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Interview „Das ist eine völlige Fehlinterpretation"

17.08.2005 ·  Ulf Böge im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Spekulationen, das Kartellamt halte die Fernsehpläne des Springer-Konzerns für unbedenklich.

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Der Axel Springer Verlag hat zu Wochenbeginn die geplante Übernahme des Münchner Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat.1 beim Bundeskartellamt zur Prüfung angemeldet. Die Bonner Behörde wird voraussichtlich binnen vier Monaten über den umstrittenen Fall entscheiden. Ulf Böge ist Präsident des Kartellamts.

Herr Böge, Sie haben Post von Springer bekommen. Wie dick ist denn der Genehmigungsantrag?

Die Anzahl der Seiten - es sind rund 100 - besagt nichts. Wir entscheiden unsere Fälle nicht nach dem Gewicht des Antrags.

Politiker und Medienaufseher halten es für wünschenswert, daß im Mediengeschäft ein starker nationaler Champion entsteht, der großen internationalen Konkurrenten Paroli bietet. Sie auch?

Ich habe nichts gegen nationale Champions, wenn sie sich am Markt bilden und nicht durch staatliche Förderung entstehen. Entscheidend ist aber für uns, daß keine Marktmacht entsteht, denn sonst hat der deutsche Verbraucher nichts davon. Wir unterscheiden deshalb nicht zwischen ausländischen und inländischen Unternehmen oder Eigentümern. Im übrigen: Wenn sich etwa ein großer nationaler Medienkonzern bildet, kann dieser später durchaus auch von einem ausländischen Konkurrenten übernommen werden. Er hätte es also leichter, gleich ganz groß einzusteigen. Es ist wie beim Schach - man sollte immer einen Schritt weiter denken.

Auch Springer argumentiert, daß noch nach der Kirch-Pleite vor drei Jahren ein größeres Engagement des Konzerns bei Pro Sieben Sat.1 politisch erwünscht gewesen sei.

Das kann keinen Einfluß auf unsere Entscheidung haben.

In Großbritannien gibt es präzise Beschränkungen für Verlage, die auch im Fernsehgeschäft tätig sind. Braucht Deutschland die auch?

Das ist Sache des Gesetzgebers, der auch die Medienvielfalt beachten muß. Aus meiner Sicht reichen die Instrumente, die unser heutiges Kartellrecht bietet, aus, um dem Springer-Fall aus ökonomischer Sicht gerecht zu werden. Derzeit ist ja häufig die Einschätzung zu hören, dieser Antrag sei schon so gut wie genehmigt, weil das Kartellamt von getrennten Märkten für Printmedien und Fernsehen ausgehe. Ich möchte dazu eines ganz klar sagen: Das ist eine völlige Fehlinterpretation. Wir haben diese Märkte in der Vergangenheit nur deshalb getrennt betrachtet, weil es eine solche Bündelung, die ökonomisch von Bedeutung war, in der Hand eines Unternehmens noch nicht gab. Jetzt haben wir eine neue Sachlage, und wir werden die daraus resultierenden cross-medialen Effekte sehr genau prüfen.

Bertelsmann betreibt auch Sender und gibt Zeitschriften heraus.

Aber anders als Bertelsmann verfügt Springer mit "Bild" bei den Boulevard-Zeitungen über eine marktbeherrschende Stellung. Und wir müssen prüfen, ob diese etwa durch Promotion auf den Sendern von Pro Sieben Sat.1 verstärkt wird.

Haben Sie auch Bedenken, was den Werbemarkt angeht?

Auch das müssen wir prüfen. Es wäre ja zum Beispiel denkbar, daß Springer Kunden, die Anzeigen und Fensehspots buchen, Rabatte gibt. Dies könnte eine Verstärkungswirkung haben. Im Fernsehwerbemarkt, der schon heute zu 80 Prozent von Pro Sieben Sat.1 und Bertelsmann kontrolliert wird, müssen wir außerdem den Restwettbewerb sichern. Das Gemeinschaftsunternehmen zwischen Springer und Bertelsmann im Tiefdruckgeschäft könnte problematisch sein, wenn es das Wettbewerbsverhalten im Fernsehwerbemarkt beeinträchtigt.

Die Verlage Holtzbrinck und DuMont fordern mehr oder weniger unverhohlen ein Verbot der Springer-Pläne, weil das Kartellamt etwa im Berliner Zeitungsmarkt ebenfalls sehr restriktiv entschieden habe. Zu Recht?

Der Fall von Holtzbrinck in Berlin war ganz anders gelagert. Da ging es um den Markt für Abonnement-Tageszeitungen in der Region Berlin. Im Fall von Springer und Pro Sieben Sat.1 geht es um den Lesermarkt bei Verkaufszeitungen, daß heißt die bundesweit verbreitete Bild-Zeitung. Das ist ein ganz anderer Markt. Im übrigen: Es ist schon interessant, daß Verlage, die sich noch vor kurzem massiv für eine Aufweichung der Pressefusions-Kontrolle stark gemacht haben, womit die Entstehung von Marktmacht oder ihre Verstärkung leichter möglich werden sollte, ...

... unter anderen waren dies Holtzbrinck und DuMont ...

... sich nun gegen die Springer-Pläne wenden. Wenn ihre Vorstellungen umgesetzt worden wären, hätte das unseren Handlungsspielraum im Springer-Fall wohl erheblich eingeschränkt.

Das Gespräch führte Marcus Theurer.

Quelle: F.A.Z. vom 17. August 2005
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