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Digitalisierung : Der Mensch ist der Hund und der Roboter der Boss

Mensch und Maschine: Wer gibt hier die Kommandos? Bild: dpa

Der Chef der Unternehmensberatung Roland Berger zeichnet ein schockierendes Bild der Digitalisierung: Die Beziehung zwischen Mensch und Roboter entwickle sich wie die von Herrchen und Hund – bloß umgekehrt.

          Der Mensch und sein Hund, das ist eine Beziehung voller Treue und Ergebenheit, die nur den Menschen als Herrchen kennt. Zwischen Maschine und Mensch könnte sich ein ähnliches Verhältnis entwickeln, nur umgekehrt – die Maschine ist der Boss. Eine solche Hierarchie beschreibt die Unternehmensberatung Roland Berger in einem gerade veröffentlichten Szenario aus einer nicht mehr fernen Zukunft. Charles-Edouard Bouée, der französische Vorstandsvorsitzende, hat in Frankreich ein Buch herausgebracht, dessen Titel als „Fall des Menschenreiches“ übersetzt werden könnte. Auf dem Cover ist Michelangelos Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle mit den Händen von Gott und Adam abgebildet, doch ist die menschliche durch eine Roboterhand ersetzt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bouée, der schon in seiner Jugend die Roboter-Science-Fiction-Romane von Isaac Asimov verschlang, wagt in seinem Buch einige gewagte Thesen. „Im Jahr 2038 ist es nicht übertrieben, von einer Zivilisation der Maschinen zu reden“, schreibt er. Sie verfügten über „ein bestimmtes Maß an Werten“ und seien „fähig, über das Leben der Menschen zu entscheiden und es zu organisieren“. Maschinengehirne steuern die Finanzmärkte, sie regeln die Geldpolitik sowie die Sicherheit und den Nahverkehr in den Städten; geopolitische Konflikte und Gefahren für die öffentliche Gesundheit können sie vorhersagen. Der Mensch dagegen beschränkt sich vor allem darauf, Filme zu schauen und Spiele zu spielen, die Computer generiert haben. Bouée beschreibt sogar ein Szenario, in dem ein Computer namens Lucie ein eigenes Bewusstsein entwickelt und Paul, einem Menschen, ewiges Leben schenkt. Dafür muss Paul allerdings die volle Kontrolle durch Lucie akzeptieren.

          12.000 Milliarden Dollar Umsatz prognostiziert

          Bouée provoziert bewusst, denn er will wachrütteln. Der Roland-Berger-Chef glaubt, dass Europa in der künstlichen Intelligenz „den globalen Wettstreit gewinnen kann“. Konzerne wie Google, Facebook, Apple und Amazon seien noch nicht unerreichbar enteilt. Mit der künstlichen Intelligenz könne ein „goldenes Zeitalter“ beginnen. Zehntausende von Start-ups würden bald gegründet, sagt er voraus. Der Umsatz der Branche werde bis 2026 von einigen hundert Millionen Dollar auf 12.000 Milliarden Dollar steigen.

          Charles-Edouard Bouée ist der erste nicht-deutsche Chef von Roland Berger.
          Charles-Edouard Bouée ist der erste nicht-deutsche Chef von Roland Berger. : Bild: dpa

          Doch es lauern auch Gefahren. „Ich glaube nicht an den Fall der Menschheit, aber ich glaube, dass wir in diese Richtung gehen können, ohne uns dessen bewusst zu sein“, sagt Bouée im Gespräch mit dieser Zeitung. Daher sieht er sein Buch auch als „Alarmruf“. Er beschreibt darin Roboter, die sich weigern, „politische Entscheidungen umzusetzen, weil diese schädlich für die Unternehmen wären, die sie realisieren sollen“. Die Menschen haben das Denken und Lenken „ohne großen Kampf“ aufgegeben. Und die Roboter stehen vor einer großen Schwierigkeit: „Die Rolle des Menschen zu definieren – was macht man mit ihnen?“ Für Bouée ist künstliche Intelligenz nicht einfach ein Technikthema, sondern „die Zukunft schlechthin“. Trotz der Gefahren warnt er vor einer Regulierungswelle, denn Europa müsse zuerst an seine Wettbewerbsfähigkeit denken.

          Lieber die Oma überfahren oder das Kind?

          Ethische Probleme – hier schwächt der Franzose seine These aus dem Buch etwas ab – würden schon nicht so schnell auftauchen. Und man dürfe die Entwicklung nicht durch ein oder zwei Spezialprobleme komplett blockieren. Dabei zitiert Bouée als Beispiel die in der Autobranche viel diskutierte Frage, wie der Computer eines autonomen Fahrzeugs in einer Extremsituation reagieren soll: Soll er die Oma oder das Kind überfahren? Zunächst müsse Europa an seine Siegchancen glauben, fordert Bouée. „Wenn es einen Plan B gibt, dann ist der Plan A schon tot.“

          Deutsche und französische Ingenieure hätten die Voraussetzungen, um den Kern einer europäischen Offensive zu bilden. Die Franzosen könnten dabei ihre Stärken in Mathematik einbringen, die man schon seit langem in der Entwicklung von Finanzderivaten sehe. Normen werden nötig sein, doch plädiert Bouée dafür, zunächst die Chancen zu sehen. Er glaubt etwa an Systeme der künstlichen Intelligenz, die jeder mit sich herumträgt. „Sie brauchen Ihre Daten dann nicht mehr mit Amazon zu teilen, sondern finden selbst den Zulieferer, der Ihnen beispielsweise ein Buch liefert.“ Die Daten wären individuell bei den Nutzern gespeichert. Angst vor der Datenherausgabe würde dies mildern, erwartet er.

          Am Ende hat der Mensch aber schon noch eine Chance. Das menschliche Hirn, so Bouée braucht 12,6 Watt Energie, die Riesenrechner der künstlichen Intelligenz dagegen 15.000.000 Watt. Vielleicht überlebt er, weil er ein guter Energiesparer ist?

          Quelle: F.A.Z.

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