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Interview "Auch normale Menschen brauchen ein professionelles Risikomanagement"

24.09.2003 ·  Im F.A.Z.-Interview: Der Yale-Ökonom Robert Shiller über Lebensstandard-Versicherungen, Märkte für Makro-Wertpapiere und die Umverteilung von Risiken innerhalb einer Gesellschaft.

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Der Yale-Professor Robert Shiller hat mit seinem Buch „Irrationaler Überschwang“ im Jahr 2000 nicht nur rechtzeitig vor der großen Baisse gewarnt, sondern er verfolgt auch im akademischen und unternehmerischen Bereich innovative Ideen.

Herr Shiller, Sie wollen das Finanzwesen demokratisieren - was kann man sich darunter vorstellen?

Die Errungenschaften der Finanzwissenschaften, ihr Einfallsreichtum und ihre Innovationen haben im Verbund mit den neuen Informationstechnologien eine immense Kraft und Bedeutung entfaltet. Vor allem im Risikomanagement haben wir unglaubliche Fortschritte gemacht. Die Instrumente und Erkenntnisse der Finanzwissenschaften zum Thema Risikoabsicherung werden bisher nur auf wenige Märkte und Risiken angewendet. Damit beraubt man sich vieler Möglichkeiten, individuelle Risiken abzusichern und damit Wachstum und Wohlstand zu fördern. Ich plädiere dafür, daß auch normale Menschen von den Errungenschaften dieses Fortschritts profitieren und ein professionelleres Risikomanagement betreiben können.

Wie könnte das beispielsweise aussehen?

ines der größten Risiken, die Sie beispielsweise haben, besteht darin, daß Ihr zukünftiges Einkommen sinkt. Mit einer Lebensstandard-Versicherung ließe sich dieses Risiko reduzieren: Man schließt mit der Versicherung einen Vertrag ab, der dem Versicherten bei ungünstiger Lohnentwicklung monatliche Zuzahlungen garantiert. Als Gegenleistung zahlt der Versicherte einen Prozentsatz seines zukünftigen Einkommens oder einen Festbetrag.Das ist doch für den Versicherten eine Einladung zum Nichtstun:

Ich bummele und kassiere von meiner Versicherung die Zuzahlung zu meinem geringen Einkommen?

Dieses Problem läßt sich reduzieren, indem man die Zuzahlung nicht vom individuellen Einkommen des Versicherten, sondern von einem Index der Einkommensentwicklung seines Berufsstandes abhängig macht. Sie erhalten nur dann eine Zuzahlung von der Versicherung, wenn die durchschnittlichen Löhne der Branche, in der Sie beschäftigt sind, sinken.

Das wiederum klingt nach einem schlechten Geschäft für die Versicherung: Wenn das gesamte Brancheneinkommen sinkt, dann muß der Versicherer Zuzahlungen an alle Versicherten leisten. Damit kann er keine ausreichende Streuung der Risiken vornehmen - eine solche Versicherung ist für ihn unattraktiv.

Versicherer haben eine große Erfahrung im Umgang mit solchen Risiken: Sie reichen sie weiter an Rückversicherer, oder sie sichern sich über den Markt ab - beispielsweise über sogenannte Makro-Märkte, auf denen man solche Risiken handeln könnte.

Wie sollen solche Märkte aussehen?

Man könnte Makro-Wertpapiere beispielsweise auf das Sozialprodukt eines Landes, auf nationale Erwerbseinkommen oder auf andere nationale Risiken des Landes begeben, deren Wert und Dividendenzahlung von der Entwicklung des jeweiligen Basiswertes abhängen. Steigt das Sozialprodukt, so steigen die Dividendenzahlungen - sinkt es, so sinken auch die Erträge der Wertpapiere. Daneben gibt es auch Papiere, mit denen man auf ein fallendes Sozialprodukt spekulieren kann. Hier steigt die Dividende, wenn der entsprechende Basiswert, beispielsweise das Sozialprodukt, sinkt. Mit Hilfe dieser Papiere kann man dann auf ein steigendes oder auch ein fallendes Sozialprodukt eines Landes oder aber auf steigende oder fallende Erwerbseinkommen setzen.

Man könnte also eine Deutschland-Aktie kaufen. Aber warum sollte ich das als Deutscher tun?

Als Deutscher mit einem deutschen Erwerbseinkommen sollten Sie mit diesem Papier auf ein fallendes deutsches Sozialprodukt oder Erwerbseinkommen spekulieren - hier würde die Dividende steigen, wenn das deutsche Sozialprodukt sinkt. Wenn dieser Fall eintritt und Ihr Einkommen wegen der schlechten wirtschaftlichen Verfassung Deutschlands sinkt, werden Sie aus den spiegelbildlich steigenden Dividendenzahlungen Ihrer Makro-Wertpapiere entschädigt. Ihr Einkommensrisiko hat sich damit deutlich reduziert.

Aber mir bleiben noch genügend andere Risiken außer dem Einkommensrisiko.

Das ist richtig. Wenn Sie beispielsweise ein Haus besitzen, dann kann es rasch passieren, daß mehr als die Hälfte Ihres Vermögens alleine von den Grundstückspreisen der Region abhängt, in der Ihr Haus steht. Auch hier können wir von den Finanzmärkten lernen: Vor einem Wertverfall meines Hauses könnte ich mich mit einer Versicherung schützen, die mich im Falle eines Wertverlustes meines Hauses entschädigt. Und der Versicherer wiederum könnte das Risiko über einen Makro-Markt an einen größeren Investorenkreis weiterreichen.

Aber alle Risiken kann man doch nicht über den Markt absichern, oder?

In der Tat benötigt man bei bestimmten Risiken den Staat, beispielsweise wenn es darum geht, das Risiko einer zu großen Einkommensungleichheit innerhalb einer Gesellschaft zu verhindern oder bei der Altersvorsorge das demographische Risiko einzudämmen. In beiden Fällen müssen wir die derzeitigen Regeln wesentlich flexibler machen, um angemessen auf diese Risiken zu reagieren und sie innerhalb der Bevölkerung umzuverteilen. Warum kann man nicht den Progressionsgrad der Einkommensteuer vom Ausmaß der Ungleichheit in einer Gesellschaft abhängig machen? Warum sollten Beiträge und Auszahlungen in der Rentenversicherung nicht flexibler sein? In beiden Fällen könnten sie auf diesem Weg die Verteilung der Risiken wesentlich besser an die aktuelle Risikolage anpassen.

Aber gerade bei diesen Risiken wird doch deutlich: Man kann Risiken nur umverteilen - sie verschwinden nicht.

Das ist grundsätzlich richtig. Aber auf je mehr Schultern diese Risiken verteilt werden, um so weniger merkt man sie sie, bis sie nahezu verschwinden - je größer der Kreis derer ist, die das Risiko tragen, um so weniger wird es spürbar. Und wenn man durch eine bessere Risikoverteilung mehr Wachstum erreicht, so werden manche Risiken auch komplett verschwinden.

Warum soll durch eine Umverteilung von Risiken mehr Wachstum entstehen?

Viele Risiken werden nicht abgesichert. Wir haben zwar den Staat, der sozusagen gegen extreme Risiken wie Armut versichert, doch wir müssen auch oder vielleicht sogar gerade den wohlhabenden Bürgern mehr Risikovorsorge ermöglichen. Wer sich nicht gegen wichtige Risiken absichern kann, der wird zu vorsichtig, zu konservativ - und das schlägt sich dann auch im Wachstum nieder. Wer Angst hat, daß er seinen Lebensstandard nicht halten kann, wird einen Beruf ergreifen, in dem dieses Risiko geringer ist - mit entsprechenden Folgen für das Wachstum, das Entdecker und Wagemutige braucht. Was würden wir beispielsweise ohne Risikokapital machen? Das ist ja auch nichts anderes als eine Institution zur einer Umverteilung von Risiken.

Aber bei allen Institutionen zur Risikoabsicherung gibt es zwei Probleme: Fehlanreize für diejenigen, die sich absichern, und die Gefahr, daß sich nur diejenigen versichern wollen, die das nötig haben. Das kann eine solche Versicherung für den Anbieter rasch unattraktiv machen.

Das stimmt, doch die Finanzbranche hat sehr viel Erfahrung mit diesen Dingen. Die Fortschritte, die wir inhaltlich gemacht haben, sowie die Leistungsfähigkeit moderner Informationstechnologien können helfen, solche Probleme in den Griff zu bekommen.

Woher nehmen Sie diesen Optimismus, wo doch schon die Finanzbranche in den vergangenen drei Jahren bewiesen hat, daß auch ihr Umgang mit Risiken mangelhaft ist?

In den vergangenen drei Jahren ist in der Tat viel schiefgelaufen. Kritiker werfen mir auch vor, daß meine Thesen im Widerspruch zu einigen Aussagen meines letzten Buches stehen, in dem ich auf solche Probleme hingewiesen habe. Ich sehe da keinen Widerspruch: Man muß eben sehr viel Sorgfalt bei der Schaffung solcher neuer Instrumente aufwenden, wird aber nicht verhindern können, daß auch schlechte Dinge passieren werden. Es gibt kein perfektes System.

Wären Ihre Vorschläge denn praxistauglich?

Es gibt bereits erste Entwicklungen in diese Richtung: Berufsunfähigkeitsversicherungen sind sozusagen ein erster Schritt zu Lebensstandard-Versicherungen. Versicherungen gegen den Verfall der Eigenheimpreise gibt es bereits in einigen amerikanischen Städten. Und auf dem Treffen in Dubai hat Argentinien vorgeschlagen, Anleihen zu verkaufen, die an das argentinische Sozialprodukt gekoppelt sind. Auch im Bericht Ihrer Rürup-Kommission finde ich einige Vorschläge, die in Richtung meiner Ideen deuten.

Warum eine lange Baisse unvermeidlich ist

. . . schrieb Robert Shiller in seinem Buch "Irrationaler Überschwang" auf. Das Buch erschien im März 2000 auf dem Höhepunkt der Aktienmarkthausse. Neue Technologien, Selbstüberschätzung, Herdentrieb, die Anfälligkeit der Menschen für gut erzählte, plausible Geschichten wie die der Neuen Ökonomie - das waren nach Shillers Analyse die treibenden Kräfte für jenen irrationalen Überschwang, vor dem Alan Greenspan bereits 1996 öffentlich warnte - einem Bonmot zufolge im Anschluß an eine Unterhaltung mit Shiller. Die Wucht, mit der seine Prognosen eintrafen, haben Shiller zu einem der bekanntesten Ökonomen Amerikas gemacht - wenngleich er auch schon vor der Veröffentlichung seines Buches in akademischen Fachkreisen hohes Ansehen genoß.

Shiller ist Professor für Ökonomie an der Yale University und Mitglied in zahlreichen ökonomischen Gremien. Seine Ideen von einer Risikoabsicherung für jedermann verfolgt er nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Unternehmer: Die von ihm mitgegründete Firma Case Shiller Weiss vermarktet seit Jahren Indizes für Immobilienpreise und wurde vor kurzem an die Fiserv Inc. verkauft; zudem ist er Mitgründer der Firma Macro Securities Research, die sich mit der Umsetzung der von ihm vorgeschlagenen Makrowertpapiere beschäftigt. (hbe.)

Quelle: Das Gespräch führte Hanno BeckFrankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2003, Nr. 222 / Seite 23
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