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Interview Der Tarifpoker ist ein Fall für die Spieltheorie

22.05.2002 ·  Tarifparteien spielen im Konflikt miteinander. Wirtschafts-Nobelpreisträger Reinhard Selten erklärt im FAZ.NET-Interview ihre Spielregeln.

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Konfliktsituationen wie ein Tarifstreit können mit den Mitteln der Spieltheorie untersucht werden. Die mathematische Methode wird in der Ethik, Politikwissenschaft und Ökonomie angewandt. Reinhard Selten war maßgeblich an der Weiterentwicklung der Spieltheorie beteiligt und erhielt dafür 1994 als bisher einziger Deutscher den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Im FAZ.NET-Interview beschreibt Selten das Vorgehen von Tarifparteien im Konflikt aus spieltheoretischer Sicht und kommt zu dem überraschenden Urteil, dass Gewerkschaft und Arbeitgeber völlig zu Recht über lange Zeit verhandeln. Denn um sich auf den wenig überraschenden Lohnanstieg von vier Prozent zu einigen, müssen sie trotzdem erst einmal spielen.

Herr Selten, sind Tarifverhandlungen eine praktische Anwendungsmöglichkeit für die Spieltheorie?

Wenn unter Anwendung verstanden wird, dass die Vorgänge erklärt werden, dann ist natürlich die Spieltheorie auf die Tarifverhandlungen anwendbar. Es liegt eine Spielsituation mit zwei Konfliktparteien vor. Ein richtiger Verhandlungsvorgang und eine Streikdrohung sind zwei weitere gegebene Voraussetzungen.

Wie erwartet haben sich Gewerkschaft und Arbeitgeber in den Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie ungefähr in der Mitte getroffen. Warum musste es überhaupt zu Verhandlungen kommen?

Die Unvollständigkeit der Information, wie man das in der Spieltheorie nennt, führt dazu, dass Verhandlungen erforderlich werden und eine gewisse Konfliktbereitschaft gezeigt wird. Gewerkschaft und Arbeitgeber wissen voneinander nicht genau, was sich der jeweils andere eigentlich vorgenommen hat.

Man muss bedenken, dass die Verhandlungsführenden der Gewerkschaften unter dem Druck der Basis stehen. Wie stark dieser Druck ist und die Forderungen beeinflusst, kann nur gewerkschaftsintern beurteilt werden und nicht aus Sicht der Arbeitgeber oder der Öffentlichkeit. Das ist eine Information, die die Arbeitgeber nicht haben. Auf der anderen Seite ist es allerdings genauso. Arbeitgeberverbände stehen unter dem Druck ihrer Mitgliedsfirmen. Was deren Erwartungen sind, kann die Gewerkschaft wiederum nicht wissen. Ein weiteres Informationsdefizit ist die Streikdauer. Die Gewerkschaften wissen nicht, wie lange die Arbeitgeber einen Streik aushalten werden. Wenn die Auftragslage eines bestreikten Unternehmens gerade nicht so gut ist, dann können diese einen Streik länger aushalten.

Trotz dieser unvollständigen Information muss ein Vertrag zustande kommen, also wird verhandelt. Und ein echtes Konfliktrisiko bewahrt beide Parteien davor, dass der jeweils andere beliebig hohe Forderungen erhebt.

Nehmen wir mal an, es würde unter beiden Tarifparteien eine vollständige Information geben. Wie würde sich das auf die Tarifverhandlungen auswirken?

Das Konfliktrisiko würde nicht verschwinden. Aber nach spieltheoretischen Vorstellungen müsste es einen Lösungspunkt geben, den beide Parteien sofort ansteuern könnten. Denn beide würden sofort sehen, dass gar nichts anderes möglich ist, da man ja alle Informationen hat, um darüber zu entscheiden.

Könnte man also Streiks vermeiden?

Von der klassischen Spieltheorie her müssten sie bei vollständiger Information und rationalen Spielern eigentlich vermieden werden. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Stellen sie sich vor, zwei Leute bekommen 100 Euro und sie müssen sich darüber einigen, wie sie diese untereinander aufteilen. In der Regel wird jeder 50 Euro bekommen. Sie werden in solchen Fällen sehr selten einen Konflikt beobachten. Es wird schnell eine Einigung erzielt, ohne dass lange verhandelt wird. Denn hier liegt eine vollständige Information vor.

In den Tarifverhandlungen ist die Lage schon schwieriger. Beide Parteien halten Informationen zurück und sind unterschiedlich strukturiert. Man kann nicht sagen, dass hier etwas gleich verteilt werden kann.

In der Öffentlichkeit stößt das Verhalten von Gewerkschaft und Arbeitgeber häufig auf Unverständnis, da sich beide meist dort einigen, wo sie eine Verhandlungsrunde früher schon angekommen waren. Hat man aus spieltheoretischer Sicht mehr Verständnis für dieses Verhalten?

Die Tarifverhandlungen sind so in Ordnung, weil eine unvollständige Information vorliegt. Und nur ein Verhandlungsprozess, der das Risiko des Scheiterns in sich trägt, kann dazu führen, dass man sich in dieser Situation einigt. Die Parteien wissen eben auch nicht, in wie weit sie nachgeben müssen. Es kann sich herausstellen, dass die Risikobereitschaft der einen Partei größer ist, als die andere angenommen hat, weil sie zum Beispiel sehr stark unter Druck steht. Dann muss man eben mehr nachgeben, als man sich vorgenommen hatte. Und wenn man dies nicht tut, so kommt es zu einem Konflikt.

Was halten sie von Schlichtungsverfahren im Tarifstreit?

Schlichtungsverfahren bei Tarifkonflikten wurden übrigens auch spieltheoretisch untersucht. Dabei wurde deutlich, dass der Effekt einer Schlichtung davon abhängt, wie die Regeln einer Schlichtung aussehen. Eine Schlichtung mit einem Sachverständigen, der als Ergebnis die Mitte der beiden Forderungen vorschlägt, lässt die Tarifverhandlungen ausarten. In solchen Fällen wird immer zu viel gefordert. Nach dem Prinzip: Je höher meine Forderungen sind desto mehr wird der Schlichter in meine Richtung gehen. Die Tarifverhandlungen haben dann den Effekt, dass gar nicht mehr versucht wird, die Informationslücke zu schließen.

Eine andere Art der Schlichtung ist da wesentlich wirksamer. Nämlich in dem Fall, wenn der Schlichter nur einen der beiden letzt genannten Vorschläge empfehlen darf. Das zwingt die Tarifparteien aufeinander zuzukommen.

Und dann gibt es noch Regelungen, die Schlichtung heißen, aber in Wirklichkeit keine sind. In der Chemieindustrie gibt es Schlichtungsverfahren, bei denen von jeder Seite drei Leute in eine Kommission geschickt werden, um so lange zu verhandeln bis sich eine Mehrheit für einen Tarifabschluss ergibt. Im Grunde ist dies nur eine Verlagerung der Verhandlungen auf ein kleineres Gremium.

Deutschland ist ein sehr streikarmes Land. In nur wenigen Ländern wird seltener gestreikt. Sollte überhaupt etwas verändert werden?

Es gibt in der Schweiz Regelungen, mit denen man den Streik vermeiden kann. Es ist schon möglich, die Lohnbildung so zu regulieren, dass sie zu noch weniger Konflikt führt. Die Schweiz hat durch Friedensabkommen den Streik ausgeschlossen. Durch entsprechende Reformen könnte man auch in Deutschland noch etwas verbessern. Obwohl es hier auf jeden Fall tragbar ist.

Können sie eigene Reformvorschläge nennen, die ihrer Meinung nach Streiks vermeiden würden?

Ich habe kein Patentrezept, aber ich würde gewisse Hoffnungen auf eine stärkere Ausbreitung der Gewinnbeteiligungen setzen. Es würde dann zu weniger Streiks kommen. Wenn die Gewinne sinken, würden auch die Einkommen sinken. Eine solche Gewinnbeteiligung würde zur Harmonisierung der Wirtschaft viel beitragen. Das ist eine sehr alte Idee. Aber sie stößt nicht nur bei den Arbeitgebern auf Widerstand sondern auch bei den Gewerkschaften. Die Idee der Gewinnbeteiligung müsste politisch mehr durchgesetzt werden, aber es hat sich noch keine Partei auf ihre Fahnen geschrieben, dies zu tun. Es gibt keine starken Kräfte, die das vertreten. Aber vielleicht wird sie sich irgendwann einmal durchsetzen.

Das Interview führte Marco Dettweiler.

Quelle: @made
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