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Internet Google fühlt sich mißverstanden

18.03.2006 ·  Google-Chef Eric Schmidt will sich nicht davon verunsichern lassen, daß Google in der Öffentlichkeit und an der Börse zuletzt in Ungnade gefallen ist. Die Kritik, Unternehmenprinzipien aus Profitgier zu opfern, weist er zurück.

Von Roland Lindner, New York
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Google spürt Gegenwind. Die Internetgesellschaft hat in jüngster Zeit für eine ganze Serie von Negativschlagzeilen gesorgt, und die Aktie des vormaligen Börsenstars hat deutlich an Wert eingebüßt. Der erste enttäuschende Quartalsbericht, widersprüchliche Aussagen über die künftigen Wachstumsperspektiven, ein Lapsus mit einer an die Öffentlichkeit gekommenen internen Umsatzprognose und eine heftige Kontroverse um den Marktstart in China, wo sich Google den Zensurvorschriften der Regierung unterwirft, waren nur einige der Dinge, die am Glanz gekratzt haben. Auf einmal fühlt sich das Unternehmen, das in den vergangenen Jahren von einer Welle der Euphorie getragen wurde, mißverstanden.

„Google steht extrem unter Beobachtung. Deshalb sollten wir uns mehr Mühe mit der Kommunikation nach außen machen“, sagte Vorstandschef Eric Schmidt gegenüber Journalisten in der New Yorker Niederlassung des kalifornischen Unternehmens. Google gilt schließlich als notorisch geheimniskrämerisch, was Aussagen zur Unternehmensstrategie betrifft. Tatsächlich wird jeder Schritt von Google (und auch jeder gerüchteweise kolportierte Schritt) in der Öffentlichkeit so genau seziert wie wohl bei kaum einem anderen Unternehmen. Neue Projekte führen sofort zu Spekulationen, auf welchen Wettbewerber sie als Frontalattacke gedacht sind (Yahoo, Ebay oder Amazon, meistens aber Microsoft). „Im Verhältnis zu dem, was über uns geschrieben wird, muß ich sagen, wir sind eigentlich gar nicht so aufregend“, sagt Schmidt, wobei er zugibt, daß er dem legendenumwitterten Nimbus viel abgewinnen kann („Das zieht die besten Mitarbeiter an“).

„Das öffentliche Meinungsbild ist eine zyklische Sache

Google steht nun auch wegen seines im Januar gestarteten China-Engagements so stark in der Kritik wie kein Wettbewerber, obwohl sich auch Yahoo oder Microsoft den Wünschen der dortigen Regierung beugen. Sie zeigen auf den chinesischen Seiten bei Begriffen, die von der Staatsführung für politisch heikel gehalten werden (wie etwa „Platz des Himmlischen Friedens“), zensierte Ergebnisse an, die ganz anders ausfallen als auf Seiten in anderen Ländern. „Es war vielleicht die kontroverseste Entscheidung, die wir je im Unternehmen getroffen haben“, sagt Schmidt. Zusammen mit den Unternehmensgründern Larry Page und Sergey Brin habe er ein Jahr lang heftige Diskussionen geführt, „und wir hatten nicht die gleiche Meinung, ob wir das wirklich machen sollen“. Schmidt begründet die letztendliche Kompromißbereitschaft des Unternehmens damit, daß Chinesen von einer zensierten Google-Seite noch immer mehr hätten als von gar keiner - und impliziert damit auch, daß Google besser ist als alle vorher in China vertretenen Wettbewerber.

Ein Playboy-Interview zur falschen Zeit

Die Kritik, Unternehmenprinzipien aus Profitgier zu opfern, weist er zurück. „Das Geschäft mit Werbung ist in China erst am Entstehen. Wir machen dort nur wenig Umsatz“. Schmidt will sich nicht davon verunsichern lassen, daß Google in der Öffentlichkeit und an der Börse zuletzt in Ungnade gefallen ist: „Das öffentliche Meinungsbild ist eine zyklische Sache“, sagt er und erinnert daran, daß Google schon einmal ein Tief durchmachen mußte. Das war kurz vor dem Börsengang im Jahr 2004: Google hatte es sich damals durch allzu forsches Auftreten mit vielen Marktteilnehmern (zum Beispiel den Investmentbanken) verscherzt, der Ausgabepreis der Aktie mußte deutlich gesenkt werden, und ein Interview der Unternehmensgründer im „Playboy“ mitten in der Schweigeperiode sorgte für Aufregung: „Die Leute dachten, wir sind Idioten.“ Freilich hat sich das damals sehr schnell geändert, spätestens mit der Veröffentlichung des ersten Quartalsberichts, nach der die Aktie von Google zu einem steilen Aufstieg ansetzte.

Im Januar hat Google erstmals mit Quartalszahlen die Erwartungen der Analysten verfehlt und damit für einen Schock an den Märkten gesorgt. Vor wenigen Wochen sorgte dann Google-Finanzvorstand George Reyes für Aufregung, als er bei einer Konferenz andeutete, das Wachstumspotential von Google im Kerngeschäft mit Online-Werbung könnte begrenzt sein und das Unternehmen müsse sich nach anderen Umsatzquellen umsehen. Google macht heute fast seinen gesamten Umsatz mit Anzeigen, die neben Ergebnisse von Internetsuchen gestellt werden. Bei jedem Klick eines Internetnutzers bekommt Google einen Geldbetrag, der vorher in einer Auktion festgelegt worden ist. Wettbewerber wie Yahoo haben auf ihren Seiten auch gewöhnliche Internet-Anzeigen, wobei dieser Bereich als wachstumsschwächer gilt. Google hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz von 3,19 Milliarden auf 6,14 Milliarden Dollar fast verdoppelt.

Zukunft in Video-Inhalten

Nach den Worten von Schmidt wird das Anzeigengeschäft noch für lange Zeit die dominierende Umsatzsäule für Google sein. Er gibt aber zu, daß das Unternehmen sein Geschäft künftig auf eine breitere Basis stellen will. Als aussichtsreichstes Gebiet sieht er dabei den Verkauf von Video-Inhalten. Google verkauft heute schon einige Fernseh-Shows oder Musikvideos über seine Seite. Schmidt erhofft sich von der im Dezember geschlossenen Allianz mit der zum Medienkonzern Time Warner gehörenden Internetgesellschaft AOL, das Geschäft um weitere Inhalte ausbauen zu können. Google kauft im Rahmen dieser Allianz einen 5-Prozent-Anteil an AOL für eine Milliarde Dollar, die weiteren Konditionen der Partnerschaft werden noch ausgehandelt. AOL könnte Google nach den Worten von Schmidt auch helfen, das Geschäft mit gewöhnlichen Internetanzeigen zu erschließen, wobei er nicht sagt, welche Modelle er sich vorstellen kann. Die traditionell spartanischen Google-Seiten selbst sollen nach seinen Wrten weiterhin frei von solchen Anzeigen bleiben. Google hat außerdem seit kurzem ein eigenes Online-Bezahlsystem, das dem zu Ebay gehörenden Angebot Paypal Konkurrenz machen soll.

Als eine Bedrohung für das Kerngeschäft von Google mit den Suchanzeigen sehen Analysten den sogenannten Klickbetrug. Davon spricht man, wenn Klicks auf Anzeigen nicht von Internetnutzern kommen, die tatsächlich am Werbekunden interessiert sind. Stattdessen werden die Klicks manipuliert, was die Kosten für die Werbekunden in die Höhe treibt, ohne ihnen die erhoffte Aussicht auf neue Geschäfte zu geben. Hinter solchen Aktionen stehen zum Beispiel Wettbewerber, die ihren Rivalen schaden wollen. Es gibt Schätzungen, wonach dies Werbekunden mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr kostet. Schmidt behauptet dagegen, das Problem sei „geringfügig“. Trotzdem hat Google in der vergangenen Woche einen Vergleich zur Beilegung einer Sammelklage von Werbekunden wegen Klickbetrugs im Umfang von 90 Millionen Dollar geschlossen. „Das war aber allein eine Entscheidung der Anwälte, um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen“, sagt Schmidt und fügt hinzu: „Ich persönlich hätte das wahrscheinlich nicht gemacht“.

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