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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Internetshops für Individualisten Ich kauf's mir lieber selbstgemacht

 ·  Ikea, H&M, Zara - das kennen alle. Doch was ist, wenn man mal etwas kaufen will, das noch nicht jeder hat? Dann hilft das Internet. In weit mehr als 100.000 Shops gibt es fast alles: Vom Kapuzenpulli bis zur gestrickten Handyhülle. Echte Handarbeit. Und gar nicht so teuer.

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Enkel Schmidt hat eine Mission. "Die Omas der Republik in Lohn und Spaß bringen". Angefangen hat es mit seiner Oma, Oma Schmidt, die nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohns therapeutisch häkelte und häkelte - und ihren Enkel überhäufte: "Taschentuchtäschchen, die habe ich nie benutzt", sagt Manfred Schmidt. "Die waren gut gemacht, aber Farbe und Design stimmten nicht so." Wieso, dachte er sich, nicht etwas schickere Wolle wählen, statt Taschentüchern das Handy hineinstecken - und das Ganze im Internet verkaufen? So gründete er Oma Schmidt's Masche, einen Laden im Internet für Selbstgehäkeltes und Selbstgestricktes von Original-Omas.

Das war Anfang 2006 und kam so gut an, dass mittlerweile mehrere Omas aus ganz Deutschland mitstricken - und Enkel Schmidt seine Arbeit als Architekt aufgab, um sich ganz den Maschen zu widmen.

Selbstgemachtes ist wieder in. Nachdem die Textilindustrie Deutschland weitgehend verlassen hat und auch Möbel, Koffer und Vogelhäuschen in Massenproduktion hergestellt werden, dreht sich die Welt jetzt wieder zurück. Im Netz entstehen Läden, in denen man Handgemachtes kaufen kann: Einzelstücke oder Kleinserien, in teuren Industrieländern gefertigt, womöglich im heimischen Wohnzimmer von Hobby-Schneiderinnen, die gleichzeitig Ladenbesitzerinnen sind. Oder von der Oma für ihren verkaufstüchtigen Enkel.

Für den Trend haben neben Einzel-Websites wie Oma Schmidt's Masche vor allem zwei Internetportale gesorgt, auf denen jeder seinen eigenen Laden mit selbstgemachten Waren eröffnen kann: Etsy in Amerika und Dawanda in Deutschland.

Das Lieblingswort der Verkäufer ist „süß“

Etsy gibt es seit 2005, Dawanda seit Dezember 2006. Beide sind schnell gewachsen. Etsy, gegründet von einem Maler in Brooklyn, hat mittlerweile acht Millionen Mitglieder. Im vergangenen Jahr wurden dort Produkte für 314 Millionen Dollar verkauft. Zurzeit ist Etsy noch komplett auf Englisch, doch im Sommer soll es die Seite auch komplett auf Deutsch geben. Mit Euro kann man dort jetzt schon bezahlen.

In Deutschland dominiert bisher Dawanda. Das Portal trägt ein Herz im Logo, das Lieblingswort der Verkäufer lautet "süß" und das Angebot ist mit 1,5 Millionen Produkten schier unüberschaubar. 90 000 Menschen verkaufen auf Dawanda ihre Sachen - vom Schulranzen über Kapuzenpullis und selbstgeschriebene Gedichte bis hin zu irren Dingen wie Häkelbikinis oder einem Sarg als Bett. Alles handgemacht, so das Versprechen.

Witzige iPhone-Taschen verkaufen sich besonders gut

In Zeiten, da man sich eher fünf Paar neue Socken kauft, als die alten zu stopfen - mal abgesehen davon, dass man gar nicht wüsste, wie das geht - ist die Rückkehr zum Selbstgemachten überraschend. Matt Stinchcomb, der Europachef von Etsy, erklärt das so: "Die Menschen haben keinen Bezug mehr zu den Dingen um sie herum. Sie wollen wissen, wer sie macht, und mit diesen Leuten verbunden sein." Keinesfalls seien alle Etsy-Mitglieder Globalisierungsgegner und Feinde der Massenproduktion. "Ich zum Beispiel bin froh, dass das Flugzeug, in dem ich heute Morgen geflogen bin, nicht handgemacht war", witzelt Stinchcomb. Aber die Massenproduktion nehme die Welt ein - und mache sie uniform. "Alles sieht gleich aus, die Leute sind das leid."

Das bedeutet nicht, dass sie jetzt den kratzigen Ringelpullunder von Tante Agathe tragen wollen. Aber sie suchen originelle Einzelstücke, mit denen sie ihre Grundausstattung aus H&M-Shirt, Ikea-Regal und Apple-Handy aufpeppen können. Gerne darf es auch witzig sein. Bei Enkel Schmidt etwa sind die Bestseller iPhone-Taschen mit "Granny Schmidt"-Apfel drauf und Klassiker wie Topflappen, aufgemotzt mit Totenkopfmotiv.

Vor allem Frauen wollen Selbstgemachtes

Die weitaus meisten Liebhaber der selbstgemachten Dinge sind Frauen - auf Dawanda mehr als 90 Prozent der Käufer. Dawanda-Gründerin Claudia Helming erklärt sich das damit, dass Frauen mehr Lust zum Stöbern haben. Und auf Dawanda vergeht schnell eine Stunde mit Klicken, Gucken, Vergleichen und Weiterklicken. "Männer kaufen lieber zielgerichtet ein", sagt Helming. Auch die Verkäufer sind vor allem Frauen. Viel mit ihren Verkäufen verdienen, das schaffen sie allerdings selten. Denn - Handarbeit hin oder her - die Kundinnen sind jung und nicht gerade Millionäre. Deshalb ist vieles erstaunlich günstig.

Da kommt schnell die Frage auf, ob das wirklich alles handgemacht sein kann. Babyschuhe aus Leder für 15 Euro: Was kann da an Verdienst für die Näherin übrig bleiben, wenn die Portalbetreiber ja auch noch 5 Prozent (Dawanda) oder 3,5 Prozent (Etsy) des Umsatzes bekommen? "Eine hundertprozentige Garantie, dass alles handgemacht ist, kann ich nicht geben", gibt Helming zu. Doch ihre Internetseite ist auch eine Gemeinschaft. Die Käufer und Verkäufer stöbern, schauen sich neue Produkte an und melden sie, falls sie ihnen seltsam vorkommen. Dann prüft Dawanda, lässt sich Fotos vom Herstellungsprozess schicken.

Opa Gunther will auch einsteigen

Schwierig ist dabei, dass auf den Portalen immer häufiger Läden aus Asien, besonders China auftauchen, um ihre Waren anzubieten. Dagegen haben die Betreiber im Prinzip nichts, Hauptsache, handgemacht. Doch wie soll man kontrollieren, dass die Chinesen auch wirklich per Hand nähen? "Die Antwort darauf haben wir noch nicht gefunden", gibt Stinchcomb zu.

Auch für die Verkäufer kann es Schwierigkeiten geben: Wenn sie zu erfolgreich werden. Bei Etsy zum Beispiel gehört dazu, dass es pro Laden nicht mehr als fünf Mitarbeiter gibt. Das hat schon häufig zu Konflikten geführt. Europachef Stinchcomb erzählt von einer Frau, die auf Etsy sehr erfolgreich Handtaschen verkauft und mittlerweile acht angestellte Näherinnen hat. "Es ist noch nicht klar, ob wir das weiter zulassen", sagt er.

Solche Sorgen muss Enkel Schmidt sich nicht machen, denn sein Shop gehört ihm. Er kann so viele Omas beschäftigen, wie er mag. Noch liegt sein Umsatz nicht im sechsstelligen Bereich, doch das soll noch kommen. Vielleicht hilft Opa Gunther. Er ist neu dabei, hat sich emanzipiert und häkelt auch: Voodoo-Puppen.

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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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