15.08.2003 · Nach jahrelangem Stillstand kommt in Europa Bewegung in den Verkauf von Musik über das Internet. Microsoft und Tiscali starten Angebote. Die deutsche Plattform Phonoline wird vorgestellt.
Von Marcus TheurerNach jahrelangem Stillstand kommt in Europa Bewegung in den Verkauf von Musik über das Internet. Der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft startete am Donnerstag gemeinsam mit dem britischen Online-Unternehmen OD2 und dem italienischen Internetzugangsanbieter Tiscali ein Angebot zum Vertrieb von Musik über das Internet.
Zugleich stellte die deutsche Musikindustrie auf dem Kölner Branchentreffen Popkomm ihre gemeinsame Plattform Phonoline vor, die ab dem Herbst ebenfalls Basis für zahlreiche neue Online-Musikläden sein soll (F.A.Z. vom 14. August.) Die Musikkonzerne sind in den vergangenen Jahren durch kostenlose Internettauschbörsen in massive Bedrängnis geraten. Bislang haben sie vor allem versucht, juristisch gegen diese vorzugehen. Attraktive legale Alternativen haben sie nach Einschätzung von Beobachtern dagegen bislang nicht geschaffen.
Lichtblick: Musikvideo-DVDs
Die neuen Vorstöße im Onlinegeschäft fallen in die schwerste Krise der Musikindustrie seit Jahrzehnten. Dies zeigten erst am Donnerstag wieder die vom Phonoverband veröffentlichten Halbjahreszahlen der deutschen Musikbranche. So brach der Tonträgerverkauf gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16,3 Prozent auf 80,4 Millionen Stück ein. Damit hat sich die Talfahrt weiter beschleunigt: 2002 lag das Minus zur Jahresmitte noch bei rund 10 Prozent. Einziger Lichtblick ist dagegen das Geschäft mit Musikvideo-DVDs, das auf allerdings noch sehr niedriger Basis stark wächst: Der Absatz stieg auf 2,5 (Vorjahreszeitraum 1,1) Millionen Stück.
Microsoft kommt mit seinem neuen Angebot dem Konkurrenten Apple zuvor, dessen Online-Laden Musicstore bisher nur Musikfans in den Vereinigten Staaten offensteht. In Europa dagegen wird der kalifornische Computerhersteller offenbar frühestens zur Jahreswende an den Start gehen. Über die Online-Portale von Microsoft und Tiscali können Kunden für Preise "ab 99 Cents" pro Titel Musikstücke herunterladen. Im Angebot ist ein Repertoire von mehr als 200.000 Stücken. Alternativ bieten Microsoft und Tiscali auch ein Abomodell an.
Bei Apples Musicstore kosten Musiktitel dagegen einheitlich 99 amerikanische Cents. Wie bei Apple kann die Musik auch auf CD gebrannt und auf tragbare Digitalabspielgeräte kopiert werden. Aktuelle Hits sollen bereits mehrere Wochen, bevor sie auf CD erscheinen, im Angebot sein, versprachen die drei Unternehmen.
Im HIntergrund: OD2 mit Peter Gabriel
Partner von Microsoft und Tiscali ist das britische Unternehmen OD2, hinter dem der Popstar Peter Gabriel steht und das sich auf die Entwicklung von Geschäftsmodellen für den Online-Musikvertrieb spezialisiert hat. Nach eigenen Angaben verfügt OD2 über den größten Online-Rechtekatalog in Europa. Das Unternehmen ist zudem der einzige europäische Anbieter, der auf das Repertoire aller fünf Weltmarktführer im Musikgeschäft - Vivendi Universal, Sony, EMI, AOL Time Warner und Bertelsmann - Zugriff hat. In Deutschland betreibt OD2 bereits Online-Portale mit den Musikhandelsketten Mediamarkt und World of Music (WOM). In den Vereinigten Staaten laden Musicstore-Kunden zur Zeit rund 500 000 Titel in der Woche herunter. "In Europa sind diese Zahlen nicht unerreichbar", sagte OD2-Chef Charles Grimsdale.
Phonoline für Deutschland...
Die deutsche Musikindustrie stellte unterdessen auf der Kölner Popkomm, die am Donnerstag begann, ihre gemeinsame Plattform Phonoline vor. Als Technikpartner agiert dabei die Deutsche Telekom, weshalb die Kunden auf Wunsch auch über die Telefonrechnung bezahlen können. "Wir bieten das gesamte Repertoire, auf allen Plattformen und Computeroberflächen, auf die einfachste Art und Weise", kündigte Tim Renner, Deutschland-Geschäftsführer des Marktführers Universal Music an. Zum für den Herbst geplanten Start soll nach Brancheninformationen eine Auswahl von zunächst knapp 100.000 Stücken verfügbar sein, wobei auch ein großes Angebot an deutscher Musik geplant ist.
Michael Haentjes, Vorstandschef der Hamburger Edel Music, einem der Nischenanbieter in der Branche, unterstrich gleichwohl, daß sich die Unternehmen nicht auf Phonoline versteifen dürften: "Es ist ebenso wichtig, daß auch internationale Anbieter wie OD2 die volle Unterstützung der Musikunternehmen bekommt", mahnte Haentjes. In das Gemeinschaftsprojekt haben die Unternehmen einen siebenstelligen Eurobetrag investiert. Doch dieses Geld soll auf längere Sicht gut angelegt sein, hoffen die Konzerne: "Wir rechnen damit, daß bis 2007 etwa 15 bis 20 Prozent des Umsatzes aus dem Online-Geschäft stammt", sagte Bernd Dopp, Präsident von Warner Music Deutschland.
... als Plattform für ein Netz von Shops
Über Phonoline selber können die Musikfans allerdings nicht auf Einkaufstour gehen. Die Plattform soll lediglich die gemeinsame Basis für ein ganzes Netz von Online-Shops sein. Als Partner wollen die Musikkonzerne neben den großen Musikhandelsketten auch andere Unternehmen gewinnen. So hofft die Branche, daß etwa die Schnellrestaurantkette McDonalds oder Fernsehsender wie Viva, MTV oder RTL Internet-Musikläden auf ihren Internetseiten eröffnen.
Bislang steht allerdings noch nicht fest, zu welchen Preisen und sonstigen Konditionen die Kunden über die Phonoline-Technik einkaufen können. Diese müssen zwischen Handel und den einzelnen Musikanbietern erst noch ausgehandelt werden. Ein Sprecher von Mediamarkt, dem größten deutschen Musikhändler, sagte auf Anfrage, man habe "die Ankündigung von Phonoline mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Jetzt muß man sehen, was aus diesen Ankündigungen wird."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.388,65 | +0,86% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2545 | +0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 107,18 $ | −0,07% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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