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Interview Gerster: "Eine inszenierte Medienkampagne"

25.11.2003 ·  Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, weist im Interview mit der F.A.Z. den Vorwurf der Verschwendung von Beitragsmitteln zurück. Einen Rücktritt wegen des Millionen-Honorars für einen Medienberater lehnt er ab.

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Wegen des Millionen-Honorars für einen Medienberater muß sich der Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA), Florian Gerster, am Freitag vor dem Bundestag rechtfertigen.

Für 1,3 Millionen Euro in diesem und im kommenden Jahr haben Sie die Medienberatung WMP Euro-Com bis 2004 beauftragt, die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesanstalt für Arbeit (BA) zu verbessern. Entwickelt sich der Umbau der BA zur Luxussanierung?

Dieses Geld ist im Verhältnis zu sehen zu der Mammutaufgabe des Umbaus einer schwerfälligen Behörde zu einem modernen Dienstleister am Arbeitsmarkt und im Verhältnis zum Haushalt der Bundesanstalt. Im Erfolgsfall ist es an der richtigen Stelle ausgegeben.

Der Etat für Öffentlichkeitsarbeit soll im kommenden Jahr um 100 Prozent auf 42 Millionen Euro steigen. Manche sprechen sogar von einem Etat von 250 Millionen Euro. Wozu ist eine solche Steigerung nötig?

Wir steigern die Ausgaben für die Öffentlichkeitsarbeit im Kern nicht. Wir haben für 25 Millionen Euro eine Kampagne vorgesehen, die den Umbau als solches begleitet. Wir müssen den neuen Namen, die neuen Instrumente und den virtuellen Arbeitsmarkt der Öffentlichkeit bekannt machen. Das ist ein großes Rad, das wir drehen müssen. Das Außenbild der neuen Bundesagentur für Arbeit kann nicht mehr das der alten BA sein. Es wird eine völlig neue Bundesagentur für Arbeit geben, und das müssen wir den Kunden und Arbeitgebern näher bringen.

Wenn die Reform Erfolg hat, werden dies die Kunden und Arbeitgeber doch sofort in den Arbeitsämtern merken, auch ohne aufwendige Kampagne.

Mit Verlaub: Das ist eine naive Frage. Als aus der alten Post die Telekom geworden ist, hat die Telekom dafür 700 Millionen Euro für eine Imagekampagne ausgegeben. Wir geben 25 Millionen Euro aus, um die BA den Kunden und der Öffentlichkeit näherzubringen. Das ist angesichts ihrer Größenordnung ein bescheidener Betrag.

Die Bundesanstalt ist aber auch kein Unternehmen wie die Telekom...

Wir sollen auf dem Wege des Kontraktmanagements mit der Bundesregierung unsere Aufgaben wahrnehmen. Die Bundesanstalt wird künftig nicht mehr bürokratisch über Dienstanweisungen und Rundbriefe gesteuert, sondern über Führungsdialog und Zielvereinbarung. Das setzt eine neue Unternehmenskultur voraus, die kommuniziert werden muß.

Woran hapert es denn in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit?

Die Institution wird gleich gesetzt mit dem ungelösten Megaproblem Arbeitslosigkeit. Wenn das anders werden soll, muß deutlich werden, welchen Beitrag wir tatsächlich liefern können. Das ist der ergebnisorientierte Einsatz von Instrumenten der aktiven Arbeitsförderung und die wirkungsvolle Betreuung und Beratung von Kunden.

Was erhoffen Sie sich von der Umstrukturierung?

Wir haben WMP beauftragt, das kommunikative Umfeld der BA neu zu bestimmen. Als ich nach Nürnberg kam, gab es keine Organisationskommunikation. Wir brauchen aber eine solche Einheit, die über die reine Pressearbeit hinausgeht. Wir müssen unsere Mittel bewerben, wir müssen zielgruppenspezifische Kampagenen machen und beispielsweise auch um Ausbildungsplätze werben.

Gleichzeitig wird aber an den Weiterbildungsprogrammen und der Arbeitsmarktpolitik gespart. Ist das zu rechtfertigen?

Der Haushalt der BA für die aktive Arbeitsmarktpolitik ist mit rund 20 Milliarden Euro ein Budget, das es in dieser Größenordnung in vergleichbaren Volkswirtschaften nicht gibt. Es liegt nicht an der Dimension der aktiven Arbeitsmarktpolitik, ob sie von Erfolg begleitet wird. Es ist aus meiner Sicht verantwortbar, Instrumente zu ersetzen und leichte Mittelkürzungen vorzusehen, wenn die Gesamtreform ihre Wirkung entfalten soll. Insgesamt wird die Wirksamkeit der Arbeitsmarktpolitik im nächsten Jahr höher sein.

Warum haben Sie den Auftrag nicht wie üblich ausgeschrieben?

Weil es eine Eilvergabe war. Wir waren in einem extrem negativen Meinungsumfeld, was Marketing und Kommunikation nach innen und außen angeht. Dies mußten wir unverzüglich anpacken. Eine Reform kann nicht ohne Bewußtseinsänderung gelingen. Das sind weiche Faktoren, die genauso wichtig sind wie die harten, beispielsweise in der Gesetzgebung.

Einige Beobachter wundern sich auch über den Zuschlag an WMP.

Wir haben uns unter Zeitdruck unter Leuten umgehört, die sich im Markt auskennen. Diese haben mir Herrn Schiphorst und die Firma WMP empfohlen. Von der zuständigen Abteilung in der Bundesanstalt wurde überprüft, daß die Vergabe rechtsförmlich in Ordnung ist.

Kannten Sie Herrn Schiphorst vorher?

Nein. Mir ist auch das Mißtrauen nicht klar, das ihm von einigen entgegengebracht wird. Er hat eine Vita vorzuweisen, die sich sehen lassen kann, und unter den Kommunikationsunternehmen gehört WMP zu den bekannten Gesellschaften.

Wie lange wird WMP die BA beraten?

Ende 2004 läuft der Vertrag definitiv aus.

Sie haben jetzt insgesamt sieben Unternehmensberatungen beauftragt. Brauchen Sie denn wirklich so viele?

Ohne unsere Berater hätten wir mit der Reform gar nicht anfangen können, weil die BA im guten wie im schlechten eine Bundesbehörde war. Sie war zur Selbsterneuerung im Sinne eines Umbaus gar nicht in der Lage. Die BA war überfordert, sie war fremdbestimmt und sie ist von allen möglichen Kräften mißbraucht worden. Diese drei Fehlsteuerungen müssen überwunden werden. Ich bin von der Bundesregierung unternehmerähnlich als Vorstandsvorsitzender eingesetzt worden, um die BA zu leiten und deshalb werde ich auch unternehmerisch handeln.

Denken Sie an einen Rücktritt, wie jetzt von der Opposition gefordert?

Ich bin an solche Forderungen gewöhnt, seit ich nach Nürnberg gekommen bin. Offenbar ist diese Institution so anfällig für Zuspitzungen bis zum Skandal, daß auch unternehmerisch sinnvolles Verhalten skandalisiert wird. Ich bin mir mit Wirtschaftsminister Clement einig, daß die Nachbehandlung dieser inszenierten Medienkampagne der BA obliegt. Solange ich den Eindruck habe, daß ich Rückendeckung in der BA und in der Regierung habe, denke ich nicht an einen Rücktritt.

Am 1. Dezember startet der virtuelle Arbeitsmarkt, das erste große Reformvorhaben der BA geht damit an den Start. Sind Sie mit dem Verlauf zufrieden?

Von allem, was ich höre, ja.

Das Gespräch führte Claudia Bröll.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2003, Nr. 274 / Seite 13
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