den Rest von Europa nur 2000. Sind Sie sich der europäischen Solidarität sicher?

Die Deutschen haben sich auch immer fair verhalten, als andere europäische Opel-Standorte zur Debatte standen. Diese Fairness erwarte ich jetzt auch, obwohl ich weiß, daß verständlicherweise einem in solch schweren Situationen das Hemd näher ist als der Rock. Gespräche mit meinen Kollegen in Schweden in der vergangenen Woche haben mich glücklicherweise davon überzeugt, daß derzeit kein Blatt zwischen uns paßt.

Frankreich produziere 20 Prozent billiger als Deutschland, sagt GM.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich weiß nur: Unter allen deutschen Automobilherstellern hat Opel die geringsten Lohnkosten. Trotz höherer Löhne sind BMW und Mercedes erfolgreicher als Opel. Das gibt mir zu denken.

Was denn?

GM, aus Detroit gesteuert, hat bei Opel in sechs Jahren fünf Manager verschlissen und macht seit Jahren eine hundsmiserable Unternehmenspolitik.

Und die Opel-Aufsichtsräte der IG Metall haben das mitgemacht.

Das ist eine Verleumdung. Die Modellpolitik wurde im Aufsichtsrat von uns immer in Frage gestellt. Wir konnten uns leider nicht durchsetzen.

Jetzt ist das Kind im Brunnen. GM verlangt Einsparungen von 500 Millionen Euro. Was wird die IG Metall zugestehen?

Auch ich weiß, daß eine solche Krise nicht ohne Opfer der Belegschaft zu bewältigen sein wird...

... das heißt mit betriebsbedingten Kündigungen ...

... auf keinen Fall. In zwei Punkten bleiben wir knallhart: Es darf nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen, und es dürfen in Europa keine Betriebe geschlossen werden.

Und was bieten Sie statt dessen?

Darüber muß ab morgen mit dem Management verhandelt werden.

Lohnverzicht, Arbeitszeitverlängerung, übertarifliche Leistungen. Was opfern Sie?

Arbeitszeitverlängerung scheidet bei mangelnder Kapazitätsauslastung von selbst aus. Und Lohnverzicht allein hilft nie. Ich verrate aber kein Geheimnis, wenn ich sage, daß wir uns die übertariflichen Bezahlungen bei Opel anschauen werden.

Taugt Karstadt-Quelle als Vorbild für die Einigung?

Das kann man nicht vergleichen.

Opel ist dramatischer?

Ich fürchte ja. Es geht darum, wie Opel wieder nach vorne kommen kann. Das war doch einmal eine angesehene Marke mit über 20 Prozent Marktanteilen.

Wenn Sie nicht zu einer Einigung kommen, gibt es Streik, sagt der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Peters.

Wenn alle Stricke reißen, könnte dies möglich sein, sagt Peters. Ich schließe Streiks zum jetzigen Zeitpunkt aus.

Sind Arbeitnehmer heute erpreßbarer als früher?

Zweifellos. Das liegt an der Globalisierung und an der Ost-Erweiterung der EU.

Dann können die Probleme bei Opel nicht nur an Managementfehlern liegen. Deutschland hat auch ein Kostenproblem.

Das bestreite ich gar nicht. Aber ich weiß, daß die deutsche Automobilindustrie auch heute noch international konkurrenzfähig ist. Sie muß nur weitere Produktivitätsverbesserungen und mehr Innovation erbringen. Und vergessen Sie nicht: Deutschland hat ein großes Nachfrageproblem.

Das Gespräch führte Rainer Hank.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2004, Nr. 42 / Seite 2
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