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Interview "In der Stromversorgung fahren wir bald auf Reserve"

29.08.2003 ·  Nicht erst seit dem Stromausfall in London ist die Versorgung mit Elektrizität wieder ein Diskussionsthema. ZVEI-Vorstandsmitglied Joachim Schneider über den Jahrhundertsommer, die Gefahr von Blackouts und die Frage von Investitionen.

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Nicht erst seit dem Stromausfall in London ist die Versorgung mit Elektrizität wieder ein Diskussionsthema. In Deutschland propagieren große Teile von Rot-Grün eine umfassendere Förderung erneuerbarer Energien. Andere plädieren für eine Renaissance der Kernkraft. All dies geschieht vor dem Hintergrund einer angeblich noch gesicherten Versorgungslage. Joachim Schneider ist Energie-Vorstand im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) sowie Vorstandsmitglied von ABB in Mannheim.

Helfen die erneuerbaren Energien bei der Lösung künftiger Energieprobleme?

Wir benötigen einen ausgewogenen Energiemix. Sicherlich ist zum Beispiel die Windkraft ein wichtiger Bestandteil dieses Energiemixes, doch benötigt speziell die Off-shore-Technik mit Anlagen vor der Küste zusätzliche Leitungen zur Energieübertragung und konventionelle Kraftwerke zur Regelung der Energie. Nach wie vor gilt, daß einem Windkraftwerk rund 80 Prozent konventioneller Kraftwerkskapazität zur Seite gestellt werden müssen, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Wenn man heute ausgewogen auch in Kraftwerke investieren würde, in die Steigerung der Wirkungsgrade, könnte man kurzfristig mit weniger Geld mehr Kohlendioxyd vermeiden und einen Beschäftigungsimpuls auslösen, der nicht durch staatliche Mittel gefördert werden muß.

War dieser Sommer mit dem Blackout in den Vereinigten Staaten und Stromversorgungsproblemen in mehreren Ländern Europas nicht ein Beweis für die Sicherheit des deutschen Systems?

Es war ein Beweis dafür, daß das System in Deutschland sicherer ist als in den Staaten, da wir nach wie vor über eine bessere technische Substanz verfügen. Tatsache ist jedoch, daß die Versorgungsunternehmen aufgrund des durch die Liberalisierung bedingten Kostendrucks nur in geringem Maß in die Energieerzeugung und in die Netze investiert haben und diese Substanz nach und nach aufgezehrt wird. Es ist daher kein Grund vorhanden, auf Dauer von einer sicheren Energieversorgung in Deutschland auszugehen, wenn nicht investiert wird.

Drohte in Deutschland an bestimmten Tagen ebenfalls ein Blackout?

Seit Beginn der Liberalisierung sind die Investitionen in Kraftwerke, Netze und Leittechnik um 50 Prozent zurückgegangen. Des weiteren wurden ältere Kraftwerke stillgelegt oder sollen stillgelegt werden. Hier drohen wir schon heute auf Reserve zu fahren, wenn die notwendigen Investitionen ausbleiben. In diesem Sommer haben geplante Revisionen und Abschaltungen der Kraftwerke wegen der Erwärmung der Flüsse zu einer kritischen Versorgungssituation geführt. Ein Ausgleich durch Energieimporte aus dem Ausland war nahezu unmöglich, da unsere Nachbarn vor den gleichen Problemen standen wie wir.

Wie schwerwiegend hätte er werden können?

Ein störungsbedingter Ausfall in Deutschland würde bei weitem nicht die amerikanischen Ausmaße erreichen. Doch wehret den Anfängen! Der Stromausfall in London zeigt, daß eine sichere, unterbrechungsfreie Energieversorgung in Europa schon heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Auch im Fall London hat der durch die Liberalisierung bedingte Kostendruck auf die Versorgungsunternehmen dazu geführt, daß notwendige Investitionen unterblieben, wobei die britischen Netze schon zu Beginn der Liberalisierung in einem deutlich schlechteren Zustand waren als die deutschen. Wir haben in Deutschland ebenfalls einen Substanzverzehr und sollten im Interesse der Versorgungssicherheit nicht so lange warten, bis wir amerikanische Verhältnisse haben.

Das vollständige Interview finden Sie am 30. August in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Das Gespräch führte Jürgen Dunsch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2003, Nr. 201 / Seite 14
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