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Geringe Produktivität : Die mühsame IT-Revolution

Vernetztes Arbeiten: Zu große Ablenkung? Bild: dpa

Wir leben in einer Zeit rasenden technischen Fortschritts. Doch die Arbeitsproduktivität steigt nur langsam. Wie passt das zusammen?

          Manche sprechen von einer neuen industriellen Revolution durch Internet und Digitalisierung. Trotzdem wächst die Produktivität seit Jahren kaum noch. Ende 2014 und Anfang 2015 ist die Arbeitsproduktivität in Amerika sogar zwei Quartale in Folge gesunken, seitdem legt sie nur schwach zu. Das beunruhigt Ökonomen bis hinauf zur Notenbank. Die Fed-Chefin Janet Yellen warnt deshalb vor magerem Lohnwachstum.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Wie kann es sein, dass die enormen IT-Innovationen, die vom Silicon Valley aus die Welt erobern, in den offiziellen Produktivitätsstatistiken keine größere Spur hinterlassen? Ist alles nur ein Hype, dem die trübe Realität eines erschöpften volkswirtschaftlichen Wachstumspotentials gegenübersteht?

          Die Arbeitsproduktivität ist der zentrale Faktor, die entscheidende Triebkraft für unseren Wohlstand und für höhere Löhne. Sie misst, wie viel Output ein Arbeiter in einer gegebenen Zeit erzeugen kann. Scheinbar kleine Unterschiede im Produktivitätswachstum haben über lange Zeiträume enorme Auswirkungen. Liegt die Wachstumsrate bei 2 Prozent, wächst die Wirtschaftsleistung in 35 Jahren auf das Doppelte. Liegt sie nur bei 1 Prozent, dauert es 70 Jahre, bis sich der Wohlstand verdoppelt.

          IT ist keine Allzwecktechnik

          Schon vor dreißig Jahren, als die erste Welle von Computern in den Büros installiert worden war, wunderte sich der Wirtschaftsnobelpreisträger und Wachstumstheoretiker Robert Solow: „Man kann das Computerzeitalter überall sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.“ Die Zahlen waren in der Tat ernüchternd: Stieg die Produktivität in den drei Jahrzehnten nach dem Krieg in Amerika noch mit durchschnittlich 2,8 Prozent im Jahr, so halbierte sich diese Rate nach 1973.

          In den neunziger Jahren und bis 2005 gab es zwar eine gewisse Renaissance: Die starken IT-Investitionen zahlten sich nun aus, die Produktivität stieg für anderthalb Jahrzehnte durchschnittlich um 2,5 Prozent. Doch seit 2005 - also schon vor Ausbruch der großen Finanz- und Wirtschaftskrise - flachte die Kurve bedenklich ab. Und zuletzt ist sie sogar gefallen.

          Es gibt Pessimisten, die von einer dauerhaften Schwäche des Produktivitätswachstums ausgehen. Robert Gordon von der Northwestern University in Illinois ist der wichtigste Schwarzseher. Der Makroökonom und Experte für Produktivitätsstudien ist davon überzeugt, dass die Gewinne durch die Informationstechnik überschätzt werden. Sie sei keine so bahnbrechende „Allzwecktechnik“ (General Purpose Technology) wie die im 18. Jahrhundert entwickelte Dampfmaschine, die Webstühle, Eisenbahnen und Schiffe antrieb, oder die im späten 19. Jahrhundert breiter eingesetzte Elektrizität sowie der Verbrennungsmotor, der Autos und Flugzeuge bewegt. Dagegen verblassten Computer und Internet, meint Gordon.

          Goldene Zukunft der Digitalwirtschaft?

          Vor allem aber komme der Wachstumsschub der neuen Technik nicht gegen die starken Gegenwinde an: die Demographie, das mangelhafte Bildungssystem, die hohe Verschuldung und andere belastende Faktoren wie die gestiegene Ungleichheit. Alles zusammen bremse die Wirtschaftsentwicklung, warnt Gordon.

          Er ist nicht allein in seinem Pessimismus. Der Harvard-Ökonom Larry Summers befürchtet wegen Nachfrageschwäche und Innovationsflaute eine „große Stagnation“, Tyler Cowen von der George Mason Universität warnt vor einem „großen Stillstand“, weil die wirklich produktivitätssteigernden „niedrig hängenden Früchte“ alle schon gepflückt seien.

          Völlig falsch sei diese Sicht, sagen die Vertreter der optimistischen Gegenposition, etwa der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr, ein Kollege Gordons von der Northwestern University. Oder IT-Begeisterte, die von einer goldenen Zukunft der Digitalwirtschaft künden. Es dauere einfach ein paar Jahrzehnte, bis neue Technologien wie Computer, Internet und die Folge-Innovationen sich in der ganzen Breite der Wirtschaft durchsetzten.

          Vollautomatisierung der Produktion

          Und es dauere, bis mit ihnen auch neue Produkte und Prozesse verknüpft werden. Mit einiger Verzögerung werde man die Produktivitätsgewinne ernten, das Wachstum werde sich sprunghaft beschleunigen. Diese Sicht vertritt etwa Eric Brynjolfsson vom MIT (siehe Porträt unten), der sich auf Studien des Stanford-Wirtschaftshistorikers Paul David beruft.

          Auch Dampfmaschine und Elektromotor hätten zunächst nur kleine Bereiche der Wirtschaft produktiver gemacht. Erst nach und nach habe eine neue Generation von Ingenieuren und Managern das ganze Potential dieser Techniken ausgenutzt. So werde es auch mit dem Internet sein. Erst revolutioniert es Medien und Einzelhandel (Amazon & Co.), dann Finanzbranche (Online-Banking und Computerhandel), später das Gesundheitswesen (mit vernetzten medizinischen Daten), schließlich die ganze Industrieproduktion durch vollautomatisierte, vernetzte Fabriken. Und in ein paar Jahrzehnten werden die Straßen voll sein mit selbstfahrenden Autos.

          Noch ein zweites Argument nennen die Technik-Optimisten. „Wir haben kein Wachstumsproblem, sondern ein Messproblem in den Statistiken“, sagt Hal Varian, Chefvolkswirt bei Google und früher an der Universität Berkeley. Ein Großteil der von den IT-Unternehmen entwickelten Leistungen - von der Internetsuchmaschine bis zu vielen Apps - sind gratis abrufbar. Zahlt der Verbraucher jedoch null Dollar, werden sie in der Bruttoinlandsprodukt-Statistik ignoriert, denn dort gehen Güter und Dienstleistungen mit dem Marktpreis ein.

          Ablenkung durch soziale Netzwerke

          Die „Konsumentenrente“, wie Ökonomen sagen, ist aber unbestritten positiv, sonst würden die Nutzer nicht so viel Zeit im Internet, mit Apps oder auf Plattformen wie Facebook verbringen. Brynjolfsson sagt, dass IT-Leistungen für 300 Milliarden Dollar jährlich nicht in der Statistik auftauchten.

          Allerdings, so wenden Kritiker ein, kann man mit „Konsumentenrente“ keine Rechnungen zahlen und keine Schulden begleichen; der Staat kann die Gratis-Transaktionen nicht besteuern. Als harte Währung in der Volkswirtschaft taugen Gratisdinge also nicht. Auch Varian gibt zu, dass manche optimistische Prognose aus dem Silicon Valley vielleicht kurzfristig übertrieben wirke.

          Was die Arbeitsproduktivität angeht, können Internet, soziale Netzwerke und Smartphones ein zweischneidiges Schwert sein. Einerseits erleichtern sie die Kommunikation. Andererseits gehen in Büros auch ungezählte Stunden Arbeitszeit verloren, wenn sich Mitarbeiter auf Facebook oder in Chats ablenken lassen.

          Mehr Arbeit, gleicher Lohn

          Und wenn Büroarbeiter auch nach Dienstschluss erreichbar sind, E-Mails lesen und beantworten, könne man argumentieren, dass ihre in der Statistik ausgewiesene Produktivität eigentlich überschätzt werde, sagt der Yale-Professor Stephen Roach, weil die Arbeitszeit unterschätzt wird. Die offizielle amerikanische Statistik spricht von konstant 34 Wochenstunden, was aber bei vielen nicht mehr stimme. Sie arbeiten länger, bei gleichem Lohn.

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          Wer recht hat, die Produktivitätspessimisten oder die Optimisten, wird sich erst in einiger Zeit erweisen. Große internationale Organisationen von IWF bis OECD prognostizieren allerdings eher ein gebremstes Wachstum. Laut OECD wird die totale Faktorproduktivität der großen Industrienationen in den kommenden Jahrzehnten mit weniger als einem Prozent wachsen.

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