Home
http://www.faz.net/-gqe-osdg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Internet Die Suchmaschine verirrt sich auf dem Weg zur Börse

02.05.2004 ·  Google sorgt für den spektakulärsten Börsengang seit Jahren. Gerade jetzt, wo der Ruf bröckelt. Denn Yahoo und Microsoft können es besser.

Von Henning Peitsmeier
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Suche nach dem "erbärmlichen Versager" endet bei George W. Bush. Wer bei Google den englischen Begriff "miserable failure" eingibt, landet bei der Biographie des amerikanischen Präsidenten mit einem Link zur Website des Weißen Hauses. Nur ein Gag. Doch er zeigt eindrucksvoll die Schwächen der weltbekannten Internetsuchmaschine. Google liefert nicht mehr, wie von Suchenden noch geglaubt, immer die besten und schnellsten Suchergebnisse.

Noch ist Google unangefochten: Keine andere Internetsuchmaschine wird täglich von so vielen Millionen Suchenden aufgerufen. Vier von fünf Netzsuchen laufen über Google. Nichts, was nicht von irgend jemand im Web "gegoogelt" werden kann. Der Suchmaschinenbetreiber ist klar die Nummer eins in der Branche. Und ein milliardenschwerer Konzern.

Google ist eine Geldmaschine

Das hat der frühere Underdog aus dem Silicon Valley Ende vergangener Woche offiziell gemacht. Erstmals in seiner jungen Unternehmensgeschichte veröffentlichte der Internetkonzern seine Geschäftszahlen. Und die lagen am oberen Ende der Expertenschätzungen. Google, erst 1998 von den beiden Stanford-Doktoranden Sergej Brin und Larry Page gegründet, macht heute einen Umsatz von fast 1 Milliarde Dollar bei einem operativen Gewinn von 340 Millionen Dollar. Damit hat der Konzern bestätigt, was alle vermuteten: Google ist eine Geldmaschine.

Daß sich die Einnahmen von Google im ersten Quartal 2004 verdoppelt und die Bruttomarge mit 86 Prozent sogar weit über den Erwartungen lag, hat den Eindruck eines hochprofitablen und schnell wachsenden Konzerns nachhaltig verstärkt. In so einer Verfassung kann man an die Börse gehen. Lange wurde darüber nur spekuliert. Jetzt wird auch das konkret: Die Kalifornier wagen den Schritt an die Wall Street, wollen bis zu 2,7 Milliarden Dollar einnehmen. Insgesamt dürfte Google rund 25 Milliarden Dollar wert sein. Zunächst wird also nur ein kleiner Teil des Unternehmens an die Börse gebracht. Doch Google-Aktien werden an der Wall Street ähnlich eingestuft wie Yahoo-Papiere.

Negativschlagzeilen

Erleichterung überall. Die Finanzszene jubelt über einen Börsengang, der an die Goldgräberstimmung des Internetbooms erinnert. Schon jetzt reiben sich die Investmentbanker von Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston die Hände. Sie werden Google an die Börse begleiten, was beiden Häusern Einnahmen von geschätzten 100 Millionen Dollar bescheren dürfte. Nur kurzzeitig gab es Irritationen. Da kursierten Gerüchte, die beiden Google-Gründer Brin und Page würden die Aktien ausschließlich in einer Internetauktion unters Volk bringen, um Investmentbanken auszubremsen. Wenn im Spätsommer oder Herbst - ein genauer Zeitpunkt wurde nicht genannt - Google-Aktien gezeichnet werden können, sind alle dabei. Investoren, Broker und Analysten hoffen auf eine neue Erfolgsstory. Google wird schnell in einem Atemzug mit Ebay, Yahoo und Amazon genannt - jene Dotcom-Companies, die den Börsencrash überlebt haben und heute solide dastehen.

Doch kann Google wirklich die Erfolgsgeschichte der vergangenen fünf Jahre ungebremst fortschreiben? Zweifel mehren sich. Und sie stehen in direktem Zusammenhang mit den jüngsten Negativschlagzeilen der Suchmaschine: zu schlechte Trefferquoten, zu viel virtueller Müll, sogar Rechtsstreitigkeiten mit anderen Firmen. Und dann gibt es ja noch wachsame Wettbewerber wie den weltgrößten Softwarekonzern Microsoft, dem schon lange Pläne für eine eigene Suchmaschine nachgesagt werden.

„Börsengang von Google ist riskant“

Die Microsoft-Suchmaschine MSN hat in den Vereinigten Staaten immerhin schon einen Marktanteil von 15 Prozent, ist in Europa aber unbedeutend. Und auch in Deutschland wird sie sehr viel seltener benutzt, wenngleich sie bei einem Test der Zeitschrift Chip besser abschnitt als Google. Seitdem Microsoft das lukrative Geschäft mit Suchmaschinen erkannt hat, setzt der Konzern aus Redmond alles daran, gegenüber Google und Yahoo aufzuholen. Und wenn das nicht hinhaut, kann Microsoft ja immer noch kaufen.

"Der Börsengang von Google ist riskant. Damit wächst die Gefahr, von Microsoft übernommen zu werden", sagt Wolfgang Stock, Professor am Institut für Informationswissenschaften an der Universität Düsseldorf. Stock ist einer der Kritiker von Google. Für den Wissenschaftler ist Altavista, jüngst von Yahoo übernommen, die bessere Suchmaschine. "Altavista hält sechsmal mehr Patente zur Suchtechnik als Google." Obwohl Google nach den Zugriffszahlen immer noch vorn liegt, müsse das Unternehmen daran arbeiten, seine "linguistische Basis" zu verbessern, rät Stock. Suchen mit Klammern, Jokerzeichen oder die Semantik, das alles beherrscht Google heute nicht.

Entwickler für Manipulationen

Längst haben findige Programmierer die Schwäche im Google-Algorithmus erkannt. Schlimmer: Google ist zur Zielscheibe von Spammern geworden, die die Suchergebnisse mit Datenmüll überfrachten. "Google ist im letzten Halbjahr schlechter geworden", urteilt etwa Suchmaschinen-Experte Richard Wiedemann. Der Diplom-Mathematiker, der selbst ein auf einer Suchmaschine basierendes Informationssystem ausgearbeitet hat, ist skeptisch, ob Google sich der Attacken erwehren kann. Überall tüfteln Wissenschaftler an noch schlaueren Suchmaschinen. "Es haben sich unglaublich viele Entwickler auf den Google-Algorithmus eingeschossen." Es ist das - bislang erfolgreiche - Google-Prinzip: Links, die auf viele andere Links verweisen, stehen in der Rangliste ganz vorn.

So wie die Biographie von George Bush bei der Suche nach dem erbärmlichen Versager. Firmen bezahlen mittlerweile Entwickler für Manipulationen, damit sie oder ihre Produkte bei Google-Abfragen ganz vorn laden. Und als ob das nicht reichen würde, drohen Google Rechtsstreitigkeiten, weil einzelne Konzerne ihre Namen nicht mehr als Suchworte zulassen wollen und ihre Markenrechte gefährdet sehen. Grund sind die Schlüsselworte, die Anzeigenkunden von Google angeben - mitunter auch gleich die von der Konkurrenz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.05.2004, Nr. 18 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 40 149

29.05.2012 14:53 Uhr
  Vortag
Dax 6.370,19 +0,74%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.388,24 +0,83%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2545 +0,03%
Rohöl Brent Crude 107,18 $ −0,07%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.