Rechtsruck in Europa, antiquiertes Image, sinkende Mitgliederzahlen: Die Zeichen der Zeit stehen für Gewerkschaften nicht gerade günstig. Sie tun sich schwer mit den aktuellen Entwicklungen. Und das, obwohl kein Mangel an klassischen Gewerkschaftsthemen wie Arbeitslosigkeit und spektakulären Pleiten herrscht. Ist der „starke Arm“ der Gewerkschaften erschlafft?
Anlässlich einer Tagung zur Zukunft der Gewerkschaften am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen sprach FAZ.NET mit Richard Hyman, Professor an der London School of Economics und Experte für Industrial Relations.
Herr Hyman, in welcher Situation befinden sich die europäischen Gewerkschaften?
Europas Gewerkschaften geben ein gemischtes Bild ab. In Zentral- und Westeuropa scheinen sie halbwegs zu funktionieren, im skandinavischen Raum sind sie eher stark. In den letzten zwei Jahren haben Gewerkschaften die richtigen Fragen gestellt, aber oft die falschen Antworten gegeben.
Falsche Antworten worauf?
Menschen betrachten sich zunehmend als Individuen. Arbeiter sehen sich heute nicht mehr nur als Arbeiter, sondern immer mehr als Frauen, Schwarze, Junge, Alte. Es gibt heute Dutzende Möglichkeiten, um sich selbst zu definieren. Das wirft eine ganze Reihe neuer Fragen auf, wer man ist und wie man lebt. Gewerkschaften kommen damit noch nicht zurecht.
Die Schwierigkeit liegt darin, wie Gewerkschaften gemeinsame Standards für große Firmen und individuell planende Arbeitskräfte erreichen können, wie in einem solchen Umfeld Rahmenbedingungen definiert werden sollen.
Können Gewerkschaften diesen Übergang schaffen?
Gewerkschaften sind keine Dinosaurier. Sie sind alt, aber sie können durchaus neue Dinge anbieten. Sie haben zumindest die technischen Möglichkeiten, um sich rasch auf neue Situationen einzustellen. Andererseits sind sie komplexe Organisationen mit internen gegenseitigen Kontrollen. Einige haben den Übergang bereits geschafft und spezialisieren sich mit Erfolg auf Karriere- und Trainingsangebote. Andere setzen verstärkt neue Medien ein. In einigen Ländern gibt es bereits einfallsreiche Anwendungen vom Online-Beitritt bis hin zur Verknüpfung von Kampagnen mit internetgestützten Recherchemöglichkeiten.
Wäre es denkbar, dass nichtstaatliche Organisationen (NGOs) die Aufgaben von Gewerkschaften übernehmen?
Ich glaube nicht, dass NGOs Gewerkschaften ersetzen können. NGOs brauchen zwar keine großen Mitgliederzahlen, aber sie können auch nicht demokratisch zur Verantwortung gezogen werden. Die meisten sind klein und haben genau abgegrenzte einzelne Themen. Mit ihrer Kompromisslosigkeit richten sie oft nur wenig aus. Gewerkschaften können von NGOs einige Dinge lernen: Wie man öffentliche Unterstützung gewinnt, wie man die junge Generation anspricht, wie man Netzwerke bildet, oder wie man einige der klassischen Kanäle umgehen kann.
Was die Zusammenarbeit betrifft: Können Gewerkschaften überhaupt funktionierende transnationale Netzwerke zu bilden? Viele ihrer Themen sind ja nur im nationalen Kontext relevant.
Es ist schwierig. Die meisten Gewerkschaften befinden sich noch in einer Experimentierphase. Ad-Hoc-Projekte stellen Organisationen mit einer starren Struktur vor erhebliche Schwierigkeiten. Sie bedeuten einen harten Einschnitt in Autoritätsstrukturen, da Verantwortung abgegeben werden muss: Menschen müssen auf einer ganz anderen Stufe mit Entscheidungsbefugnissen ausgestattet werden. Gewerkschaften fragen sich zu Recht, wie das ablaufen soll, ohne in einer unkoordinierten Ansammlung ungleicher Aktivitäten zu enden.
Wie sollen Gewerkschaften mit einer globalisierten Wirtschaft umgehen?
Den Arbeitskampf zu globalisieren ist hart. Globale Strategien lassen sich nur durchsetzen, wenn Gewerkschaften eine Art globalen Hauptsitz etablieren. Das funktioniert nur dann, wenn es den Gewerkschaften gelingt, ein globales Bewusstsein für ihre Anliegen zu entwickeln. Sinnvoller wäre es daher, weltweit in einer Art Konföderation zusammenzuarbeiten. Gemeinsame, grenzüberschreitende Aktionen können sich entwickeln, wenn beide Seiten es für notwendig halten. Internationalismus sollte zur Hauptströmung in Gewerkschaftsorganisationen werden, aber das funktioniert ausschließlich auf gegenseitiger Basis.